Ausstellung "Existenzielle Bildwelten" mit lebenden Exponat

Den Rücken für die Kunst verkauft

Bremen. Das Kunstwerk von Wim Delvoye trägt Tim Steiner als Exponat auf seinem Rücken. Es gehört zur aktuellen Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“ der Sammlung Reinking in der Weserburg.
23.05.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Den Rücken für die Kunst verkauft
Von Uwe Dammann
Den Rücken für die Kunst verkauft

Tätowierter Rücken: Das Kunstwerk von Wim Delvoye trägt Tim Steiner als Exponat auf seinem Rücken.

Niklaus Spoerri

Dieses Kunstwerk lebt, es geht durch das Museum, kann sich – gegebenenfalls – duschen oder gar frösteln, wenn die Temperaturen wieder sinken sollten. Das Tattoo „TIM“, das Wim Delvoye auf dem Rücken von Tim Steiner geritzt hat. Es gehört zur aktuellen Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“ der Sammlung Reinking, die bis zum 1. Februar 2015 in der Weserburg – Museum für moderne Kunst, zu sehen ist.

Tim Steiner hat seinen Rücken für die Kunst verkauft: Der Hamburger Sammler Rik Reinking hat das Tattoo auf Krügers Rücken für rund 240 000 Schweizer Franken erworben. Es gebe einen 30-seitigen Vertrag, wann Tim Steiner dieses Kunstwerk bei Ausstellungen zeigen darf und was später damit passiert, sagte Reinking beim ersten Rundgang durch die Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“, die bis zum 1. Februar 2015 in der Weserburg – Museum für moderne Kunst, zu sehen ist. Entworfen hat das Tattoo der Künstler Wim Delvoye, und der Zürcher Tätowierer Matt Powers hat das Motiv mit der betenden Madonna, mit Rosenblättern, fliegenden Schwalben und einem Totenkopf ausgeführt.

Außerdem ist testamentarisch festgelegt, dass das Tattoo nach Steiners Tod chirurgisch entfernt und konserviert werden darf. Wer dann im Besitz des Kunstwerkes ist, bekommt auch den „Nachlass“. Tim Steiner wird heute Abend bei der Eröffnung der Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“, aber auch in der Langen Nacht der Museen am Sonnabend als „Exponat“ in der Weserburg zu sehen sein.

Ungewöhnliche Kunstpositionen

Die Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“ stützt sich ganz auf die Sammlung des Hamburger Kunsthändlers Rik Reinking, der mit feinem Gespür für ungewöhnliche Kunstpositionen schon öfter auf sich aufmerksam gemacht hat, ob mit Minimalismus oder Street Art. Als neuen Schwerpunkt hat er Artefakte aus Afrika, Amerika und Ozeanien zusammengetragen, von denen etliche in der Weserburg gezeigt werden.

„Die Sammlung Rik Reinking ist eine der ungewöhnlichsten Privatsammlungen in Deutschland“, sagt Peter Friese, kommissarischer Direktor der Weserburg. Friese ist froh, diesen Sammler für eine Ausstellung gewonnen zu haben. „Die Exponate korrespondieren hervorragend mit den Räumlichkeiten in unserem Haus“, meint Friese und hat damit zweifellos Recht.

Von der Decke herabhängender Eiskörper

Sehenswert ist beispielsweise der von der Decke herabhängende Abguss des Oberkörpers des Künstlers Franticek Klossner, der aus Eis besteht. Schon bei der gestrigen Vorstellung der Ausstellung begann der Eisblock zu schmelzen, die Figur des Schweizer Künstlers löst sich allmählich vor den Augen der Besucher auf. Die müssen allerdings keine Bedenken haben, dass sie hier am Sonnabend nur einen Wasserfleck zu sehen bekommen. Die Eisskulptur wird regelmäßig erneuert, so dass die Figur immer wieder gezeigt werden kann. Ein besonderer Höhepunkt der Ausstellung ist auch die raumfüllende Arbeit aus zerbrechlichen Glasvitrinen, in denen der kanadische Künstler Terence Koh 222 Köpfe aus schwarzer Asche zeigt.

Neben Malerei und Zeichnung werden Plastiken, Objekte und Installationen von internationalen zeitgenössischen Künstlern gezeigt. Kombiniert mit außereuropäischer, traditioneller Kunst ergeben sich wie von selbst Kontraste, aber auch überraschende Synergien. Reinking zeigt ungewöhnlich viele Arbeiten, die Einflüsse von Naturvölkern aufgreifen. Auch das schmuckvolle Tattoo auf dem Rücken von Tim Steiner gehört in die Kategorie. Die Körperbemalung ist einst über Ozeanien und die Seefahrer nach Europa gekommen.

Tod und Vergänglichkeit thematisieren mehrere Objekte. Rik Reinking ist fasziniert vom Umgang der Naturvölker mit dem Tod, der hier in das Leben integriert sei. Ein ausgestellter Totenschädel, den der Künstler Jan Fabre entworfen hat, ist beispielsweise über und über mit schillernden „Smaragdkäfern“ beklebt. Eine ausgestellte Puppe mit den Haaren eines Toten ist in der Südsee eine Art Reliquie, die bei Zeremonien und Festen immer wieder symbolartig in die Gemeinschaft einbezogen wird.

„Ich finde das schön, weil man sich so immer wieder an den Toten erinnert“, sagt Reinking. Diese emotionale Direktheit, aber auch die neuen und überraschenden Blickwinkel auf ungewöhnliche Kunstpositionen zeichnet die Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“ aus.

Existenzielle Bildwelten, Weserburg, bis 1. Februar 2015, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, donnerstags 11 bis 20 Uhr.

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