Interview mit Moritz Puschke

„Musik ist der Humus der Gesellschaft“

Moritz Puschke ist Musiker, Festivalveranstalter und Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats. Im Interview spricht er über die Lage der Kulturbranche und darüber, was Akteure jetzt beachten sollten.
18.03.2020, 08:44
Lesedauer: 5 Min
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„Musik ist der Humus der Gesellschaft“
Von Alexandra Knief
„Musik ist der Humus der Gesellschaft“

Musiker, Festivalveranstalter und Musikrat-Präsidiumsmitglied Moritz Puschke betont, wie wichtig es ist, dass Künstler jetzt die Ärmel hochkrempeln.

Joanna Scheffel
Herr Puschke, das Coronavirus legt gerade die Gesellschaft lahm. Mittlerweile sind fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens betroffen, die Kulturbranche trifft es aber besonders hart. Wie nehmen Sie das Ganze wahr?

Moritz Puschke: Der Shutdown erwischt die Branche wahnsinnig heftig, weil ja mittlerweile fast alle Veranstaltungen in ganz Deutschland abgesagt worden sind, auch unabhängig von der Größe. Das ist eine ganze Kette an Menschen, die das trifft. Besonders hart ist das natürlich für die Künstler und Künstlerinnen. Ein Großteil der Musiker in Deutschland ist freischaffend tätig. Die meisten leben sowieso schon in recht prekären Verhältnissen.

Was bedeutet das konkret?

Ein freischaffender Musiker in Deutschland hat laut Künstlersozialkasse ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 13 000 Euro. Da kann man sich an einer Hand abzählen, dass dies Menschen sind, die es sich nicht leisten können, irgendwelche Rücklagen zu bilden oder teure Versicherungen abzuschließen. All diese Menschen wissen jetzt nicht, wie es mit ihrer künstlerischen Existenz weitergeht. Der andere Personenkreis, den es in der Szene besonders heftig trifft, sind die Veranstalter, die keine institutionelle Förderung erhalten. Clubs, Festivals, Freie Szene – viele arbeiten ohne Rücklagen und sind durch die Absagen unmittelbar betroffen.

Verstehen Sie, dass sich einige Veranstalter kleinerer Events trotz des Appells vonseiten der Politik und der Wissenschaft, soziale Kontakte zu vermeiden, lange dagegen ­gewehrt haben, ihren Betrieb einzustellen?

Ich verstehe, dass die, die um ihre Existenz fürchten, versuchen, zu retten, was zu retten ist. Aber gesamtgesellschaftlich verstehe ich das nicht. Trotz aller wirtschaftlichen Nöte ist es nun wichtig, dass man sich irgendwie zurücknimmt, dass man lernt, zur Ruhe zu kommen und solidarisch dazu beiträgt, dass sich dieses Virus nicht weiter ausbreitet.

Im Deutschen Musikrat (DMR) und auch in vielen anderen Dachverbänden wird gerade versucht, Vorschläge für finanzielle Lösungen zur Unterstützung der Kultur- und ­Musikszene zu sammeln. Wie könnten diese aussehen?

Der DMR fordert zum Beispiel ein auf sechs Monate befristetes Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro für alle freiberuflichen Kreativschaffenden. Das Allerwichtigste ist, dass es unbürokratische Soforthilfen gibt. Für die Festangestellten gibt es das Kurzarbeitergeld, aber der Großteil der Musiker und Musikerinnen in Deutschland hat keine Festanstellung. Unser Finanzminister hat zinslose Kredite angekündigt. Die sind für eine kurzfristige Überbrückung wichtig, man muss aber vor allem überlegen, wie Musiker und Veranstalter möglichst schnell an sie herankommen.

Wie kann das Ihrer Meinung nach gewährleistet werden?

Man muss bundesweit – und das ist auch die Aufgabe des Deutschen Musikrats, der Spitzenverbände – Einfluss nehmen auf die Politik, auf die Bundesregierung, auf die Ministerpräsidenten und die Kulturminister der ­Länder. Die müssen sich darüber klar sein, dass es unbürokratische Soforthilfe braucht. Und es müssen Wege gefunden werden, wie diese Hilfen dann auch bei denen, die es brauchen, ankommen. Da wird es regionale neue ­Strukturen und Anlaufstellen brauchen. Es macht keinen Sinn, wenn wir da jetzt zentralistisch verfahren und die Kulturschaffenden über Monate und Wochen Anträge schreiben müssen, die dann vielleicht im Oktober bewilligt werden. Bis dahin hält die Szene nicht durch.

Aber kann Deutschland auch ohne Bürokratie?

Auf jeden Fall braucht es auf der Seite der Entscheider Vertrauen. Es ist in der Szene so, dass oftmals keine Verträge geschlossen werden. In diesen Fällen darf man nicht sagen: Jetzt gibt es kein Geld. Im Zweifel müssen Honorarvereinbarungen dann eben über E-Mail-Verkehr oder Ähnliches nachvollzogen werden oder durch veröffentlichte Veranstaltungsankündigungen belegt werden.

Was können die Betroffenen selbst tun?

