Forschungsprojekt der Kunsthalle Bremen

"Das ist Familienforschung vom Feinsten"

Seit Ende 2010 läuft an der Kunsthalle Bremen ein Forschungsprojekt, das die Herkunft von Kunstwerken untersucht. Das Projekt überprüft den Gemäldebestand der Kunsthalle, um herauszufinden, ob sich darunter Werke befinden, die als NS-Raubkunst gelten.
03.06.2015, 12:51
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"Das ist Familienforschung vom Feinsten"

Brigitte Reuter.

Kuhaupt

Seit Ende 2010 läuft an der Kunsthalle Bremen ein Forschungsprojekt, das die Herkunft von Kunstwerken untersucht. Das Projekt überprüft den Gemäldebestand der Kunsthalle, um herauszufinden, ob sich darunter Werke befinden, die als NS-Raubkunst gelten. Eine bedeutende Zeichnung des italienischen Barockmalers Giacomo Cavedone wurde 2014 an die Erben des jüdischen Sammlers Michael Berolzheimer zurückgegeben, zurzeit stehen weitere Werke aus dem Bestand der Kunsthalle in Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Restitution, also die Rückgabe von Kunstwerken, die im Nazideutschland geraubt wurden, ist also auch in der Bremer Kunsthalle ein wichtiger Bereich geworden, der von der Kunsthistorikerin Brigitte Reuter bearbeitet wird. Sie untersucht die Gemäldesammlung auf Raubkunst. Uwe Dammann sprach mit ihr über ihre Arbeit und den Film „Die Frau in Gold“.

Frau Reuter, der Film „Die Frau in Gold“ stellt das Thema NS-Raubkunst in den Mittelpunkt. Sie haben den Film gesehen. Ist das alles Kintopp oder ist er, auch in Hinblick auf die langjährigen juristischen Auseinandersetzungen um die Kunst, realitätsnah?

Brigitte Reuter: Ich fand den Film sehr gut und war auch persönlich sehr berührt. Er ist zweifellos in vielen Bereichen sehr realitätsnah, mit einer gewissen Polarisierung als Stilmittel. Es geht dabei um die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Der Film wirft die zentrale Frage auf, wie unsere Generation mit der Rückgabe von Raubkunst umgeht. Wir sind zwar von der Schuldfrage nicht mehr selbst betroffen, müssen uns aber entscheiden, wie wir aufgrund dieser historischen Verantwortung reagieren auf den Anspruch der Erben der Verfolgten und Enteigneten durch das NS-Regime, also die Generation unserer Großeltern. Und insbesondere, wie lösen wir das Problem der NS-Raubkunst in unseren öffentlichen Sammlungen? . Sind wir als Gesellschaft bereit, endlich Gerechtigkeit herbeizuführen? Neben einem großen finanziellen Engagement von Bund, Länder und Kommunen zur Finanzierung der Provenienzforschung bedeutet dies für die Museen und ihre Besucher, eventuell wertvolle und liebgewonnene Kunstwerke zu verlieren, um sie den Erben der unrechtmäßig enteigneten Eigentümern zu übereignen. Dass dies auch ein schmerzhafter Prozess sein kann, auch dies reflektiert der Film sehr gut und trifft daher meiner Meinung nach genau den Kern dieses schwierigen Themas.

Er polarisiert aber auch stark gegen Kunstmuseen und Kunsthistoriker, die hier verhindern wollen, dass das Bild zurückgegeben wird.

Das ist richtig, der Film macht die Museen quasi zu Mittätern des Raubes, zu Profiteuren. Was sicherlich auch der Realität entsprach. Aber das ist nur die eine Seite. Es gab auf der anderen Seite, auch in der NS-Zeit sehr viele Museen und Direktoren, die Opfer der Nazis waren, sich für die klassische Moderne eingesetzt haben und versucht haben, diese Kunst zu bewahren und zu schützen. Und es wurde obendrein nur angedeutet, warum in Österreich 1998 die Kommission für Restitution zur Auffindung von NS-Raubkunst in den Bundesmuseen eingerichtet wurde. Die Museen sind nicht die Bestandswahrer der Kunst ohne Moral, sondern sind bemüht, die historische Wahrheit zu klären und die ursprünglichen Besitzer ausfindig zu machen.

Ist es überhaupt möglich, so einen Fall zügig abzuarbeiten – oder dauert so etwas in der Regel Jahre?

Wenn das Kunstwerk eindeutig identifiziert werden kann und die archivalischen Dokumente vorhanden sind, die die Beschlagnahmung in der NS-Zeit eindeutig belegen, kann eine Restitution recht zügig umgesetzt werden. Wichtige Voraussetzungen dafür sind gut erschlossene Archive und eine enge Zusammenarbeit mit anderen betroffenen Museen.Vor zwei Jahren restituierte die Kunsthalle Bremen eine Zeichnung des italienischen Barockmalers Giacomo Cavedone an die Erben. Anhand von Dokumenten in unserem Museumsarchiv und Auktionskatalogen konnte ich erkennen, dass die Zeichnung aus der Sammlung des verfolgten jüdischen Unternehmers und Bankiers Michael Berolzheimer stammte, die damals in München weit unter Wert versteigert wurde. Da aufgrund der guten Vernetzung der Provenienzforscher bekannt war, dass es auch in anderen Museen Restitutionen an die Erben der Familie Berolzheimer gegeben hatte, war es möglich, dort die entsprechenden Informationen zur Kontaktaufnahme zu bekommen. So ließ sich eine in der Regel sehr zeitaufwendige Personenrecherche in diesem Fall vermeiden.

