Andy Bar singt Partyschlager Der Bremer Baller-Mann

Seit zehn Jahren macht Andy Bar Musik fürs Partyvolk, singt von Saufen, Feiern, Ballermann. Unterwegs mit einem, für den Spaß Arbeit ist.
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Der Bremer Baller-Mann
Von Katharina Frohne

Der Bass wummert, die Masse grölt, und eigentlich soll Andy Bar jetzt anfangen. Pinke Lichter peitschen über die Menge, aus meterhohen Boxen dröhnen die ersten Takte von „Wir sind wieder da“, einer Mallorca-­Hymne auf die Melodie von „L’amour Toujours“: dö-dö-dö-dö, dö-dö-dö-dö. Dann die erste Strophe: „Wir sind wieder da / Wie jedes Jahr / Hier ist Andy Bar / Und ab geht’s!“

Das Problem: Ab geht erst mal gar nichts. Das Mikro spinnt, springt an, wieder aus. Andy Bar singt, aber niemand kann ihn hören, nur einzelne Silben knallen in dem Raum: „sind“, „da“, „des“, „ab“. Später, nach seinem Auftritt, wird Andy Bar sagen, dass es ihm von der ersten Sekunde an schlecht ging, dass er am liebsten gleich wieder umgedreht wäre, „weil du bei so was direkt verloren hast“.

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Zu merken ist davon nichts, Andy Bar macht weiter, the show must schließlich go on. Er hüpft auf und ab, Arme hoch, links, rechts, und jetzt alle. Nach wenigen Augenblicken reicht ein Techniker das Ersatzmikro, Andy Bar legt los: „Heute wollen wir feiern / vom Bremer Land bis hinter Bayern / wir geben Gas und wir ziehen durch die Nacht.“ Die wenigsten singen mit, sie kennen den Text nicht. Aber den Refrain, den können alle: dö-dö-dö-dö, dö-dö-dö-dö.

„Steigt denn der Alkoholpegel noch?“

Es ist 23.30 Uhr, und Gas geben hier einige seit dem späten Nachmittag. Auf dem Freimarkt haben sie Pizza und Softeis gegessen, Schnaps und süße Mischen getrunken und sind drei Runden „Transformer“ oder „Break Dancer“ gefahren, weil junge Mägen das noch mitmachen. Am Ende sind sie hier gelandet, auf der Freimarkt-Party in der Halle 7. Mehrere Hundert Menschen drängen sich vor der Bühne, die meisten sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, viele sind betrunken. „Ich will eure Hände sehen!“, ruft Andy Bar, und eine junge Frau im rosa Dirndl hebt die Arme, verliert das Gleichgewicht und klammert sich an die Schulter einer Freundin. Neben ihr bekleckert ein Typ im Karohemd seine Kumpels mit Bier.

Andy Bar singt für sie alle den Soundtrack der Nacht. Zwei Nummern später läuft der Schunkelklassiker „Lebt denn der alte Holzmichl noch?“, nur schneller und mit anderem Text: „Steigt denn der Alkoholpegel noch / -holpegel noch / -holpegel noch?“. Rhetorische Frage, natürlich.

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Andy Bar ist 47 Jahre alt, Schlagersänger und heißt eigentlich anders. Seinen Namen hat er sich für seine Karriere zugelegt, vor gut zehn Jahren, als er nach Mallorca ging. Geheim ist sein echter Name nicht, er lässt sich ergoogeln, in der Zeitung lesen möchte Andy Bar ihn trotzdem lieber nicht. „Außerdem“, sagt er, „nennen mich inzwischen sowieso alle Andy – sogar meine Mutter.“ Aufgewachsen ist er in Bremen, nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Solide kam ihm das vor, Spaß hatte er keinen. Den empfand er nur beim Feiern. Also gründete er zusammen mit seinem Bruder eine Karaoke-Bar, heizte den kühlen Bremern als DJ Hansi ein. „Die Leute Spaß haben lassen, das war mein Ding“, sagt Andy Bar.

