Tour zum neuen Album

Deichkind zeigt spektakuläre Show in Bremen

Ein rollendes Fass, aufwendige Kostüme und jede Menge Bass: Deichkind haben in der Bremer ÖVB-Arena gezeigt, wie man aus einem Konzert eine Show macht. Im Gepäck hatten sie neue Songs und echte Klassiker.
04.03.2020, 15:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Deichkind zeigt spektakuläre Show in Bremen
Von Felix Wendler
Deichkind zeigt spektakuläre Show in Bremen

In Deutschland sind die Deichkinder Pioniere in Sachen Bühnenshow. Wer sonst hat so viele Kostüme wie Lieder dabei?

Christina Kuhaupt

Auf der Leinwand erscheint der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, kopfüber an einem Haken von der Decke hängend. Nackt, mit blauer Farbe beschmiert. Mit seinem Körper malt er ein abstraktes Gemälde auf den Boden. Zehn Minuten geht dieses Schauspiel. Im Publikum wirkt ein Fan im rosafarbenen Plüschoverall bereits etwas verwundert. Dann ist die Avantgarde vorbei und der Bass übernimmt. Das Plüschwesen stürmt in Richtung Bühne. Deichkind ist da.

Oder die Deichkinder? Denn Deichkind, das sind eigentlich der Sänger und MC Philipp Grütering, der als griffigeres Pseudonym den Namen „Kryptik Joe“ benutzt, und der MC ­Sebastian „Porky“ Dürre. Auf der Bühne in der ÖVB-Arena performen jedoch bis zu 15 Menschen. Wobei performen nicht als typischer Hip-Hop-Gestus zu verstehen ist – da gibt es kein Gewackel mit den Armen, keine stilisierten US-Adaptionen. Die Männer auf der Bühne liefern gekonnt anspruchsvolle Choreografien ab, die die ersten beiden Lieder fast untergehen lassen.

Show statt Konzert

„Wer macht denn heute noch so ’ne Musik?“, fragt Kryptik Joe. Und heute, das ist eigentlich damals, 2014, als der Song „So ’ne Musik“ das Album „Niveau weshalb warum“ eröffnete. Jenes Album, mit dem die Hip-Hop-Band aus Hamburg ihren größten Erfolg feierte. Platinstatus, 40 Wochen in den deutschen Albumcharts. Die Musik hat sich in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung über die vergangenen Jahre hinweg nicht verändert. Da widerspricht natürlich der geneigte Fan, der den Werdegang der Band genau verfolgt hat. Immerhin ist Deichkind deutsche Hip-Hop-Geschichte, seit 1997 dabei, ein Vorreiter der Branche hierzulande.

Konzert Deichkind - ÖVB-Arena

Bühnenshow statt Konzert: Kreative Kostüme zeichnen Deichkind aus.

Foto: Christina Kuhaupt

Aber mit welcher Musik sind sie bekannt geworden? „Remmidemmi“, „Arbeit nervt“, „Leider geil“, „Bück dich hoch“. Elektropunk Musik für die Hausparty zur späten Stunde, für die Hauptbühne auf Festivals. Und: für Konzerte in großen Hallen. Die eigentliche Frage wäre deshalb: Wer macht denn heute noch so ’ne Show? Kaum jemand. In Deutschland sind die Deichkinder Pioniere in Sachen Bühnenshow. Wer sonst hat so viele Kostüme wie Lieder dabei? Darunter sind diverse aufwendige Kostüme, wie Nachbildungen der Osterinsel-Figuren mit leuchtenden roten Augen, die beim Song „Vodoo“ zum Einsatz kommen. Wer hat keine Angst, mit einem riesigen Fass durch das Publikum zu rollen? Der Aufwand ist enorm, von Müdigkeit ist bei Deichkind dennoch keine Spur zu erkennen – weder an diesem Abend noch generell.

Politische Botschaften

Wer das im vergangenen Herbst erschienene Album „Wer sagt denn das?“ hört, erkennt durchaus Zeilen, die zu mehr als zum Ausrasten animieren. Von einem politischen Album zu sprechen ist gewagt. Aber subtil, mit Referenzen an viele gesellschaftliche Themen, aber auch an das eigene Image, ist es allemal. „Warum muss man denn gleich feiern, wenn die Eltern mal nicht da sind? Möbel aus dem Fenster (hä?), das ist doch blanker Wahnsinn“, heißt es in „Keine Party“.

In „Wer sagt denn das?“ rappt Deichkind: „Wer sagt denn, dass impulsive Menschen keine Grenzen kennen. Und dass ’ne Mauer bauen wirklich was bringt, Mr. President?“ Das hört man mit Kopfhörern in den Ohren, aber nicht in der ÖVB-Arena. Zumindest nimmt man es nicht wahr, wenn die Haare im Bass wehen, die Freunde im Nebel verloren gehen und auf der Bühne hundert Dinge gleichzeitig passieren. Plötzlich ist da ein futuristisches Fahrrad. Warum ist es da?

Lesen Sie auch

Deichkind ist bewusste Reizüberflutung. Das ist den Fans bewusst, deshalb sind sie da. Mütter mit Söhnen, Väter mit Töchtern oder ganze Familien – alles gesehen im Bremer Publikum. So ist die politische Botschaft des Konzerts dann auch nicht in den Texten versteckt. Man muss sie nicht suchen. Die Deichkinder tragen sie ins Publikum, visualisiert in Form einer riesigen Flagge: „Kein Bier für ­Nazis“. Bier bekommen dann einige glückliche Gäste in der ersten Reihe aus einer stabartigen Konstruktion eingeschenkt. Dass die Band Teile ihrer Bühnenelemente patentieren hat lassen, überrascht nicht.

Weil Deichkind eben kein klassisches Konzert, sondern eine Art Theatershow liefern, fällt nach drei Stunden Anlauf die finale Inszenierung umso größer aus. Der Text von „Remmidemmi“, dem mittlerweile 14 Jahre alten Partyhit, wird auf die Leinwand projiziert, die Bühne vollgestopft mit Requisiten – einer Hüpfburg, einer Miley-Cyrus-Schaukel, einem Aufsteller von Lars Eidinger, Konfetti, nackter Haut. Mehr geht nicht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+