Heimerziehungs-Film "Freistatt" "Das mit der Einweisung ging sehr schnell"

Während die Hippies von Frieden und Liebe singen, herrscht in der sogenannten Fürsorgeeinrichtung Freistatt in der Nähe von Diepholz Ende der 1960er-Jahre ein strenges Regiment: Die jugendlichen Zöglinge werden physisch und psychisch unter Druck gesetzt, ausgebeutet und gequält.
23.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Während die Hippies von Frieden und Liebe singen, herrscht in der sogenannten Fürsorgeeinrichtung Freistatt in der Nähe von Diepholz Ende der 1960er-Jahre ein strenges Regiment: Die jugendlichen Zöglinge werden physisch und psychisch unter Druck gesetzt, ausgebeutet und gequält. Über dieses Kapitel der „schwarzen Pädagogik“ in der Heimerziehung hat der Regisseur Marc Brummund einen packenden Film gedreht, den er am Sonntagabend im Cinema Ostertor gemeinsam mit dem Zeitzeugen Wolfgang Rosenkötter vorgestellt hat. Iris Hetscher hat mit beiden gesprochen.

Herr Brummund, was hat Sie an dem Thema „schwarze Pädagogik“ so fasziniert, dass Sie einen Film daraus machen wollten?

Marc Brummund: Das ist ja mein erster Kinofilm, und da habe ich nach etwas gesucht, was eine thematische Relevanz hat. Ich habe vorher Werbung gemacht, und ich wollte bei einem derart langfristig angelegten Projekt einfach spüren, dass es da um etwas geht. Ich bin dann bei der Themensuche auf ein Buch über die Diakonie Freistatt gestoßen, die in der Nähe meines Geburtsortes Diepholz liegt – nur fünf Kilometer entfernt. Und ich wusste davon gar nichts. Gleichzeitig habe ich auch die Schauwerte gesehen: Die Jungen, die auf den Loren ins Moor fahren. Das Thema und die Kinotauglichkeit dieser Bilder war eine Kombination, die mich interessiert hat.

Der Film wirkt unter anderem so beklemmend, weil Sie in der Einrichtung drehen konnten. Wie ist es dazu gekommen?

Brummund: Es gibt ein dickes Buch des Dachverbands, der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, über Freistatt. Da setzt sich die Diakonie selber mit dieser Geschichte auseinander. Ich bin da hingefahren und habe so unter anderem Wolfgang Rosenkötter kennengelernt, der dort in den 1960er-Jahren als sogenannter Zögling gelebt hat und heute dort Ombudsmann ist. Er hat mir viel Persönliches erzählt, das aber exemplarisch ist für die Vorgänge. Das alles ist in die Hauptfigur des von Louis Hofmann gespielten Wolfgang eingeflossen – der Junge heißt nicht zufällig so.

Im Film zeigen Sie die Erziehung im Heim als perfide abgestuftes Machtgefüge, vom „Hausvater“ bis zu den Jungen selbst. Das erinnert stark an die Hierarchien, die der Nationalsozialismus etabliert hat. Ist das zugespitzt oder war das tatsächlich so?

Wolfgang Rosenkötter: Das ist alles so belegt. Und vor allem die „Hausväter“ standen in der Tradition des Nationalsozialismus, ähnlich wie die Strukturen der damaligen Diakonie noch aus diesen Zeiten herrührten. Freistatt war zuvor ein Arbeitslager, da hatte sich nicht viel geändert.

Besonders infam ist es, dass die Jungen dazu gebracht werden, sich gegenseitig zu drangsalieren.

Brummund: Das manifestiert sich vor allem in dem einen Jungen, der eine Art Vertrauensmann ist. . .

Rosenkötter: Ich würde ihn Kapo nennen. . .

Brummund: . . .der steht der Leitung näher und genießt gewisse Privilegien, muss aber auch dafür sorgen, dass die Jungs spuren.

Außerhalb dieser Einrichtung machte sich in den späten 1960er-Jahren die Studentenbewegung auf, für eine ganz andere Pädagogik zu streiten. Dieser Widerspruch hat Sie sicher auch gereizt, oder?

