Tanztheater Das Verschwinden der Anderen

Augusto Jaramilo-Pineda führt in der Bremer Schwankhalle „Los Desaparecidos“ vor, eine Choreografie von Maura Morales
01.02.2019, 17:29
Lesedauer: 2 Min
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Das Verschwinden der Anderen
Von Hendrik Werner

Bremen. Der Mann steht mit dem Rücken zur Wand. Zu einer Wand, die übersät ist mit Fotografien. Die Bilder zeigen menschliche Gesichter. Der Mann rutscht rücklings unendlich langsam die Wand herunter, dann wieder empor; erneut herab, wiederum hoch und so fort. Musik ertönt; darunter mischt sich ein verhaltenes Quietschen, Schaben, Schmatzen.

Diese Geräusche mögen an einen Menschen denken lassen, den ein Erschießungskommando durchsiebt hat, bevor das Gewicht den Leib des Toten allmählich unweigerlich nach unten zieht. Ist auch das Gesicht des Mannes mit dem Rücken zur Wand unter den Porträtfotografien, die – eingangs noch in Reih und Glied – auch den Bühnenboden bedecken? Möglich immerhin wäre es.

„Los Desaparecidos – Vom Erdboden verschluckt“ heißt die Tanzproduktion, die der Kolumbianer Augusto Jaramilo-Pineda als Solist nach einer Choreografie der Kubanerin Maura Morales in der Schwankhalle vorführt. Es geht mithin, wie es auf dem Programmzettel heißt, um eine „Auseinandersetzung mit den Folgen eines jahrzehntelang in Lateinamerika verübten Verbrechens: dem gewaltsamen Verschwindenlassen.“ Und Gewalt ist von Anfang an im Spiel. In Gestalt von Bewältigungsexerzitien, die zugleich rigorose Reflektion, künstlerische Modellierung und stummer Aufschrei sind.

Mannigfache Variationen

Die mannigfachen Variationen dieses existenziellen Themas geraten notwendig drastisch und plastisch. Jaramilo-Pineda, von Haus aus Schauspieler, bietet sein gesamtes Darstellungspotenzial auf, um das Leiden der Opfer und der Hinterbliebenen angemessen zu verkörpern. Mal robbt er eine regelrechte Schneise durch die Fotografien der Vermissten, dann wieder hält er hilfeheischend eines der Bilder in Richtung des respektvoll erschütterten Publikums. Mal schreitet er in Zeitlupe voran, dann wieder reckt er sich kopfüber am Mauerwerk hoch und höher. Gegen Ende wird er unter der schwarzen Folie verschwinden, die den Boden der Spielfläche bedeckt. Als einer unter Abertausenden.

Wendig und ausdrucksstark, konzentriert und kraftvoll – und überhaupt bravourös – gestaltet der agile Akteur seinen Part, der ihm für eine stupende Stunde Spieldauer sehr viel abverlangt. Szenisch wiederholt eindrucksvoll und ergiebig ist vor allem seine Beschäftigung mit den allgegenwärtigen Fotografien, die ihn abwechselnd beschweren und dynamisieren, die er manisch durchforstet und verzweifelt stapelt, die an seinem Oberkörper und an seiner Kleidung heften und die ihn unentwegt zu verfolgen scheinen. Gerade so wie der Nachtmahr einer nicht abzuschüttelnden Leiche im Genick. Es zeichnet die exzellenten Choreografien von Maura Morales aus, dass sie Extremsituationen nicht scheuen, sondern in Furchtzentren vordringen.

In anderen beklemmenden Passagen ist der Darsteller als Täter zu sehen. Es ist zum einen dieser an Perspektiven und Nuancen reiche Zugang und Umgang, der die Produktion zum Erlebnis macht. Und es ist, dies zum anderen, die bewegende elektronische Musik, die Michio Woirgardt dem Szenario zugeeignet hat. Auf einem solchen Soundteppich lässt sich gut und trittsicher wandeln. Jedenfalls dann, wenn man ein so erfahrener Film- und Theaterschauspieler ist wie Augusto Jaramilo-Pineda. Oft gerät diese vielseitige Vorführung einer Passionsgeschichte ergreifend. Nur gelegentlich verflacht das Solo etwas, zumal dann, wenn der theatrale Tausendsassa Jaramilo-Pineda auf pantomimische Zutaten setzt, die seine Darstellungsintensität in dieser Produktion nicht bereichern. Viel Applaus honoriert den eindringlichen Tanzabend.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungstermine: 2. und 5. Februar, 20 Uhr; 4. Februar, 11 Uhr (Schulvorstellung).

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