Vorhang auf für die Schauspielsaison Das sind die frühen Höhepunkte im Nordwesten

Eine Dramatisierung des Nahostkonflikts, ein Gastspiel von Isabelle Huppert und eine Bearbeitung von Günter Grass' Roman „Die Blechtrommel“ zählen zu den frühen Höhepunkten der Schauspielsaison im Nordwesten.
11.09.2019, 16:38
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Das sind die frühen Höhepunkte im Nordwesten
Von Hendrik Werner

Die Uraufführung des Stücks, das die Bühnen im deutschsprachigen Raum gegenwärtig im Sturm nimmt und das am 28. September in einer Inszenierung von Alize Zandwijk am Theater Bremen zur Premiere kommt, hat vor zwei Jahren in Paris stattgefunden. Mehrsprachig, wie es jenem beklemmend realitätsnahen Konfliktstoff zukommt, den es auf fesselnde Weise umspielt: auf Hebräisch und Arabisch, auf Englisch, Französisch und Deutsch. „Vögel“, ein Drama von Wajdi Mouawad, erzählt auf der Folie einer Liebesgeschichte von einem vermeintlich unabwendbaren Clash der Kulturen und der Religionen. Im Zentrum des Dramas, dem zeitlose Brisanz durch den notorisch gewaltsamen Nahostkonflikt und die Vererbbarkeit düsterer Familiengeheimnissen zuwächst, stehen die US-amerikanische Araberin Wahida und der deutsche Jude Eitan, Enkel eines Holocaust-Überlebenden.

Aber ihr existenzielles Ringen um Nähe und Identität ist sozusagen Jammer und Schauder von übermorgen. Los geht es an diesem Freitag mit der ersten von fünf angekündigten Uraufführungen im hiesigen Schauspielberitt. Die Saison 2019/20 eröffnet im Kleinen Haus „Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“. Das Stück des in Teheran geborenen Bühnenautors Mehdi Moradpour thematisiert die Ermordung des Dramatikers August Friedrich Ferdinand von Kotzebue durch den Burschenschafter Carl Ludwig Sand vor 200 Jahren. Es inszeniert Pinar Karabulut, Jahrgang 1987, die unlängst von der Süddeutschen Zeitung als „Feministin der Generation Pop“ tituliert wurde. Da kann es kaum verwundern, dass eine Roboterin (sic!) in dieser „humanoiden Komödie“ eine zentrale Rolle spielt.

Bremer Uraufführungsreigen

Auch die folgende Premiere der Schauspielsparte ist eine im Bann des Artifiziellen stehende Uraufführung und wartet überdies mit einer neuen Gattung auf – der „Replikantenoper“. „The End“ heißt das in Los Angeles angesiedelte Stück, in dem der Bremer Dramatiker und Filmemacher Jan Eichberg Künstliche Intelligenz auf den Prüfstand hievt. Die Inszenierung seiner apokalyptischen Fantasie, die ab 26. September am Kleinen Haus zu besichtigen ist, übernimmt einmal mehr Felix Rothenhäusler.

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Der dem Theater Bremen seit Beginn der Intendanz von Michael Börgerding verbundene Regisseur verantwortet zudem die Uraufführung von „Vater Mutter Land“. Das Stück von Hausautor Akin Emanuel Şipal erzählt die Geschichte einer türkischen Familie über vier Generationen. Premiere ist am 22. November. Zum Reigen der Uraufführungen rechnet das Theater Bremen auch John von Düffels Bearbeitung des jugendgerechten Romans „Die rote Zora und ihre Bande“ (1941); Premiere der als Familienstück ausgewiesenen Adaption in der Regie von Selen Kara ist am 24. November.

In Hamburg begann die neue Saison am vergangenen Freitag mit der von Falk Richter am Schauspielhaus ziemlich launig inszenierten Uraufführung von „Serotonin“ nach einem Roman von Michel Houellebecq (wir rezensierten). Als nächster Höhepunkt darf die Deutschland-Premiere eines Stücks gelten, mit dem der US-Bühnenmagier Robert Wilson am 27. und 28. September für drei Vorstellungen am Thalia-Theater Station macht: „Mary Said What She Said“, eine Neubearbeitung des historischen Stoffes um Königin Marie Stuart, ist ein Solo für die französische Ausnahmeschauspielerin Isabelle Huppert.

Mit Spannung erwartet wird in Hamburg auch die Uraufführung eines internationalen Peter-Pan-Projektes am Thalia-Theater: „Neverland“ kommt in der Regie von Antú Romero Nunes am 12. Oktober heraus. Gesteigertes Interesse ist auch für „Trutz“ zu erwarten, die Bühnenbearbeitung eines deutschen Familienromans von Christoph Hein. Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ist am 29. November. Regie bei dieser Übernahme vom Schauspiel Hannover, das für diese aufwendige Produktion seinerseits mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen kooperiert, führt Dušan David Pařízek.

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Deutsche Lebensläufe stehen in dieser Saison auch am Stadttheater Bremerhaven im Fokus, dessen Schauspielsparte einen Heimatkunde-Schwerpunkt vorbereitet hat, der – 30 Jahre nach dem Fall der Mauer – von der deutschen Reichsgründung über die Wiedervereinigung bis in die Jetztzeit reichen soll. Erste Höhepunkte der Historien-und-Histörchen-Reihe sind Gerhart Hauptmanns wilhelminische Komödie „Der Biberpelz“ (Premiere: 28. September) und eine Aneignung des Günter-Grass-Romans „Die Blechtrommel“ (ab 9. November).

Oldenburger Deutschlektionen

Auch am Oldenburgischen Staatstheater zählen deutsche Stoffe zu den Spielzeithöhepunkten – und das nicht nur wegen der Aufführung des kompletten Wagner-Rings im Frühsommer 2020. So ist die Premiere von „Medea“ – „frei nach Franz Grillparzer“ – nicht von ungefähr am Tag der deutschen Einheit angesetzt. Mirja Biels Inszenierung rückt die psychologisierende Lesart des antiken Stoffes dem Vernehmen nach in den Kontext von Rollenzuschreibungen in „unserer patriarchalheteronormativen Leistungsgesellschaft mit ihren populistischen Tendenzen“. Weniger umwölkt von sozialkritischem Dramaturgen-Jargon ist die Ankündigung eines Volksstücks, das Bertolt Brecht 1940 schrieb und zu dem Paul Dessau die Musik beisteuerte: „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ hat am 23. November Premiere. Sinniger Auftaktsatz: „Geehrtes Publikum, die Zeit ist trist. / Klug, wer besorgt, und dumm, wer sorglos ist!“

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