Als Musiker ist es wichtig, jetzt nicht in eine Defensivspirale zu kommen und sich in seine Trauer zurückzuziehen. Es ist wichtig, aktiv zu werden, seine Sachen nachzuweisen und mit den zuständigen Stellen in Kontakt zu kommen. Wer Hilfe braucht, kann sie sich ­holen: beim deutschen Musikrat, bei den ­Landesmusikräten, bei den Gewerkschaften, bei den Behörden und der Künstlersozialkasse. Die Gesellschaft für die Verwertung von Leistungsrechten (GVL) kann mit kleinen Soforthilfen eventuell auch was tun. Man muss sich jetzt kundig machen. Finanzminister Olaf Scholz hat gesagt: Es liegt nicht am Geld, wir haben genug Rücklagen. Ich kann also nur alle Musikschaffenden aufrufen, mündig zu werden und nicht – wie sonst so oft in der Szene – zu meinen, mit den schlechten Bedingungen jetzt irgendwie klarkommen zu müssen.

Mittlerweile gibt es auch im Kleinen zahlreiche Hilfsaktionen: Petitionen zur Künstlerunterstützung im Internet, Crowdfunding-Aktionen und Aufrufe an Konzertbesucher, das in abgesagte Veranstaltungen investierte Geld nicht zurückzuverlangen, sondern zu spenden. Können diese Aktionen etwas bewirken?

Betriebswirtschaftlich sind diese Aktionen ­sicher nicht die Lösung aller Probleme, es entsteht allerdings eine Bewegung, die den Betroffenen zeigt: Ihr seid nicht alleine! Die Aktionen machen Mut. Es ist wichtig, dass Veranstalter auch verstärkt darauf hinweisen, dass der Kunde selbst entscheidet, ob er sich sein Geld zurückholen oder den Veranstalter unterstützen möchte. Dazu braucht es aber auch einen rechtlichen Rahmen, für den es in der Branche schnell Klärungen geben muss. Wenn wir jetzt die Kulturszene am Leben erhalten – denn um nichts anderes geht es –, dann kann sie bei den ersten Anzeichen der Entspannung der Corona-Krise ihre enorme Bedeutung für das gesellschaftliche Wohlbefinden und die Psyche eines jeden Einzelnen sofort ausspielen.

Der Deutsche Musikrat hat vor Kurzem eine Umfrage unter Kulturschaffenden über die Auswirkungen der Corona-Krise auf ihre Arbeit initiiert, um sich ein möglichst umfassendes Bild von den Problemen und finanziellen Schäden zu machen – haben Sie Einblick in die bisherigen Ergebnisse?

Eine erste Zwischenauswertung zeigt nur, dass die meisten freiberuflichen Musiker und Musikerinnen mit ihrem geringen Einkommen keinen Spielraum für Rücklagen haben. Die Umfrage läuft noch bis zum 31. März. Auch die Deutsche Orchestervereinigung hat eine Umfrage für die gesamte freie klassische Musikszene gestartet. Die Befragungen sollen dabei helfen, aufzuzeigen, um welche Summen es eigentlich geht.

James Blunt spielte vergangene Woche ohne Zuschauer in Hamburg, die Bayerische Staatsoper überträgt Aufführungen online, Igor Levit gibt Hauskonzerte und stellt diese in sozialen Netzwerken zur Verfügung. Ebnet die Krise auch den Weg zu ganz neuen Konzertformaten?

Es liegt in der kreativen Natur von Musikern und Kulturschaffenden, dass man sofort anfängt, mit Mangel kreativ umzugehen. Das ist auch notwendig, denn Musik ist der Humus unserer Gesellschaft. Ebenso wichtig ist es, dass Menschen sich versammeln, ob nun online oder in echt. Musik ist gut für das Seelenheil, und die Sehnsucht nach ihr wird jetzt in der Corona-Krise sicher nicht weniger. Natürlich kann man sich jetzt CDs anhören, Schallplatten auflegen, DVDs angucken. Und natürlich ist es auch toll, wenn es jetzt die Möglichkeit gibt, Konzerte zu streamen...

Das klingt, als käme da jetzt noch ein aber...

Aber: Nicht alle haben die Bühnen und die Technik, so etwas zu machen. Kurzfristig geht das für 95 Prozent der Bands, Musiker und freien Orchester nicht. Deshalb muss man jetzt auch aufpassen, dass bei aller Kreativität kein Kannibalismus entsteht, bei dem die Großen und Starken ihre Konzerte machen und damit alle, die das nicht können, noch mehr frustrierten. Es werden sich neue Wege ebnen, es wird neue Formate geben, die es Künstlern ermöglichen werden, präsent zu bleiben – nicht nur online. Mein Appell an die Künstler bleibt dennoch: Konzentriert euch erst mal auf die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Die Politik braucht unser Know-how, um richtig helfen zu können.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Moritz Puschke

ist künstlerischer Leiter verschiedener Festivals, ehrenamtliches Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats und zudem Mitglied der Bremer Band The Fairies, die sich auf Musik der Beatles spezialisiert hat.

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