70 Jahre Kriegsende in Bremen Das Tagebuch der Tante

Bernt Grauwinkel hat das Tagebuch seiner „Tante“ Irmgard Maneck in eine leserliche Schrift gebracht.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Irmgard Maneck

Bernt Grauwinkel aus dem Tagebuch seiner „Tante“ Irmgard Maneck

21. April 1945: Heute von dem Eigelb endlich unsere geliebten Kartoffelklöße mit Meerrettichsoße gemacht. Die Klöße sind sehr gut geraten. Artilleriebeschuss auf den Marktplatz und Börse. Bratkartoffeln mit Ei abends gegessen. Auf dem Markt Schweinerippchen bekommen. Für eiserne Ration im Bunker Frikadellen gemacht.

23. April: Ab 6.00 Uhr gestern Nachmittag die ganze Nacht im Bunker gesessen. Starker Artilleriebeschuss und ein Bombenangriff. 1/2 10 Uhr zum Rathaus gelaufen, nur wenige da. Um 11.00 Uhr kam Herr Ballo zu Fuß aus Oberneuland. Er sagte, dass es durch den gestrigen und in der Nacht erfolgten Luftangriff böse in Schwachhausen aussehe. Ab Joseph-Stift soll alles platt sein. Von Arbeiten im Rathaus kann keine Rede sein. Einige wenige sind da. Im Keller gibt es kein Essen, weil der Lichtstrom fehlt. lch sollte im Weinkeller mithelfen. Der Bürgermeister wünschte, dass der Betrieb des Verkaufs aufrecht erhalten würde. Nur Kerzenbeleuchtung. Da ich im Keller keine Verpflegung bekommen konnte, war mir ein Bleiben zu ungemütlich, und ich habe mich um 1/2 12 Uhr auf den Nachhauseweg gemacht. Als ich vor der Brücke war, fielen Schüsse, und Flieger brummten. Die Posten der Brücke, ein paar Männer und ich sprangen in die Ruine der Union (Handelsschule der Union, Wachtstraße nähe Baumwollbörse). Nachmittags noch hinter Kartoffeln herumgelaufen.

24. April: Heute morgen schnell in August‘s Wohnung gelaufen, wo wir uns gewaschen haben, ich von Kopf bis Füße und Kaffee getrunken. Dann wieder in den Bunker. Die Hitze und Luft ist unerträglich 34 C. In einer Beschusspause August‘s Milch geholt.

25. April: Heute Sonnenschein Apfelbäume blühen so herrlich. Wir sitzen in der fürchterlichen Luft und Hitze im Bunker. Letzte Nacht versucht in August‘s Wohnung zu schlafen, aber kaum lagen wir, wieder Beschuss. Seit letzter Nacht ist Daueralarm. Es ist ein ständiges die Treppen hinauf und hinunter. Bunker Kornstraße soll schon in Feindeshand sein. Da es spät abends ruhiger geworden ist, verlassen viele Menschen den Bunker. Aber nachts wieder Artilleriebeschuss. Es prasselt gegen den Bunker, anscheinend Maschinengewehrfeuer. Dann mit einmal starke Bewegung, wir können raus. In mir steigt ein Schluchzen auf.

26. April: Wie bedrückt ist man. Ausgekleidet ins Bett zu legen, getrauen wir uns nicht, weil wir mit Einquartierung rechnen. Bei uns waren zwei Tommys (Engländer) und haben sich nach den Räumen erkundigt. Im ersten Augenblick dachte ich, wir sollten im Keller schlafen. Gegenüber sind einige Panzer und Fahrzeuge aufgefahren. Zum Teil kochen die Engländer auf der Straße. Was für herrliches Weißbrot die haben! Schneeweiß! Da werden Ham and Eggs hergerichtet, es wird sich rasiert. Die Leute sind mit allem ausgerüstet.

27. April: Nachts Schießerei, aber ganz gut geschlafen. Die Leute holen sich vom Flughafen Kohlen. Wenn wir doch einen Wagen hätten. Morgen dürfen die Frauen ab 8 Uhr bis Nachmittag 4 Uhr auf die Straße. Will morgen den Wagen holen. Die Nacht ist gut überstanden. Was mag nun werden? Werden unsere Häuser noch mit Soldaten belegt? Werden wir räumen müssen? Wie mag es in der Stadt aussehen? Wie mag es Tante Dodo und Martha (Allerhot), wie Luise mit den Kindern ergangen sein? Dieser Wahnsinn, die Brücken noch zu sprengen! Den, der den Befehl gegeben hat, sollten sie gleich aufhängen. Wie wird es mit der Arbeit? Im Augenblick ist man zum Nichtstun verurteilt. Wir müssen in Geduld abwarten. Fräulein Bohlmann und ich schlafen morgens ziemlich lange oder ruhen noch eine Weile, holen nach, was wir in den voraufgegangenen Wochen an Schlaf eingebüßt haben. Ich stehe meist um 8 Uhr auf und habe im Augenblick auch gar keinen Trieb, frühzeitig aus den Federn zu kommen. Essen tue ich wie ein Scheunendrescher.

28. April: Man kann es noch gar nicht fassen, all das Geschehene. Man kann es noch gar nicht fassen, all dieses Schandvolle, was die Männer, die uns bis jetzt regierten, verbrochen haben.

 

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