Max Raabe im Interview „Das Bremer Musical-Theater ist wie eine Wohnstube“

Ein schwarzer Anzug und dazu eine adrette Fliege – das Bühnenoutfit von Max Raabe. Im Interview spricht der 54-Jährige über sein Konzertprogramm, deutsche Liedtexte und den Hochzeitszylinder seines Vaters.
08.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Frohne

Ein schwarzer Anzug und dazu eine adrette Fliege – das Bühnenoutfit von Max Raabe. Im Interview spricht der 54-Jährige über sein Konzertprogramm, deutsche Liedtexte und den Hochzeitszylinder seines Vaters.

Auf Facebook durften Ihre Fans darüber abstimmen, welche Titel Sie auf der neuen Tour spielen werden. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Max Raabe: Über die Zeit hat sich ein riesiges Repertoire angesammelt. Wir haben über 600 Titel im Programm, die wir alle schon mal auf die Bühne gebracht oder aufgenommen haben. Das ist natürlich eine enorme Auswahl. Die Idee war, einfach mal zu sagen, guckt mal, ob da was bei ist, was ihr mal wieder hören wollt oder was ihr noch nie gehört habt.

Was kam dabei heraus?

Ich hatte darauf gehofft, dass sich eine schöne Mischung ergibt aus den neuen Titeln, die ich mit Annette Humpe geschrieben habe, wie „Küssen kann man nicht alleine“ oder „Für Frauen ist das kein Problem“, und alten Stücken. Und das war dann auch so. Wirklich verblüffend war, dass „La Mer“ von Charles Trenet auf Platz eins gelandet ist, sogar mit einigem Abstand. Das haben wir mal für Frankreich-Tourneen erarbeitet und da auch nicht sehr oft gespielt. In Deutschland haben wir es noch nie aufgeführt. Darauf wären wir nie gekommen. Sonst haben die Leute dann schon eher so reagiert, wie ich es vermutet hätte. „Kein Schwein ruft mich an“ ist jetzt zum Beispiel zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren wieder im Programm.

Sie sagen, mehr als 600 Titel standen zur Wahl. Haben Sie selbst auch ein Lieblingslied? Oder eines, das Sie nicht mehr hören können?

Ich habe ungefähr 600 Lieblingslieder. Die Stücke, die ich nicht mehr hören kann, sind gar nicht mehr Teil des Programms. Das ist wie mit einem Lieblingsgericht. Man isst etwas besonders gern und übertreibt es und dann wandert es erst mal von der Speisekarte. Bis man auf einmal wieder einen Heißhunger darauf hat. So ist es auch mit der Musik. Uns zwingt ja niemand, etwas auf die Bühne zu bringen. Aber: Alle Stücke hatten irgendwann mal ihre Berechtigung, jedes von ihnen ist an irgendeiner Stelle die perfekte Nummer gewesen.

Spielen Sie auf der „Das hat mir noch gefehlt…“-Tour also ausschließlich Publikumswünsche?

Nein, das nicht. Wir müssen ja immer auch einen dramaturgischen Bogen spannen, wir können nicht einfach ein Lied nach dem anderen runterdudeln. Aber wir haben uns bei der Gestaltung des Konzert-Programms sehr von den Wünschen inspirieren lassen. Die Favoriten tauchen alle auf.

Drei Abende hintereinander, vom 15. bis 17. Februar, werden Sie im Musical-Theater spielen. Länger, nämlich ganze drei Wochen, bleiben Sie nur in Berlin. Was verschafft uns die Ehre?

Zum einen hat Bremen ein wunderbares Theater, in das wir sehr gut hineinpassen. Das Musical-Theater ist wie eine Wohnstube: Man sieht von allen Plätzen sehr gut. Zum anderen ist Bremen eine schöne Stadt. Im Umkreis kenne ich ein paar Leute privat. So kann ich Freundschaften pflegen und die angenehme Atmosphäre der Stadt genießen.

Aufgewachsen sind Sie in den 70er-Jahren auf einem Bauernhof in Westfalen. In Ihrer Jugend waren Bands wie ABBA, Boney M. oder Smokey in den Charts vertreten. Wie kam es zu Ihrer Vorliebe für die Schlager der 20er- und 30er-Jahre?

