Bremen Der große Bremer Talentscout

Du hast eine Chance, also nutze sie. Unter diesen leicht abgewandelten Sponti-Spruch lässt sich die Ära Kurt Hübners (1916-2007) auch zusammenfassen.
28.10.2016, 00:00
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Der große Bremer Talentscout
Von Iris Hetscher

Du hast eine Chance, also nutze sie. Unter diesen leicht abgewandelten Sponti-Spruch lässt sich die Ära Kurt Hübners (1916-2007) auch zusammenfassen. Denn Hübner, der am Sonntag 100 Jahre alt geworden wäre, ergriff die Möglichkeit, in den 1960er-Jahren am Theater Bremen mit vielem zu brechen, was sich in der Nachkriegsära an deutschen Stadttheatern breitgemacht hatte. Er erfand den „Bremer Stil“, der die deutsche Theaterlandschaft veränderte.

Was ist das, wie konnte es dazu kommen? Eine Ausstellung im Haus der Bürgerschaft unter dem Titel „Was für ein Theater!?“ wirft einen Blick zurück auf die Jahre 1962 bis 1973. Im Mittelpunkt der Schau stehen viele eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotos aus jener Zeit. Wer heute an Hübner denkt, dem fällt sofort der Name Peter Zadek ein und gleich darauf die Inszenierung der „Räuber“ im Jahr 1966 als greller Comicstrip; das Bühnenbild von Wilfried Minks pure Pop-Art. Hübner sperrte die Vorstellung für Abonnenten, die in der „Volksbühne“ organisierten Theaterzuschauer schäumten. So darf man Schiller doch nicht zeigen! Wo bleibt denn da die Werktreue? Man durfte, man darf, und noch viel mehr.

Hübner, der schon als Intendant in Ulm unbequem war und Peter Palitzsch den verpönten Brecht inszenieren ließ, holte die talentiertesten Regisseure dieser Zeit nach Bremen. Zadek, Fassbinder, Neuenfels, Grüber und Co. Als Schauspieler verpflichete er Jutta Lampe, Edith Clever, Bruno Ganz, Traugott Buhre, Hannelore Hoger, Rosel Zech, Vadim Glowna, Irm Hermann und viele andere. Und er ließ sie machen, ließ ausprobieren, Sichtweisen infrage stellen und einen Stil aus vielen unterschiedlichen sich entwickeln. Ergänzt wurden die Experimente durch Boulevard. Ein Spielplan von damals zeigt auf der linken Seite das Programm am Goetheplatz mit „Torquato Tasso“ und „Leben des Galilei“, in der rechten Spalte, was in den Kammerspielen in der Böttcherstraße gegeben wurde. „Ein Mädchen in der Suppe“ zum Beispiel. Hübner musste als Intendant auch auf die Einnahmenseite achten. Nicht alles, was auf der Bühne ­passierte, fand seine Zustimmung. Als das durch die außerparlamentarische Opposition und die Studentenbewegung schwer politisierte Ensemble 1969 die „Frauenvolksversammlung“ zeigte, war Hübners Kommentar: „Politisches Theater ja, Politik im Theater, nein.“ Diplomatie war nicht seine hervorstechendste Eigenschaft, nicht als Vorgesetzter und schon gar nicht im Umgang mit Kunstsenator Moritz Thape (SPD). „Bremer Kultursenatorium“ spottete Hübner über dessen Behörde, legendär sind die Auseinandersetzungen zum Ende seiner Intendantenzeit. Das Kündigungseinschreiben Thapes findet sich ebenfalls in der Ausstellung.

Am Sonnabend würdigt die Bürgerschaft den großen Theatermann mit einem ­Gedenkabend. Klaus Pierwoß, von 1994 bis 2007 Intendant in Bremen, redet, ebenso Hübners Mitstreiter Rolf Becker. Und der Schriftsteller Moritz Rinke, der ein Freund wurde und dem Hübner 1991 in einem Interview riet, sich bloß vom Theater fern zu ­halten. Was Rinke dann aber nicht beherzigt hat.

„Was für ein Theater?!“ ist noch bis zum 15. November im Haus der Bürgerschaft ­(zweiter Stock) zu sehen.
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