Bremer Figurentheater

Das Schicksal der kleinen Leute

Das Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“ beeindruckt mit der Romanadaption „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada.
04.02.2019, 18:28
Lesedauer: 2 Min
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Von Eva Przybyla
Das Schicksal der kleinen Leute

In ihrer ersten bescheidenen Wohnung beginnt schon die Misere von Hans Pinneberg und seiner Frau Lämmchen, die Protagonisten des Stücks „Kleiner Mann, was nun?“ am Bremer Figurentheater Mensch Puppe.

MARIANNE MENKE

Bremen. Während der Angestellte Hans Pinneberg um seinen Job fürchtet, singt die Tochter seines Chefs süßlich „Kann denn Liebe Sünde sein“ von Zarah Leander. Sie ist verliebt in den Buchhalter Pinneberg und will seine Frau werden. Ihr Vater wünscht das auch und macht deutlich: Nur die Ehe mit der Tochter kann den jungen Mann vor dem Rauswurf bewahren. Mit dieser Szene beginnt Pinnebergs Abstieg in der Inszenierung von Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ am Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“. Denn Pinneberg ist bereits heimlich mit Lämmchen verheiratet. Als sein Chef dies erfährt, entlässt er den jungen Angestellten – in die verheerende Wirtschaftskrise der 30er-Jahre der Weimarer Republik. Zusätzlich zu allem Unglück ist Lämmchen auch noch schwanger. Die Familie braucht dringend Geld und nimmt in ihrer Not alles in Kauf: prekäre, demütigende Jobs und ärmliche Wohnsituationen. Auf einer hölzernen Rutschbahn bewegt die Puppenspielerin Claudia Spörri die kleinen Figuren des Ehepaars. Ihre Entwicklungsrichtung: abwärts.

Das Stück hält sich weitgehend an die Vorlage, Hans Falladas gleichnamigen Roman und internationalen Bestseller, der 1932 erstmals in Deutschland veröffentlicht wurde. Regisseur Thomas Weber-Schallauer benutzte nach eigenen Angaben ebenjene Originalfassung, die noch nicht nach dem Gusto der Kulturkritiker des Naziregimes abgeändert wurde, im Gegensatz zu Falladas späteren Bearbeitungen. Weber-Schallauer hat den mehr als 300 Seiten fassenden Roman für die Bühne gekürzt, erzählt aber trotzdem alle wesentlichen abwechslungsreichen Stationen der Handlung. Und die Bühnenbildnerin Anna Siegrot stellt diese ungeheuer kreativ dar: Zahlreiche kleine Bühnenkästen und -kulissen zeigen minutiös gestaltet ein Zugabteil, eine Mondnacht und eine ärmliche Wohnung. Grandios angedeutet wird mittels Badeleiter und Saunakasten auch mal ein Freibad oder – lediglich mit einem Kinderbett – der bedrückende Dachboden, auf dem die Pinnebergs hausen.

Beeindruckend bespielt Claudia Spörri diese vielfältigen Sets mit 28 unterschiedlichen Figuren. Die kleinen Leute, die Pinnebergs, bleiben dabei stets kleine detailreich gestaltete Puppen. Andere, solventere Charaktere, sind menschengroße Schemen oder werden von Spörri mit Masken verkörpert. Die grandiose Spielerin lässt diese Figuren nicht selten bekannte Schlager singen, die die Cellistin Lynda Cortis live begleitet. In diesen komischen Szenen trifft Hedonismus auf Elend, die Goldenen Zwanziger mit ihren Varietés und Filmen auf die unzufriedenen Arbeitslosen und Angestellten, unter denen sich bereits Nazis bemerkbar machen.

Laut dem Regisseur und Dramaturgen ist das Stück immer noch aktuell, weil sich die Gesellschaft auch heute in einer schwerwiegenden Umbruchphase befindet. Konkrete, aktuelle Bezüge kommen in seiner Inszenierung jedoch nicht vor. Originalgetreu bringt er stattdessen Falladas kritische Milieustudie auf die Bühne, die dank Siegrots zeitloser Ästhetik etwas Magisches bekommt. Dem Ensemble ist so ein kurzweiliger unterhaltsamer Abend gelungen, der durch Falladas authentische Dialoge zum Nachdenken anregt.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine im Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“: 7. und 28. Februar, 20 Uhr.

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