Die genannten Bands waren bei uns Zuhause gar nicht so angesagt. Mein Bruder hat Birth Control gehört. Oder Kraftwerk – die fand ich auch toll. Da machte sich schon meine Affinität zur deutschen Sprache bemerkbar. Ansonsten habe ich eigentlich immer gehört, was alle gehört haben. Ich war da relativ emotionslos. Hauptsache, man konnte dazu rumzappeln. Als 12- oder 13-Jähriger habe ich dann eine Schellackplatte bei uns im Plattenschrank entdeckt, die mich sehr berührt hat – eine Aufnahme von „Ich bin verrückt nach Hilde“. In Münster gab es einen Flohmarkt, auf dem habe ich mich mit dieser Musik eingedeckt. Ich war damals Messdiener und bei den Pfadfindern. Wenn es Feiern in der Gemeinde gab, habe ich mir den Hochzeitszylinder meines Vaters aufgesetzt und „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ gesungen. Ich habe das gar nicht weiter ernst genommen oder daran gedacht, dass das mal mein Beruf werden könnte. Ich glaube, meine Eltern hätten sich große Sorgen gemacht, wenn sie das am Anfang schon geahnt hätten. Die hätten wohl gedacht: Um Gottes Willen, der Junge dreht durch.

Hören Sie privat auch Pop- und Rockmusik?

Ich bin sehr neugierig, was gerade so los ist. Ich finde, es gibt tolle Gruppen, die schöne deutsche Texte schreiben. Ich halte das ja für etwas Schwieriges. Weil man viel leichter ertappt wird, wenn man in die Plattitüdenfalle tritt. Im Englischen fällt das nicht so auf. Da hört man eher den Subtext mit und achtet weniger auf die konkrete Formulierung. Zuhause höre ich aber nur selten Musik. In meinem Kopf klingelt sowieso immer irgendeine Melodie. Ich bin ganz froh, wenn mal gar nichts ist. Diese Ruhe brauche ich dann auch, um mir was Neues auszudenken. Aber wenn mir jemand sagt, hör dir doch dies oder jenes mal an, dann mache ich das auch.

Sie sind auf Facebook aktiv, haben einen Twitter-Account und seit neuestem auch ein Instagram-Profil. Schreiben Sie selbst oder lassen Sie schreiben?

Unsere Musiker kümmern sich sehr, vor allem unser Pianist Ian Wekwerth. Alles, was man da liest und von uns mitbekommt, stammt aus erster Hand. Dass ich da persönlich in Dialog trete, war aber nie mein Interesse. Dafür bin ich zu träge.

Sie haben mal gesagt, dass Sie die Menschen, die Ihnen zuhören, in eine Parallelwelt mitnehmen wollen. Wie sieht die aus?

Auf jeden Fall besser als die Originale zur Zeit. Die Musik, die ich mache, ist immer dazu geschrieben worden, dass man sich auch mal aus der Wirklichkeit katapultieren lässt und abspannt. Die Probleme gehen dadurch natürlich nicht weg, aber kurzfristig eine innere Distanz zu schaffen, das hilft schon. Ich finde, dafür ist Popmusik da. Wenn man sich als Musiker politisch engagieren will, soll man das tun, aber das sollte dann parallel zum Musikmachen passieren – mit dem Einfluss, den man dadurch hat. Aber in der Popmusik selbst hat das eigentlich noch nie Platz gefunden. Und das ist auch okay so.

Die Fragen stellte Katharina Frohne.

Max Raabe und sein Palast Orchester sind am 15., 16. und 17. Februar im Musical-Theater zu sehen. Tickets und weitere Tourdaten unter www.palast-orchester.de.

Zur Person

Zur Person: Max Raabe wurde 1962 als Matthias Otto in Lünen geboren. Während des Operngesang-Studiums in Berlin gründete er mit Kommilitonen das „Palast Orchester“. Mittlerweile feiert Raabe mit seinem Ensemble auch internationale Erfolge, spielt in Russland, Japan und den USA. Der 54-Jährige lebt in Berlin.
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