Bremer Frauengeschichten am Goetheplatz

Delikatessen, Dialoge, Duette

Auf die Töpfe, fertig, los: Am Theater Bremen zeigt Alize Zandwijk eine hiesige Version ihrer europäischen Erfolgsproduktion „Mütter“, die Erzählung und Küchenweisheit, Tanz und Musik aufs Leckerste verbindet.
09.05.2019, 16:29
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Delikatessen, Dialoge, Duette
Von Hendrik Werner
Delikatessen, Dialoge, Duette

Soulstimme, Soul Food, Lieblingsmenschen: Manuela Fischer singt mehrfach beseelt und beseelend. Flankiert wird die 33-jährige Mutter von vier Kindern durch die Freundinnen Michaela Okwosha (links) und Danny Leigh.

JÖRG LANDSBERG

Gaumenfreuden und existenzielle Erzählungen, Weltmusik und Tanz bündelt die Produktion „Mütter“ zu einem appetitlichen Ganzen. Zugleich darf das von Alize Zandwijk und Franziska Benack mit 14 Bremer Frauen realisierte Stück, das vier Tage vor dem Muttertag Premiere im oberen Foyer am Goetheplatz hatte, sozusagen als Empfehlungskunstwerk für jene Bürgerbühne gelten, die Intendant Michael Börgerding – bei entsprechender räumlicher, finanzieller und personeller Ausstattung – gern am Theater Bremen installiert wüsste (wir berichteten).

Strukturell ist der 110-minütige Abend, den die dicht an dicht an rustikalen Holztischen sitzenden Zuschauern begeistert begleiten und applausfreudig quittieren, die Reprise eines Konzepts, mit dem Zandwijk und die Dramaturgin Liet Lenshoek im Jahr 2007 in Rotterdam und zehn Jahre darauf in Luzern eine Bühnenküche zum Ausgangspunkt eines Theaters der Erfahrungen gemacht haben. Eines Theaters, das – notgedrungen auszugsweise – Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten von Frauen, genauer: von Müttern zur Sprache bringt.

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Derlei mag in der Papierform noch leidlich leicht anmuten, ist aber eine innige Form der Kooperation zwischen Bühnenlaien und Theatermacherinnen, die viel Geduld, wertschätzenden Austausch und vertrauensbildende Maßnahmen erfordert. Das dürfte auch dann der Fall sein, wenn Alize Zandwijk, wie vom Intendanten im vergangenen Jahr in Aussicht gestellt, tatsächlich ein vergleichbares Projekt mit jungen muslimischen Männern realisieren sollte.

Zuletzt hat am hiesigen Theater mit einem vergleichbaren personellen, logistischen und ideellen Aufwand die argentinische Regisseurin Lola Arias in der Spielzeit 2013/14 die Produktion „The Art of Making Money – Die Bremer Straßenoper“ erarbeitet; damals standen Straßenmusiker, Obdachlose und eine Ex-Prostituierte im Mittelpunkt einer Rekonstruktion vorwiegend harter Pflasterrealität.

Heimeliger Ort

Viel, sehr viel hinter sich haben auch jene 14 Frauen – mehrheitlich mit migrantischem Hintergrund –, die jenen Raum bevölkern, den der polnische Theatertheoretiker Jan Kott einmal als sakralen Mittelpunkt des Hauses charakterisierte: die Küche. John Thijssen und Lidwien van Kempen, die das detailfreudige Bühnenbild für „Moeders“, das niederländische Original, entwarfen, haben es zunächst für Luzern und jetzt für Bremen den räumlichen Gegebenheiten angepasst.

Es ist ein heimelig anmutender Ort – von Pott und Pann über eine Obst-Etagere bis hin zu einer glitzernden Dosenwand. Auch der Zuschauerraum ist angemessen festlich verkleidet worden; auf den Tischen stehen Servietten und Besteck bereit, Fladenbrot und Dips – Parole: Aioli-Brodem – sowie Getränke und allerlei Kräuter. Zugreifen während der Aufführung ist ausdrücklich erwünscht.

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Spätestens seit der Madeleine-Episode in Marcel Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913-1927) und deren Bananen-Parodie in Samuel Becketts Stück „Das letzte Band“ (1958) haben Geschmackserinnerungen ihren festen Platz auf den Merktafeln von Philologen und Dramaturgen. Nach einem Tänzchen zum Auftakt und einer Eingangsmoderation von Kiki Anani schwelgen die Akteurinnen so beredt in Reminiszenzen an Speck (Ursel Balke) und Eier (Dorothea Lichte), aber auch an weniger mächtige Zutaten, dass sich dem ohnehin empathisch gestimmten Publikum wiederholt wohlige Mmmhs und Aaahs entringen.

Das Wohlfühlarrangement, zu dem auch tolle Tänze und leidenschaftlich vorgetragene Lieder zählen, pausiert, wenn die Frauen von schmerzhaften Zäsuren in ihrem Leben sprechen: von einem betrunken verschuldeten Autounfall, von einer Heimkindheit, von Zwangsheirat, Bulimie, sexueller Gewalt. Die Intimität ihrer Erzählungen berührt. Was ihnen widerfahren ist, bewegt. Erträglich geraten ihre Bekenntnisse an diesem emotional überbordenden Abend vielleicht nur deshalb, weil auf der Habenseite gelungene Migrations- und Bildungsgeschichten stehen, geglückte Geburten, gemeisterte Erstmenstruationen – und jede Menge subversiver Humor, der so mancher Passionsgeschichte wohltuende Brechungen unterlegt.

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Der Star ist das Ensemble: Die zugewandten Akteurinnen sind zugleich Botschafterinnen einer Sozialutopie, in der gelebte Multikulturalität zum Vorschein einer deutschen Leitkultur avanciert, die auf Vielfalt statt auf Ausgrenzung fußt. Alle Mütter bestreiten beachtliche Soli – erzählend, singend, tanzend –; noch sättigender indes gerät der Abend, wenn es Dialoge, Duette und – im Anschluss an die Vorstellung – Delikatessen gibt.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungstermine im Foyer des Theaters am Goetheplatz: 13., 21. und 22. Mai; 4., 11., 17. und 24. Juni; 1. Juli. Beginn aller Vorstellungen ist um 19.30 Uhr.

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