So einfach geht es sicherlich nicht immer vonstatten. Wie finden Sie beispielsweise die Erben?

Die Provenienzforscher in Deutschland sind in dem Verein „Arbeitskreis der Provenienzforscher“, der im vorigen Jahr hier in der Bremer Kunsthalle gegründet wurde, sehr gut vernetzt. Hier können wir uns untereinander kurzschließen und gegenseitig auch in der Suche nach den ursprünglichen Besitzern unterstützen. Allerdings ist die Personenrecherche nach den ursprünglichen Besitzern unglaublich zeitaufwendig. Das ist Familienforschung vom Feinsten. Das musste man allerdings in dem Fall Berolzheimer nicht tun, deshalb ist es so wichtig, dass wir alle so gut miteinander vernetzt sind.

Wer finanziert Ihre Stelle?

Meine Stelle wird bezahlt von dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg, diese Mittel müssen allerdings jedes Jahr neu beantragt werden. Außerdem müssen wir regelmäßig Berichte über unsere Arbeit abliefern, das bedeutet eine gewisse Kontrolle, verstärkt aber die Vernetzung, weil auch andere von unseren Forschungsergebnissen profitieren können.

Gibt es genügend Geld?

Die Finanzmittel für die Provenienzforschung durch den Bund sind zwar in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht worden, wofür wir sehr dankbar sind, aber um wirklich alle Bestände in den öffentlichen Sammlungen nach Raubkunst durchsuchen zu können, müsste viel mehr Geld zur Verfügung gestellt werden. Hier sind in Zukunft vor allem die Länder und Kommunen gefragt. Ein Drittel der Kosten wird von den Museen aus eigenen Mitteln bezahlt.

Wie forschen Sie?

Das ist eigentlich eine Arbeit, die sich gar nicht so sehr von der sonstigen kunsthistorischen Forschung unterscheidet, allenfalls liegt hier mehr Gewicht auf der Biografie der ehemaligen Eigentümer und den Abläufen im Kunsthandel. Die Arbeit beginnt stets beim Objekt. Im Falle eines Gemäldes schaut man sich nicht nur die Vorderseite, sondern sehr gründlich auch die Rückseite des Bildes an, weil sich hier immer wieder wichtige Informationen in Form von Etiketten und Bezeichnungen zur Geschichte des Werks finden lassen. . . Dann folgt intensive Archiv- und Bibliotheksarbeit: Die Suche nach den Vorbesitzern, die in Inventarbüchern, Briefwechseln und Auktionskatalogen erwähnt werden. Das Ziel ist ein möglichst lückenloser Lebenslauf für das Kunstwerk. Auf welchen Kunstauktionen wurde es angeboten und in welchen Ausstellungen präsentiert? Wurde es bei einer Kunsthandlung in Kommission gegeben oder verkauft? Und dann natürlich: Unter welchen Bedingungen hat dieser Eigentümerwechsel in der NS-Zeit stattgefunden? Wurde der ehemalige Besitzer von den Nazis verfolgt?

Wie kommen Sie darauf, dass Sie in dieser oder jener Richtung forschen? Sie können doch nicht den ganzen Bestand der Kunsthalle untersuchen.

In gewissem Sinne schon, denn das Ziel ist die Überprüfung der gesamten Gemäldesammlung nach Raubkunst. Allerdings werden natürlich nur die Werke untersucht, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 von der Kunsthalle erworben wurden. Schwerpunktmäßig stehen natürlich die Ankäufe aus der Zeit zwischen 1933 bis 1945, also in der NS-Zeit, besonders unter Verdacht. Hier achte ich vor allem auf Gemälde, die von Kunsthändlern angekauft wurden, die bevorzugt mit NS-Raubkunst gehandelt haben. Das ist allerdings nur ein Anfangsverdacht. Hier muss anschließend weiter geforscht werden, denn es gab auch zu diesen Zeiten ganz rechtmäßigen Kunsthandel.

Wie groß ist der Bestand der Bremer Kunsthalle, den Sie untersuchen müssen?

720 Gemälde, 120 aus der NS-Zeit, darunter 20, die ich als bedenklich bezeichnen würde und deren Herkunft dringend weiter erforscht werden muss. Es ist aber bereits jetzt schon sicher, dass wir viele Wissenslücken nicht schließen können, weil insbesondere private Kunsthandlungen ihre Archive nicht für die Provenienzforschung öffnen, natürlich auch, um ihre Käufer zu schützen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen wie etwa das Dorotheum in Wien oder das Auktionshaus Neumeister in München, Diese Häuser beschäftigen Provenienzforscher und kooperieren eng mit den Museen .

Nimmt die Bedeutung der Provenienzforschung zu ?

Ich glaube dies auf jeden Fall. Nicht zuletzt das große internationale Interesse am Fall Gurlitt spricht dafür. Und inzwischen beantragen immer mehr Museen finanzielle Mittel zur Erforschung ihrer Bestände. Ich würde jedenfalls derzeit als Museum, aber auch privat kaum ein teures Bild kaufen, ohne vorher die Herkunft des Bildes genau geklärt zu haben.

Zur Person: Brigitte Reuter ist Kunsthistorikerin an der Kunsthalle Bremen und arbeitet hier als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihre Stelle wird seit 2010 zeitlich befristet durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert.

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