Brummund: Ich nenne das „außen hui, innen pfui“. Draußen gab es Flower-Power, sexuelle Befreiung, Liberalisierung aller Lebensbereiche, innen haben die Nazis einfach weiter gemacht. Diesen Kontrast zu erzählen, hat mich gereizt. Und es ging ja weiter: Selbst als die entsprechenden Gesetze geändert wurden, als zum Beispiel nicht mehr geschlagen werden durfte in Einrichtungen, kam das in Freistatt erst Jahre später an. Das historische Vorbild dieses „Hausvaters“ hat noch bis Mitte der 1970er-Jahre so weiter regiert wie vorher.

Die Hauptfigur Wolfgang hat nicht wirklich etwas verbrochen. Wolfgangs einziges Vergehen ist es, dass sein Stiefvater nicht mit ihm klarkommt. Das reichte damals tatsächlich, um in eine Jugendfürsorgeeinrichtung eingewiesen zu werden?

Brummund: Es war ein klassischer Grund, dass Stiefmutter oder -vater nicht klarkamen mit den leiblichen Kindern ihrer Vorgänger. Wolfgangs Mutter konnte damals froh sein, wieder einen Partner zu haben und das Stigma der allein erziehenden Mutter hinter sich lassen zu können. Das hat natürlich eine große Hörigkeit geschaffen. Und der Stiefvater sieht in dem heranwachsenden Jungen seinen Vorgänger und gleichzeitig Konkurrenten um die Gunst der Mutter.

Rosenkötter: Wenn man damals den gängigen Normvorstellungen nicht entsprach, ging das sehr schnell mit der Einweisung ins Heim. Wenn man die Schule schwänzte, sich mit Freunden herumtrieb, bei der Arbeit rumbummelte, wie das hieß. Das war bei mir auch so. Bei mir war es die Mutter, die weggegangen ist. Mein Vater war überfordert und hat mich ins Heim gegeben, damit ich mit Strukturen vertraut gemacht werde.

Die Figuren in dem Film sind alle sehr ambivalent angelegt. Wollten Sie so der Gefahr entgehen, einen Thesenfilm zu drehen?

Brummund: Mir war es wichtig, dass der Zuschauer die Motivation aller Figuren nachvollziehen kann, auch, wenn das innerhalb dieser verdrehten Welt in dem Heim manchmal schwer auszuhalten ist. Das sieht man beispielsweise an der Geschichte des pädophilen Erziehers, der der einzige ist, bei dem einer der Jungen so etwas wie Wärme gespürt hat. Und zwar in einem ganz klaren sexuellen Übergriff, das ist das Schreckliche und Perverse daran.

Wolfgang leistet lange und heftig Widerstand gegen das System. Was macht ihn so besonders?

Brummund: Er will einfach nach Hause, und er hat ein sehr stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein.

Er ist erst dann gebrochen, als seine Mutter ihn endgültig zurückweist und ihn im Stich lässt.

Sie erzählen eine sehr dichte Geschichte, haben sich dafür oft auch schöne Bilder gegönnt. Es gibt beispielsweise ausgedehnte Kamerafahrten über die idyllisch anmutende Moorlandschaft. Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen das als Ästhetisierung vorgeworfen wird?

Brummund: Klar, aber ich wollte das von vorneherein so machen. Der Inhalt des Films ist schwer verdaulich, dafür wollte ich eine flamboyante Verpackung finden. Deshalb habe ich das Ganze mit Mitteln des Genrekinos erzählt, wie das im US-amerikanischen Kino gang und gäbe ist. Ich möchte ja, dass möglichst viele Menschen den Film sehen, und die sollen auf allen Ebenen etwas geboten bekommen und hineingerissen werden in eine spannende Geschichte, über die man hinterher nachdenken kann.

„Freistatt“ ist ab dem kommenden Donnerstag, 25. Juni, um 19 Uhr (Sonntag: 18.30 Uhr) im Cinema Ostertor zu sehen.

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