Das Rätsel der Träume

Wenn Menschen selbst im Schlaf kommunizieren

Die Frage, was hinter ihren Träumen steckt, beschäftigt Menschen schon seit Jahrtausenden. Endgültig geklärt ist sie nicht, aber Forscher wissen inzwischen einiges darüber, was bei Träumen im Gehirn geschieht.
27.04.2021, 05:00
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Wenn Menschen selbst im Schlaf kommunizieren
Von Jürgen Wendler
Wenn Menschen selbst im Schlaf kommunizieren

Träume entführen Menschen in eine andere Welt, die sich ebenso real anfühlen kann wie die im Wachzustand erlebte. Möglich ist dort vieles, selbst das Fliegen. Über den Zweck solcher Träume rätseln Forscher schon lange.

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Träume faszinieren Menschen bereits seit Urzeiten. Lange Zeit herrschte die Vorstellung, dass sie als Botschaften von Göttern zu verstehen seien. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856 bis 1939), nahm hingegen an, dass in ihnen verdrängte Wünsche und Begierden in den Vordergrund rückten. Im Laufe der Zeit haben Wissenschaftler unterschiedliche Theorien zum Zweck des Träumens entwickelt. Träume könnten demnach dazu beitragen, das Gedächtnis von überflüssigem Ballast zu befreien. Andererseits könnten sie helfen, nützliche Erfahrungen zu bekräftigen und Erlebtes langfristig im Gedächtnis zu speichern oder Fähigkeiten zu trainieren, die für die Bewältigung künftiger Aufgaben unerlässlich sind. Klar ist, dass das Gehirn in intensiven Traumphasen ähnlich aktiv ist wie im Wachzustand und dass Menschen oftmals von Dingen träumen, die sie zuvor während des Tages beschäftigt haben. Und auch dies hat die Forschung gezeigt: Träumende Menschen können mit wachen kommunizieren.

Wissenschaftler nehmen an, dass Menschen jede Nacht träumen – auch wenn sie sich später nicht mehr daran erinnern. Große Bedeutung scheint der sogenannte REM-Schlaf zu besitzen. REM steht für „rapid eye movements“, das heißt für Schlafphasen, die mit schnellen Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern einhergehen. Forscher haben die Erfahrung gemacht, dass sich Testpersonen im Schlaflabor, die aus dem REM-Schlaf geweckt werden, fast immer an ihre Träume erinnern können. Außerdem scheint sich diese Schlafphase durch ein vergleichsweise häufiges Vorkommen sogenannter Klarträume auszuzeichnen. Dabei ist dem schlafenden Menschen bewusst, dass er gerade träumt. Ihm gelingt es unter Umständen sogar, das Traumgeschehen zu steuern. Er kann seinen Traum kontrollieren und darin ausleben, was ihm im Alltag nicht gelingen würde. Klarträume werden auch als luzide Träume bezeichnet. Das Fremdwort geht auf das Lateinische zurück und bedeutet so viel wie durchsichtig oder verständlich.

Im Schlaf kommunizieren

Eine Forschergruppe um Karen R. Konkoly von der US-amerikanischen Northwestern University und Kristoffer Appel von der Universität Osnabrück hat kürzlich im Fachjournal „Current Biology“ Belege dafür geliefert, dass sich Menschen im REM-Schlaf während ihrer Klarträume mit wachen Personen austauschen können, das heißt: Sie sind in der Lage, Fragen zu verstehen und Antworten zu geben. In die Studie flossen Daten zu 36 Personen ein, die mit mathematischen Aufgaben sowie Fragen konfrontiert worden waren, die mit ja oder nein beantwortet werden mussten. Die Antworten entnahmen die Forscher verschiedenen Signalen der träumenden Menschen, das heißt ihren Augenbewegungen oder dem Verhalten ihrer Gesichtsmuskeln. In ihren Ergebnissen sehen die Wissenschaftler nicht zuletzt einen Hinweis darauf, dass Lernen im Schlaf grundsätzlich möglich ist. Dass Informationen aufgenommen worden waren, ließ sich zum Beispiel auch daran ablesen, dass einer der Studienteilnehmer nach dem Experiment aufwachte und berichtete, dass er im Traum um die Lösung einer einfachen Rechenaufgabe gebeten worden sei.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass nicht nur Menschen träumen, sondern auch Tiere wie Hunde und Katzen. Von Kindern ist Expertenangaben zufolge bekannt, dass sie nicht nur intensiver träumen als Erwachsene, sondern auch häufiger. Der hohe Anteil des Traumschlafs zum Zeitpunkt der Geburt lege nahe, dass dieser für die Hirnentwicklung von großer Bedeutung sei. Wenn Menschen auf die Welt kämen, bestehe ihr Schlaf etwa zur Hälfte aus Traumschlaf und zur anderen Hälfte aus leichtem oder tiefem Schlaf. Die hohe Aktivität des Gehirns während des Traumschlafs spiele möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Ausbildung der Verbindungen zwischen den Nervenzellen in diesem Organ. Hirnforscher betrachten Gedanken, innere Bilder und Gefühle als Ergebnis des Zusammenspiels der Zellen, das heißt der Verknüpfungen. Mit anderen Worten: Nervenzellen bilden komplexe Netzwerke. Eine einzelne Nervenzelle kann über entsprechende Kontaktstellen – sogenannte Synapsen – mit Tausenden anderen verbunden sein.

