Theater verschneidet Bremen, Güllen und Gülle Der Geruch des neuen Geldes

Gabriele Möller-Lukasz spielt am Theater Bremen die Titelrolle in der amüsanten Moritat „Der Besuch der alten Dame“. Regie führt die scheidende Mathilde Lehmann.
06.03.2019, 17:16
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der Geruch des neuen Geldes
Von Hendrik Werner

Bremen. Mach es wie die Schuldenuhr, zähl' die bedeckten Stunden nur. Diese travestierte Küchenweisheit befolgen am Eingang zum Brauhauskeller des Theaters Bremen die clownesk weiß geschminkten Schauspieler Guido Gallmann und Alexander Angeletta. In der gedoppelten Rolle des Alfred Ill, einem vermeintlich gediegenen Mann mit schuldhaft besetzter Vergangenheit, singen sie zu den Klängen eines Miniatur-Pianos eine sarkastische Moritat, die Glück und Wohlstand, Defizite und Verheerung miteinander verrechnet.

Hinter ihnen an der Wand prangt ein Chronometer mit digitaler Anzeige, die ebenso frappierend wie planvoll an die öffentliche Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler in Bremen erinnert. Ein deprimierendes Display, das bekanntlich auch die Verbindlichkeiten eines jeden Einwohners in vier- bis fünfstelliger Höhe beziffert. Allein: Der dem ziemlich beunruhigenden Schuldenstand zugeordnete Ort heißt Güllen und ist zuallererst literarischer Provenienz. Friedrich Dürrenmatt ersann die heillos verarmte Stadt als schraddeligen Schauplatz seiner dreiaktigen Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ (1956).

Güllen wie Gülle

Güllen also. Wie Gülle. Ob Geld nun stinkt oder nicht, ist eine der zentralen Fragen, die Mathilde Lehmanns stimmig auf drei Personen beziehungsweise zwei Figuren verknappte Adaption des populären Dürrenmatt-Stücks aufwirft. Über die Dauer von drei Spielzeiten hat die Endzwanzigerin als Regieassistentin am hiesigen Theater gewirkt; nach einer Adaption des Ödön-von-Horváth-Romans „Jugend ohne Gott“, einem Solo für Mirjam Rast, ist „Der Besuch der alten Dame“ ihre zweite Arbeit am Haus – und zugleich ihre Abschlussinszenierung. Dann muss sie wieder zum Städtele hinaus; der Theaterbetrieb ist ein Wanderzirkus, und Lehrjahre sind keine – Sie wissen schon.

Gerade wieder ins Städtchen hinein zieht es hingegen Claire Zachanassian (Gabriele Möller-Lukasz), die durch eine ebenso intensive wie geschickte Heiratspolitik von der Prostituierten zur Milliardärin aufgestiegen ist. Klara „Kläri“ Wäscher hieß sie, als sie noch in Güllen lebte. Süße 17 war sie, als sie von dem um zwei Jahre älteren Alfred Ill geschwängert wurde. Dass er ihr noch Jahrzehnte später als feiger Verräter gilt, liegt daran, dass er seinerzeit dank korrumpierter Zeugen vor Gericht erfolgreich seine Vaterschaft leugnete. Schimpf und Schande, Ruch- und Ehrlosigkeit bedeutete das für die gefallene Klara Wäscher, die ihre Heimatstadt verlassen musste – und überdies bald ihr Kind an eine Krankheit zum Tode verlor.

Schlimmer geht's immer

Als respekteinflößenden Racheengel verkörpert Gabriele Möller-Lukasz die alte Dame. Die finanzielle Situation Güllens spielt der zur zynischen Halbweltdame gereiften Frau in die Hände. Nanako Oizumi hat im Brauhauskeller einen großartig abgewirtschafteten Raum geschaffen, mit abgesackten Stuckfassaden und Plastikplanen, die eindrucksvoll signalisieren, dass dieser Ort Mangel und Verfall vereint. Nur dann, so verkündet Madame gravitätisch, werde sie eine Milliarde zur Sanierung der Stadt spendieren, wenn der illoyale Ill geopfert, lies: ermordet wird. Geld und Vergeltung sind ihr quasi eins. Umso mehr, als sie, wie die von Dürrenmatts Komödientheorie kultivierte schlimmstmögliche Wendung souffliert, den Bankrott Güllens ihrerseits initiiert hat.

Schlimmer geht's immer. So könnte der Leitsatz von Lehmanns flotter Inszenierung lauten, die Dürrenmatts Plot durch launige Lieder („Es jubeln Flora und Fauna“) und drollige Bremen-Parallelen zum ökonomischen Ruin Güllens stimmig ausbaut. So präsentieren Ill 1 (Angeletta) und Ill 2 (Gallmann) ebenso abstruse wie vorstellbare Pläne zur wohnlichen Umnutzung des Kellogg's-Areals und zur Umwidmung der umgedrehten Kommode zu einem Parkhaus. Nicht zu vergessen die Karriere des einstigen Kaffee-HAG-Geländes, das auf einem Flyer und als hübsches Modell (Nadine Schostag) zur Zentrale der Weltfirma Siemens avanciert.

Spiel und Gesang der drei Akteure überzeugen weitestgehend. Gabriele Möller-Lukasz intoniert ihren Anteil an den Couplets so sardonisch und verrucht, als treffe Brecht auf Drake. Guido Gallmann und Alexander Angeletta, der mit einigen Texthängern ringt, liefern sich amüsante Textscharmützel. Herzlicher Beifall des Premierenpublikums quittiert das böse Spiel um das liebe Geld.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Brauhauskeller: 13., 15. und 28. März sowie 18. und 25. April, 20 Uhr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+