70 Jahre Kriegsende in Bremen Das Ende und ein Anfang

Habe ich jemals, zuvor oder auch danach, eine Jahreszeit erlebt, die so wenig Frühling war wie diese Wochen des Jahres 1945? Die Erinnerungen, die ich an diese Zeit habe, sind haften geblieben wie Gespenster.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Irmela Ohm-Dening

Habe ich jemals, zuvor oder auch danach, eine Jahreszeit erlebt, die so wenig Frühling war wie diese Wochen des Jahres 1945? Die Erinnerungen, die ich an diese Zeit habe, sind in Grau getaucht, schemenhaft und unchronologisch haften geblieben wie Gespenster. Vorherrschend und alles andere ausschließend war das Bewusstsein des Endes. Der Krieg ging zu Ende, und mit ihm alles, was uns aufgewühlt, bewegt und bedrückt hatte. Es gab nichts zu essen, nichts zu bewirken, nichts zu erfahren, nichts zu erwarten. Totenstille. Niemandsland. Leere. Alle bisherigen Bezüge waren ungültig geworden, alle Pläne illusionär.

Als im Frühjahr 1945 die Truppen der Alliierten auf Bremen zurückten, wurden von halben Kindern Gräben ausgehoben und Panzersperren errichtet, „um den Feind aufzuhalten“, wie es hieß. Hatte das denn noch Sinn? Wurde damit der Krieg nicht unnötig verlängert? Ich äußerte Zweifel im Kreis der Mitschülerinnen, doch da wurde mir begeistert und überzeugt entgegengehalten: „Wenn wir das auch nicht verstehen: der Führer weiß, wozu das sein muss!“

Wir wussten nichts. Es gab keine Nachrichten, denen man hätte trauen können. Was durch den Sender kam, war sowieso nicht zu glauben. Nur Gerüchte kursierten, von Mund zu Mund geflüstert. „Habt ihr schon gehört . . .?“ Und immer wieder hieß es: „Der Ring um Bremen schließt sich; die Amerikaner rücken vor!“

Ein Gefühl der Erleichterung – endlich keine Naziherrschaft mehr! – mischte sich mit Angst. Wie würde die Rache der Sieger aussehen; würden sie die Mädchen vergewaltigen und die Männer an die Wand stellen oder zu Frondiensten zwingen? So wurde gemunkelt. Vage Gerüchte. Gefühle der Unsicherheit und Angst. Auch leise keimende Hoffnung auf ein anderes Leben. Aber wie würde das sein? Man blieb in seinen eigenen Wohnungen und Häusern, kümmerte sich ums eigene Überleben – das war mühsam genug und die einzige Aufgabe dieser Wochen, so schien es.

An einem der letzten Apriltage wurde das Grollen der Geschütze vom anderen Lesumufer her leiser und erstarb. Unser Haus bekam noch ein paar Brocken eines wohl verirrten Geschützes ab; wir verhielten uns still im Inneren, hoffend, der Widerstand unseres „Volkssturms“ sei gebrochen oder aufgegeben worden. Nichts regte sich auf der Straße; die Stille war noch lähmender als an den Tagen zuvor.

Da! Das Rollen und Dröhnen von Kettenfahrzeugen auf der Luisenstraße! „Schnell verschwindet!“ Und schon klingelte es an der Haustür. „Polizei!“, hatte mein Vater in den letzten Monaten des Krieges jedes Mal gerufen, wenn es unvermutet geklingelt hatte, in der Befürchtung die Gestapo komme, um ihn zu holen, wegen „defätistischer Äußerungen“ zum Beispiel, die einem Nicht-Parteigenossen leicht anzuhängen gewesen waren.

Heute nun rief er nicht „Polizei“, sondern ging gelassen an die Haustür, öffnete zwei jungen Schwarzen und sprach sie in fließendem Oxfordenglisch an, sie ins Haus bittend. Wahrscheinlich überrascht von dieser Begrüßung, traten sie geradezu schüchtern ein und forderten in höflichem Ton, das Haus durchsuchen zu dürfen.

0 weh! Und wir da oben? Vielleicht würden sie die letzte schmale Treppe nicht mehr hinaufsteigen? Ich guckte durch den Türspalt: Doch da kamen sie schon! Also mutig hervor getreten. Lächelnd. Trotz alter Kleider. Der vordere der jungen Männer sah mir ins Gesicht, ich ihm. Natürlich hatte ich nie im Leben einen leibhaftigen Schwarzen gesehen; neugierig und interessiert betrachtete ich ihn. Er tat das Gleiche. Dann wandte er sich zu meinem hinter ihm stehenden Vater um und sagte: „What a beautiful young girl! Your daughter?“, und machte eine beglückwünschende Geste, ehe er die Treppe wieder hinunterging, ohne in die Kammer geschaut zu haben.

Nach dieser Szene stellte sich eine gewisse Heiterkeit bei uns ein. Die Anspannung löste sich. Das Ende war da, aber war es nicht doch schon der Beginn von einem neuen Anfang?

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