Filmkritik „Die Aufseherin“

Der gute Unmensch

KZ-Oberaufseherin Johanna Langefeld wird von ehemaligen Insassen aus dem Gefängnis befreit. Der Dokumentarfilm „Die Aufseherin“ beleuchtet ein außergewöhnliches Täter-Opfer-Verhältnis.
18.01.2020, 21:24
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Der gute Unmensch
Von Elena Matera
Der gute Unmensch

Der Dokumentarfilm "Die Aufseherin" erzählt von dem ungewöhnlichen Verhältnis der Nationalsozialistin Johanne Langefeld zu ihren Gefangenen im KZ.

Gerburg Rohde-Dahl

Es ist das Jahr 1946. Die Auschwitz-­Prozesse in Krakau stehen kurz bevor. Angeklagt ist auch Johanna Langefeld, ehemalige Oberaufseherin der Frauenkonzentrationslager in Auschwitz und Ravensbrück. Sie sitzt im Gefängnis Montelupich in Krakau. Am 23. Dezember 1946 flüchtet sie mithilfe fünf polnischer Frauen – ehemalige Gefangene des Konzentrationslagers Ravensbrück.

Es ist eine Geschichte, die nach dem ersten Hören zunächst erstaunt, dann ratlos macht. Wieso befreiten ehemalige KZ-Häftlinge ihre eigene Aufseherin, eine Kriegsverbrecherin? Wer war Johanna Langefeld?

Im Dokumentarfilm „Die Aufseherin“ versuchen die deutsche Filmproduzentin Gerburg Rohde-Dahl und ihr polnischer Kollege Wladek Jurkow die Geschichte der Oberaufseherin Langefeld zu rekonstruieren – ihr Privatleben, die Zeit in den Konzentrationslagern, die Befreiung aus dem Gefängnis.

Befreiung wurde geheim gehalten

Es ist keine leichte Recherche für die beiden Filmautoren. Die Geschichte der Befreiung Langefelds wurde geheim gehalten, um sowohl die ehemalige SS-Oberaufseherin wie auch ihre polnischen Fluchthelferinnen vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen. Die Frauen, die Langefeld befreit haben, sind bereits verstorben. Auch sonst gibt es nur wenige Zeitzeugen, die offen über die Zeit in Ravensbrück sprechen wollen.

Gut acht Jahre lang haben die beiden Dokumentarfilmer an „Die Aufseherin“ recherchiert, Interviews geführt, mit Historikern geredet. Auf der Grundlage von Archivmaterial und der Aussagen von Zeitzeugen versuchen die beiden Filmautoren, sich einer hochrangigen SS-Aufseherin, die gleichzeitig das Leben einzelner Gefangener gerettet hat, zu nähern.

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Der Fokus ihres Films dreht sich vor allem um das Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück, heute Fürstenberg, in dem Langefeld die meiste Zeit als Oberaufseherin gearbeitet hat. Dort lernte sie die Frauen kennen, die ihr später bei der Flucht aus dem Gefängnis in Krakau halfen. In „Die Aufseherin“ kommen einige Frauen zu Wort, die damals in dem KZ lebten.

Viele von ihnen waren in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Jugendliche, die sich im Untergrund dem organisierten Widerstand angeschlossen hatten, für ihr Land. „Ich gehörte zur Gruppe der politischen Polinnen“, sagt Zofia Pocilowska in einer Szene des Films. Die ältere Frau – Brille, rötliches Haar – zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem sie als Studentin zu sehen ist. „Es wurde der Eid geleistet, gegen den Besatzer, die Deutschen, zu kämpfen“, sagt sie.

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1941 wurde Pocilowska von der Gestapo verhaftet und anschließend mit einem Todesurteil ins Frauen-KZ nach Ravensbrück geschickt. Doch Pocilowska hat das KZ überlebt, sie starb erst 2019 mit 99 Jahren. „Johanna Langefeld rettete viele Menschen und vor allem rettete sie uns“, sagt die ehemalige Gefangene Stanislawa Osiczko. „Wir leben doch alle, oder?“, fragt sie und schaut mit einem leichten Lächeln in die Kamera. Doch unter Lange­feld wurden auch Frauen geschlagen, getötet. Einige mussten sich gar grausamen Operationen unterziehen.

In „Die Aufseherin“ sprechen einige dieser Häftlinge über diese traumatischen Erlebnisse. Knochen wurden ihnen herausgeschnitten, sie sahen andere Frauen an Blutungen und Gasbrand sterben. In dem Dokumentarfilm gibt es zahlreiche solcher Interview-Ausschnitte, die nur schwer auszuhalten sind. Mit zitternder Stimme erzählt etwa Katrarzyna Mateja, eine der ehemaligen Gefangenen, von „den Leichen, die wie Ferkel, nur mit Nummern auf den Weg transportiert wurden.“

Sie entschied über Leben und Tod

Langefeld quälte selbst Gefangene, in erster Linie die jüdischen Mädchen und Frauen. „Sie hatte die Macht über Leben und Tod“, sagt eine der Protagonistinnen. Trotz dieser erschütternden Berichte aus ihrer Zeit im KZ mit Langefeld sprechen die meisten der polnischen Frauen positiv von der Oberaufseherin. „Für uns war sie die Einzige, die sich unter diesen Unmenschen wie ein Mensch benahm“, sagt Wanda Poltawska, eine weitere Protagonistin im Film. „Sie ist nie ausgerastet.“ Die SS-Aufseherin soll die Frauen beruhigt haben, etwa vor den Operationen. Sie soll ihnen gesagt haben, dass sie damit einer guten Sache dienen würden.

Retterin und Kriegsverbrecherin in einem – Rohde-Dahl und Jurkow gelingt es, eben diese Ambivalenz der SS-Oberaufseherin in ihrem Dokumentarfilm darzustellen. Warum befreiten die fünf ehemaligen polnischen Frauen Johanna Langefeld aus dem Gefängnis in Krakau? Das Erstaunen, die Ratlosigkeit über diesen Akt der Befreiung bleibt bis zum Schluss des Films bestehen.

Weitere Informationen

Der Dokumentarfilm „Die Aufseherin“ ist ab Mittwoch, 22. Januar, im City46 zu sehen.

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