Klopapier-Krise in den Supermärkten

Der Deutschen liebstes Kind

Toilettenpapier scheint auf einmal unverzichtbar geworden zu sein. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Es ist ein vergleichsweise junges Konsumgut.
22.03.2020, 19:11
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Der Deutschen liebstes Kind
Von Iris Hetscher
Der Deutschen liebstes Kind

Wer mag da in diesen Tagen widerstehen: Schniekes Toilettenpapier, das maximale Behaglichkeit auf dem Stillen Örtchen verspricht.

Belchonok/123rf

Wie hätten‘s Sie denn gern: Hart oder weich? Blütenweiß, geblümt, mit niedlichen, herumtollenden Bären oder mit Wolken? Parfümiert? Feucht? Grau und geriffelt geht natürlich auch. Wer damit nach Hause marschiert, zeigt, dass die Sorge um den eigenen Po bei ihm mindestes zweitrangig ist. Der Kauf von Recycling-Toilettenpapier signalisiert: Mir geht die Umwelt nicht am Allerwertesten vorbei.

Die Deutschen scheinen sich derzeit für solche Feinheiten, an denen sich ansonsten Beziehungskrisen entzünden können, wenig zu interessieren. Die dekadente Frage, zu welchem der vielen Sorten Klopapier im Supermarktregal man greifen sollte, war gestern. Heute ist Corona, da zählt auf einmal Quantität: Her mit den Rollen, und bitte so viele, wie es geht.

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Landesweit wird von Diebstählen berichtet, beispielsweise im nordrhein-westfälischen Würselen, bekannt geworden als Heimatort des Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Dort schlugen dreiste Langfinger ein Autofenster ein, um an den Hygieneartikel zu gelangen. Auch von mehreren handfesten Auseinandersetzungen wird berichtet: „Völlig ausgeflippt“, so die Polizei, sei eine Kundin in einem Bremer Supermarkt in der vergangenen Woche, weil man ihr an der Kasse nicht mehr als das übliche Kontingent gewähren wollte. Die schreiende Frau musste aus dem Laden geführt werden, schubste Angestellte, ihr Begleiter teilte Fausthiebe aus. Das Toilettenpapier scheint das Auto als liebstes Kind der Deutschen schlagartig abgelöst zu haben. Vorbei die Zeiten, als Marketingprofessoren wie der Brite Mike Saren es schnöde als „ein schnelldrehendes Konsumgut, für das die Verbraucher üblicherweise wenig Interesse aufbringen“, beschreiben konnten.

Dabei begleitet es den Menschen noch gar nicht so lange standardmäßig beim Toilettengang und schon gar nicht überall auf der Welt. In Indien, Asien und Teilen der arabischen Welt wurde lange die linke Hand zur Analhygiene benutzt, zusammen mit lauwarmem Wasser. Die Linke gilt immer noch als unrein; nur mit der rechten Hand darf gegessen werden, wenn kein Besteck verwendet wird. Im Orient mit seiner sowieso seit Jahrhunderten ausgefeilten Bade- und Reinigungskultur kannte man früh, ebenso wie bei den Römern, kleine Schwämme zur Afterreinigung. Nomadenvölker verwenden bis heute Sand.

In Europa behalf sich das gemeine Volk dagegen lange mit Moos, Heu oder Blättern. Die Reichen des Mittelalters benutzten Lumpen, was ab dem 16. Jahrhundert stärker um sich griff. Eine Toilettenpapierkultur gab es lange Zeit nur in China, wo das Produkt zum ersten Mal im sechsten Jahrhundert beschrieben und in den folgenden Jahrhunderten im großen Stil hergestellt wurde. Bei Besuchern aus Nachbarländern stieß diese Art der Körperhygiene allerdings eher auf Verwunderung und Abscheu, weil die Chinesen eben kein Wasser benutzten, wie in den anderen asiatischen Ländern üblich.

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Doch zurück nach Europa. Dort begann die Abkehr vom Klo-Textil und die Hinwendung zum Klo-Papier, als die Menschen begannen, Zeitungen zu lesen und diese danach auf dem Abort zweitverwerteten. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Wasserklosett (WC), und je mehr Wohnungen und Häuser damit ausgestattet wurden, desto dringlicher wurde der Ruf nach Spezialpapier, damit die Abwasserrohre nicht verstopften. Der erste deutsche Tycoon auf diesem Gebiet wurde Hans Klenk. Ab 1928 stellte er in Ludwigsburg Toilettenpapier der Marke Hakle her, zunächst aus Krepp, nach dem Zweiten Weltkrieg spezialisierte die Firma sich auf das zwei-, dann dreilagige (weichere) Tissuepapier, schließlich bot sie auch die feuchte Variante an. Wer jemals in den 1970er- oder 1980er-Jahren Besuch von betagteren Verwandten aus der DDR hatte, wird sich daran erinnern, wie vernarrt diese nicht nur in Strumpfhosen und Kaffee, sondern auch in das West-Klopapier waren. Der Grund: In der DDR gab es nur die raue, graue Variante.

Das ist Geschichte, deutschlandweit scheint es aber Unterschiede in der Handhabung von Klopapier zu geben. Jedenfalls wenn man der Firma Zewa glaubt, die das 2012 untersucht hat. Acht verschiedene „Wischtypen“ hat sie ausgemacht, „Falter kommen aus dem Osten, Knüller aus dem Norden“. Vielleicht kann diejenigen, die derzeit Angst vor einem Klopapier-Kollaps haben, zudem Folgendes beruhigen: „Knapp zwei Prozent der Männer geben sich mit einem einzigen Blatt Toilettenpapier zufrieden. 0,2 Prozent der Männer brauchen sogar überhaupt kein Papier.“ Solche Minimalisten fallen als Konkurrenten beim Hamsterkauf schon mal aus.

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