Saufen, Feiern, Sex

Die spanische Insel war dann nur die logische Konsequenz: Wer professionell Party machen will, muss nach Mallorca. Jahrelang trat Andy Bar regelmäßig im Bierbrunnen auf, einer Event-Bar in Cala Ratjada an der Ostküste. 2016 eröffnete er seinen eigenen Laden: das „Andy Bar Stadl“. Cala Ratjada liegt 70 Kilometer von El Arenal entfernt, aber Ballermann können sie auch dort: Bierpong-Wettbewerbe, Cocktails aus 1,3-Liter-Vasen. Und natürlich: Schlager. Nicht solche von Matthias Reim oder Marianne Rosenberg, sondern von Mickie Krause oder Peter Wackel. Es geht nicht um Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit, sondern um Saufen, Feiern, Sex. „Wenn du mich berührst / dann fühle ich / tiefes Verlangen in mir“, singt Andrea Berg in einem ihrer schlüpfrigeren Lieder. Tobee, einer der aktuell beliebtesten Malle-Stars, reimt in „Saufi Saufi“: „Hey Baby, alles klar? / Wir beide ha’m heut’ Nacht ein Einführungsseminar.“

Plump, doof, primitiv? Finden viele. Andy Bar versteht das. Zwei Stunden vor seinem Auftritt sitzt er auf einem weißen Ledersofa im Backstage-Bereich. Es riecht nach Grünkohl, den die Künstler sich nehmen können, wenn sie wollen. Andy Bar hat dankend abgelehnt, trinkt ausnahmsweise ein Beck’s Green Lemon. Sonst, sagt er, gebe es vor den Auftritten nur Wasser, jetzt aber brauche er ein bisschen was, um auf Touren zu kommen. Nachmittags hat er seiner Schwester im Garten geholfen, Bäume stutzen, Hecke schneiden.

Diese Texte, sagt Andy Bar, seien natürlich nur „nach zwei, drei Bier“ zu ertragen. Er meine das gar nicht abfällig, dafür seien sie eben da, Hits wie „Vier Tage feiern“ oder „Heute saufen wir dem Wirt die Bude leer“: zum Kopf-auf-Durchzug-Schalten. „Das Leben ist hart, jeder hat Probleme; wenn ich auf der Bühne stehe, will ich, dass die Leute für die Dauer meines Auftritts alles vergessen.“ Und sich mit eimerweise Sangria die Birne ausknipsen? Davon halte er eigentlich nicht viel, sagt Andy Bar; vom Sauftourismus, obwohl er natürlich davon profitiere. Ihm gehe es um Erleichterung, nicht um Exzess.

Sie ist ihm ernst, die Sache mit dem Spaß. Wenn Andy Bar erzählt, warum er Musik macht, dann klingt er eher nach Feingeist als nach Animateur. Dann spricht er davon, dass er die Menschen berühren möchte, dass er will, dass sie eine gute Zeit haben. Seinetwegen. Er erinnert sich an eine Nacht im Oytener Capitol, „ein Schlüsselmoment“. Er habe live gesungen – und Angst gehabt, dass das Disko-Publikum das doof finden könnte. Stattdessen: Polonaise durch den ganzen Laden, „alle haben mitgemacht“. Bis heute, sagt er, „ist das schönste Kompliment, wenn am Morgen danach einer sagt: geile Party, hat Bock gemacht“.

Schluss mit Mallorca

Drei Stunden später, der Auftritt ist 45 Minuten her. Andy Bar sitzt im Auto, biegt ein auf die Findorffstraße. Die Lichter des Freimarkts fliegen vorbei, das Radio schweigt, nur der Bass aus der Halle vibriert noch in den Ohren. Privat möge er es ruhig, sagt Andy Bar. Seine Stimme kratzt, er ist heiser, aber zufrieden. Eine knappe halbe Stunde hat er gespielt, T-Shirts geschmissen, Autogramme gegeben. Nur der Mikro-Ausfall wurmt ihn immer noch.

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Zurück nach Spanien geht es für Andy Bar erst mal nicht. Seine Bar in Cala Ratjada hat er im März geschlossen, er ist umgezogen, nach Geilenkirchen bei Aachen. Der Liebe wegen, und der Familie. Er hat geheiratet, seine Frau hat einen zwölfjährigen Sohn. „Was soll der auf Mallorca?“, fragt Andy Bar.

Schlager singt er jetzt nur noch am Wochenende, kommendes Jahr will er unter anderem auf den Bremer Sixdays spielen, auch beim Freimarkt will er „noch mal angreifen“. Werktags arbeitet er inzwischen als Teamleiter in einem Callcenter. Auch da, sagt er, muss man Menschen motivieren, „das kann ich“. Ob irgendwann Schluss ist mit Party? „Wenn die Leute mich noch sehen wollen, mache ich weiter“, sagt Andy Bar. Immerhin stehe Jürgen Drews immer noch auf der Bühne. Der wurde im April 74.

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