Buchprojekt aus Bremen

„Corona Papers“ beschreiben die Krise

Die Bremerin Vivien-Catharina Altenau hat befreundete Autorinnen und Autoren gebeten, über die Pandemie zu schreiben. Herausgekommen ist die Anthologie "Corona Papers – Texte aus dem Lockdown“.
26.05.2020, 08:36
Lesedauer: 4 Min
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„Corona Papers“ beschreiben die Krise
Von Katharina Frohne
„Corona Papers“ beschreiben die Krise

Auch die Bremerin Vivien-Catharina Altenau zwang die Pandemie wochenlang zur Untätigkeit. Ihr Ausweg: ein Buch, das festhält, "wer wir in der Krise gewesen sind".

Christina Kuhaupt

Bremen. Die Idee kam über Nacht. Eines Abends, sagt Vivien-Catharina Altenau, sei sie ins Bett gegangen, „schlecht gelaunt und grummelig“, und am nächsten Morgen sei es dagewesen, leuchtend wie ein blinkendes Exit-Schild: ein Buch, eine Anthologie genau genommen, mit „Texten aus dem Lockdown“.

So richtig da war das Buch natürlich nicht, so richtig da war es vier Wochen später. Zuerst, sagt Altenau, gab es da nur diesen diffusen Plan: Stimmen zu sammeln aus einer Zeit, die viele zum Abtauchen zwinge, über die sich gleichzeitig so viel sagen ließe. Auch Altenau selbst hatte die Corona-Pandemie wie so viele Kreative zur Untätigkeit verdonnert. Der Musketier-Verlag in der Überseestadt, für den die 26-jährige Bremerin seit Beginn des Jahres arbeitet, hatte seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen, auch ihr Zweitjob in der Georg-Büchner-Buchhandlung im Viertel fiel wegen vorübergehender Geschäftsschließung flach.

„Es hat mir richtig auf die Stimmung geschlagen, nicht arbeiten und mich mit Sprache und Literatur beschäftigen zu können“, sagt Altenau. „Ich war mir sicher: Das empfinden auch ganz viele andere so.“ Und noch einen Gedanken trug sie mit sich herum: „Ich habe mich gefragt, was bleiben wird“, sagt Altenau. „Was wir einander einmal erzählen werden über diese seltsamen Tage, an denen ja eigentlich nicht viel passiert.“ Äußerlich zumindest. Innerlich, sagt Altenau, passiere hingegen eine Menge, da seien Ängste, Überforderung, Zukunftssorgen. Aber auch: Gedanken, die es zu konservieren lohne.

Konservierte Gedanken sind gewissermaßen Altenaus Spezialgebiet. Neben ihren zwei Jobs in Bremen promoviert sie an der Universität Oldenburg. Zum Thema: autobiografische Texte. Texte also, denen immer eine Selbstbeobachtung vorausging, die immer auch eine Selbstvergewisserung darstellen. Was bewegt mich? Was quält mich? Was wünsche ich mir? Fragen, die sehr persönliche Antworten hervorbringen, sagt Altenau. Und die sie gerade deshalb auch anderen stellen wollte.

Beziehungen auf digitaler Basis

Für ihr Buch kontaktierte sie „Menschen, die ich persönlich oder über andere kannte und von denen ich mir vorstellen konnte, dass sie etwas beitragen wollen würden“. 35 Autorinnen und Autoren kamen zusammen, darunter der Oldenburger Autor Irmin Burdekat, die ebenfalls aus Oldenburg stammende Poetry-Slammerin Annika Blanke und der Bremer Schauspieler Martin Leßmann.

Letzterer findet vier Worte für die Zeit, die viele Haushalte vor große Herausforderungen stellt. Oder vielmehr: Er erfindet. „Familie vereint“ heißt das Kurzgedicht, und es geht so: „Kindstlerisch / Elternativ / Vaterlistisch / Muttiviert.“

Unterschrieben sind seine Zeilen nur mit „Martin, Schauspieler“. Eine bewusste Entscheidung, sagt Vivien Altenau. „Ich möchte erreichen, dass Leserinnen und Leser sich ganz mit dem Geschriebenen auseinandersetzen, mit der Privatperson; zu viel zu verraten würde ablenken, vom eigentlich Wesentlichen.“

Wesentlich, das sei in ihrem Buch die Frage, was das Virus auslöse. Und, was es anrichte. Gertrud etwa schreibt: „Zum Geburtstag meiner Tochter machten wir einen ausgedehnten Waldspaziergang. Tochter bestand darauf, dass ich in vier Metern Abstand von ihnen vorweg gehe. Enkelsohn wurde stets dazu angehalten, Abstand zu mir, seiner Oma, einzuhalten. Nicht leicht für ihn, nicht leicht für mich.“ Und Courtney formuliert: „Meine Vorfreude auf ein Abenteuer in Alaska ist abgeklungen. Die Welt da draußen ist keine Herausforderung mehr, sondern die Beziehungen auf digitaler Basis.“

Jemand, der seinen Namen mit V.C. abkürzt, fasst in Worte, wie es ist, einer der Menschen zu sein, die dieser Tage als besonders gefährdet gelten: „Ich bin irritiert, denn seitdem Covid-19 Einzug hält, scheint mein Leben in Ordnung zu sein. Ich meine nicht, die Welt sei in Ordnung. Das ist sie so ganz und gar nicht. Nein, ich meine tatsächlich ganz schlicht und einfach: meine eigene seltsame Lebensart. Ich war schon immer Risikopatient, bewege mich mal mehr und mal weniger absichtlich am Rande meiner Existenz. Und plötzlich: tut ihr das auch.“

132 Seiten haben die „Corona Papers“, sie enthalten Prosa, Poesie, Haikus. Illustrationen zu vielen der Texte steuerte die in Berlin lebende Künstlerin Niusha Ramzani bei. Knapp vier Wochen habe es gedauert, bis das Buch inhaltlich stand, sagt Altenau. Ein Wimpernschlag in Buchverlagszeitrechnung. Einige Beiträge, nämlich die der erprobten Schreiberinnen und Schreiber seien „quasi fertig“ bei ihr angekommen, an anderen sei gemeinsam gefeilt, „an Sätzen gebastelt“ worden. „Mir war wichtig, dass es nicht nur um bloße Erlebnisberichte geht, sondern dass das Ganze einen literarischen Wert hat“, sagt sie. Was also bleibt aus dieser Zeit? Hoffentlich eine Sammlung von Stimmen, die auch später noch zu den Menschen sprechen werden, sagt Altenau. Dann, wenn Corona überwunden ist, wenn der Alltag die oft unliebsamen Erinnerungen an die Krise überschreibt. „Vieles, das gerade über diese Zeit gesagt wird, ist flüchtig“, sagt Altenau, es wird auf Twitter geschrieben oder anderswo, es wird nach unten wandern in den Timelines und Newsfeeds. Es wird nachträglich Deutungen geben, Analysen, Romane, die zu Coronazeiten spielen. Sie aber habe Momentaufnahmen festhalten wollen, sagt Altenau. „Ich will auf Papier bannen, wer wir in der Krise gewesen sind.“

Weitere Informationen

Vivien Catharina Altenau (Hrsg.): Corona Papers. Musketier Verlag, Bremen. 132 Seiten, 14€. Als E-Book bereits erhältlich, das gedruckte Buch erscheint am 2. Juni.

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