Altes wird mit Neuem verknüpft

Professor Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim ist Sprecher der Arbeitsgruppe Traum der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. In Veröffentlichungen hat er unter anderem darauf hingewiesen, dass in Träumen alte Erfahrungen mit neuen Erlebnissen gemischt werden. Typisch seien auch fantasievolle Neuschöpfungen, also zum Beispiel Träume, in denen Menschen flögen oder verfolgt würden. Letzteres könne darauf hindeuten, dass jemand im Alltag vor etwas Angst habe. Träume können folglich helfen, Probleme ins Bewusstsein zu bringen. Das Beispiel macht laut Schredl zugleich deutlich, warum es keine allgemeinen Traumdeutungen geben kann. Der Trauminhalt habe immer mit dem Träumer zu tun, also einem ganz bestimmten Menschen.

Unter Albträumen leiden besonders Kinder. Wie die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in einem Leitfaden schreibt, haben etwa fünf Prozent aller Kinder mindestens einmal pro Woche einen Albtraum. Besonders häufig seien solche Träume zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr. Gewöhnlich sei von einem Albtraum dann die Rede, wenn starke negative Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer oder Ärger dazu führten, dass der träumende Mensch erwache. Allerdings gebe es auch belastende Träume, bei denen die betroffene Person nicht sofort wach werde. In den Albträumen von Jugendlichen gehe es einer stichprobenartigen Untersuchung zufolge am häufigsten um Verfolgungsszenarien. Sehr oft spielten zudem etwas Bedrohliches beziehungsweise das Thema Tod eine zentrale Rolle.

Gesamtes Gehirn beteiligt

Nach Darstellung des Psychologen und Schlafforschers Michael Schredl ist erwiesen, dass das gesamte Gehirn am Träumen beteiligt ist. Wenn gesprochen werde, sei das Sprachzentrum aktiv, wenn die Hand bewegt werde, das Gebiet in der Großhirnrinde, das im Wachzustand tatsächlich die Hand bewegen könne. Allerdings würden im REM-Schlaf die Impulse zu Muskelzellen im Hirnstamm blockiert, um einen ruhigen Schlaf zu gewährleisten. Zu der Beobachtung, dass Emotionen in vielen Träumen eine große Rolle spielen, passt nach Angaben des Experten die Feststellung, dass das limbische System im REM-Schlaf besonders aktiv ist. Aufgabe dieser Funktionseinheit im Gehirn ist die Verarbeitung von Emotionen.

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Was bei Albträumen hilft

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin betrachtet Albträume als ein Angstphänomen. Für den Umgang mit solchen Träumen gelte deshalb das Gleiche wie für die Behandlung von Angststörungen, das heißt: Es gehe darum, sich zunächst dem Problem zu stellen und dann eine Bewältigungsstrategie zu erlernen. Erwachsene könnten den Expertenangaben zufolge damit beginnen, ihre Träume aufzuschreiben, Kinder damit, Traumszenen zu zeichnen. Anschließend komme es darauf an, sich den Traum nochmals vor Augen zu führen und sich einen Weg zur Bewältigung der Situation zu überlegen. So bestehe beispielsweise die Möglichkeit, eine bedrohliche Traumfigur anzusprechen oder sich Helfer vorzustellen. Indem man sich diese Bewältigungsstrategie dann in den folgenden Tagen immer wieder bewusst mache, werde sie eingeübt. Die bewusste Auseinandersetzung mit der in Albträumen erlebten Angst, so wird in einem Leitfaden der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin betont, sei die wirksamste Form der Therapie.

Dass Menschen von Albträumen heimgesucht werden, kann nach Darstellung der Gesellschaft unterschiedliche Gründe haben. Eine wichtige Rolle scheine Stress zu spielen. Empathische, offene, sensible Menschen könnten sich schlechter gegen Stress abgrenzen und hätten Forschungsergebnissen zufolge häufiger solche Träume. Auch nicht verarbeitete negative Erlebnisse wie körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch oder kriegerische Gewalt könnten das Auftreten von Albträumen begünstigen. Möglich sei darüber hinaus, dass Albträume als Nebenwirkung von Medikamenten oder infolge psychischer Probleme wie Depressionen aufträten.

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