Universität Bremen "Das ist ein übliches Beutezugverfahren"

Der Studiengang „Kulturgeschichte Ostmitteleuropa“ soll im kommenden Jahr abgewickelt werden. Die Direktorin der Forschungsstelle, Susanne Schattenberg, bezieht im Interview Stellung.
27.03.2017, 17:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht

Der Studiengang „Kulturgeschichte Ostmitteleuropa“ soll im kommenden Jahr abgewickelt werden. Die Direktorin der Forschungsstelle, Susanne Schattenberg, bezieht im Interview Stellung.

Frau Schattenberg, die Streichung des Studiengangs „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas“ sorgt für viele Diskussionen. Bernd Scholz-Reiter gründet die Entscheidung des Rektorats auf wissenschaftliche Gutachten: Die Arbeit von Professorin Martina Winkler habe zu keinem sichtbaren Entwicklungsschub geführt. Ihre Kolleginnen durften sich eben jene Gutachten später ansehen. Mit welchem Ergebnis?

Susanne Schattenberg: Die Gutachten klangen enthusiastisch. Vor allem das Gutachten eines Kollegen aus Stanford attestierte uns erstklassige Forschung. Nach ihm ist die Professur unbedingt zu fördern und zu verstetigen. Das zweite Gutachten stammt aus Deutschland und hält ebenfalls fest, dass wir Gutes und Überdurchschnittliches geleistet haben. Letzteres Gutachten kritisierte dafür die Exzellenzinitiative. Diese würde uns zu sehr verpflichten, Drittmittelanträge zu stellen, anstatt wirklich zu forschen. Wir sind daher der Meinung, dass man auf Grundlage der Gutachten überhaupt nicht ableiten kann, dass die beiden Professorinnen nicht geleistet haben, was sie leisten sollten.

Warum sollte die Uni auf ein Alleinstellungsmerkmal verzichten, wenn es keine Gründe für die Abwicklung der Professur gibt?

Weil es nicht in das Konzept der Uni passt. Es werden aktuell ganz klar die Weichen für die nächste Exzellenzinitiative gestellt. Es soll ein Cluster, ein Großforschungsverbund, aufgestellt werden. Dafür werden bis zu 50 Wissenschaftler gebraucht. Das Dekanat versucht gerade, alle Wissenschaftler des Fachbereichs in dieses Cluster zu schieben. Und die zwei Professuren, auf die theoretisch die Exzellenzprofessorinnen wechseln könnten, sind da ein gefundenes Fressen. Weil die bald frei werden.

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Das klingt nach einem taktischen Krieg auf Ihrem Rücken.

Das ist leider ein übliches Beutezugverfahren. Eine Uni muss, um in die nächste Runde der Exzellenzinitiative zu kommen, zwei Großforschungsverbünde durchbekommen, was nicht einfach ist. Die Uni geht mit fünf solcher Anträge in die Antragstellung – das ist für diese Uni eigentlich viel zu viel. Auch andere Bereiche bekommen das zu spüren, weil alles, was an Stellen frei wird, diesen Clustern zugeteilt wird.

Sie sagen, dass die Uni die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Was meinen Sie damit?

Am 27. März wurde in Berlin das Zentrum für Osteuropa und internationale Studien feierlich eröffnet. Die Bundesregierung hat erkannt, dass wir mehr Osteuropa-Expertise brauchen und baut ein neues Institut auf. Und in Bremen wird diese Kompetenz abgebaut; die Exzellenzprofessuren plus die bestehende Professur für Polonistik. Polen wird immer mehr zu einem autoritären Staat, und jetzt haben wir keine Expertise mehr dafür.

Sie sprechen von einer massiven Schädigung der Forschungsstelle Osteuropa. Wie wirkt sich der Wegfall der Professur auf Ihre Arbeit aus?

Wir hatten immer drei Professuren, die um die Forschungsstelle gruppiert waren. Das ist meine, die von Zdzislaw Krasnodebski für Polonistik und die von Wolfgang Kissel in der slawistischen Kulturgeschichte. Wir haben einen Studiengang gehabt, in dem Experten ausgebildet wurden, die Russisch und Polnisch konnten und uns als Hilfskräfte und später als Doktoranden und Mitarbeiter unterstützt haben. Wenn wir jetzt niemanden mehr haben für Polen, kann unser polnisches Archiv nicht bearbeitet werden. Weder durch einen Professor, der Drittmittel-Anträge schreibt und das Archiv betreut, noch von Studenten. Die Exzellenzinitiative war unsere Chance, Kompetenz für Tschechien zu bekommen. Unsere Forschungsstelle wurde in den 2000er-Jahren zusammengeschmolzen. Gerade eine Professur für Tschechien kann ganz anders die Kooperationen aufrecht erhalten, die Martina Winkler geschaffen hat. Sie hat einen regen Austausch geschaffen, der jetzt wegbricht. Das Gleiche gilt für Polen. Rund 600 Studenten hätten durch den Wegfall kein Angebot mehr in ostmitteleuropäischer Geschichte. Die werden die Uni entweder verlassen oder machen einen Abschluss, der mit Defiziten belastet ist.

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Wer könnte Ihrer Meinung nach die Finanzierung der Professur übernehmen?

Ich bestreite, dass man eine neue Stelle schaffen muss. Zwei Professuren sind im Hochschulentwicklungsplan festgeschrieben. Das wären die von Herrn Krasnodebski, die 2019 frei wird, und die von Herrn Kissel, die circa 2022 frei wird. Beides sind Osteuropa-Professoren. Der eine macht Polen, der andere Russland – ich mache auch Russland. Es wäre kein Problem, Polen durch Polen und Russland durch Tschechien zu ersetzen. Und in unserem Evaluationsbericht hat uns der Dekan aufgefordert, Szenarien zu entwickeln, wie die beiden Professorinnen auf diese vorhandenen Stellen überführt werden können. Bei Martina Winkler wäre ein halbes Jahr zu überbrücken gewesen und bei Magdalena Waligorska wären es etwa drei Jahre. Der Kanzler Martin Mehrtens hat damals noch von einem Selbstläufer gesprochen, sollte die Evaluation positiv ausfallen. In diesem Fall würde die Uni sich um die Übergangszeit kümmern. Aber selbst wenn nicht, gibt es Möglichkeiten. Zum Beispiel die Heisenberg-Professur. Dabei wird die Professur für eine bestimmte Zeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, wenn gesichert ist, dass sie auf eine feste Planstelle überführt wird, was hier ja gegeben ist.

Meinen Sie, dass die gestartete Petition noch etwas bewirken kann?

Wir haben im Fach Osteuropageschichte viel Erfahrung mit der Rettung und Streichung von Professuren. Ich habe von Kollegen von den Partneruniversitäten Bescheid bekommen, dass sie Briefe nach Bremen geschickt haben – Chapel Hill, Santa Barbara, Kali­fornien. Wir haben aktiviert, wen wir konnten.

Zur Person

Zur Person

Susanne Schattenberg wurde 1969 in Hamburg geboren und machte ein Studium der geschichte, Slawistik und Psychlogie in Hamburg, Leningrad und Konstanz. Ihre Promotion schrieb sie 1999 über „Stalins Ingenieure“. Seit 2008 ist sie die Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für „Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas“ an der Universität Bremen.
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