Bühnenschwerpunkt Rechtsterrorismus Der lange Schatten des NSU

Bremer Premiere am Freitag: Elfriede Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ befasst sich mit Beate Zschäpe. Uraufführung des Stoffes war vor fünf Jahren in München. Am Kleinen Haus inszeniert Marco Štorman.
11.06.2019, 12:33
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der lange Schatten des NSU
Von Hendrik Werner

Dieser Kehraus dürfte, nimmt man die Papierform als Maßstab, kein leichter sein, sondern ausgesprochen harter Stoff: Mit der Premiere eines Elfriede-Jelinek-Stücks über die juristische Aufarbeitung der Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) beschließt die Schauspielsparte des Theaters Bremen für diese Saison ihren Novitäten-Reigen: „Das schweigende Mädchen“ heißt der im September 2014 von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen uraufgeführte Text, der sich am Prozess gegen Beate Zschäpe sowie an familiär-religiös besetzten Wortfeldern wie Erbschuld und Erbsünde abarbeitet, mit denen die psychoanalytisch gewiefte Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2004 gern und gut hantiert.

Entsprechend vielfältig sind Struktur und Personaltableau dieser Assoziations-, Projektions- und Spekulationsmaschinerie, die Jelinek (72) in bewährter Manier angezettelt hat. Unter anderem treten Propheten, Engel und eine gewisse Jungfrau auf, ja sogar Gott selbst.

Lesen Sie auch

In Bremen sorgt Marco Štorman am Kleinen Haus für die Inszenierung des Stoffes; die Premiere an diesem Freitag ist ausverkauft, für weitere Aufführungen (19., 21., 27. und 30. Juni sowie 3. Juli) sind noch Karten zu haben. Der Regisseur, 1980 in Hamburg geboren und Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule in München, hat in Bremen bislang vier Arbeiten am Musiktheater vorgestellt – nach „Peter Grimes“ (2015), „Parsifal“ (2016) und „Candide“ (2017) folgte in dieser Spielzeit „Lulu“.

Schwerpunkt Rechtsterrorismus

Mit der Spezifik von Jelinek-Texten kennt sich Marco Štorman nachweislich aus. So brachte er als gerade mal 24-Jähriger das Irakkrieg-Stück „Bambiland“ am Deutschen Nationaltheater Weimar zur Uraufführung. „Winterreise“, eine raffinierte Hommage an Elfriede Jelineks Lieblingskomponisten Franz Schubert, realisierte er am Stadttheater Klagenfurt; die weithin gefeierte Inszenierung wurde zum Festival „Radikal jung“ nach München eingeladen.

Es ist nicht das erste Mal in dieser Spielzeit, dass sich das hiesige Theater dem Rechtsterrorismus-Komplex widmet: Im Februar hatte Nurkan Erpulats Inszenierung des NSU-Dramas "Aus dem Nichts“ Premiere – in einer Kooperation von Schauspiel und Moks. Dabei handelt es sich um die Uraufführung eines Textes von Hausregisseur Armin Petras nach dem gleichnamigen Spielfilm von Fatih Akin aus dem Jahr 2017.

Lesen Sie auch

Am 23. und am 28. Juni wird diese thematisch affine Produktion abermals im Kleinen Haus gezeigt. Zudem zeigt das Brauhaus an diesem Sonnabend um 20 Uhr unter dem Leitwort „Der Kuaför aus der Keupstraße“ einen Dokumentarfilm von Andreas Maus über den NSU-Nagelbombenanschlag in Köln. Auch der erwähnte Akin-Film sowie dessen Bühnenadaption nehmen mehrfach Bezug auf das am 9. Juni vor 15 Jahren verübte Attentat, bei dem 22 Menschen teils schwer verletzt wurden.

Einem anderen ästhetischen Zugang zum verheerenden Wirken des Terrortrios hat sich ein Kunstprojekt verpflichtet, das ab diesem Mittwoch (und bis zum 8. September) im Stadtmuseum Kassel zu sehen ist: „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ heißt die mit großformatigen Schwarz-weiß-Aufnahmen der Berliner Fotografin Regina Schmeken bestückte Sonderausstellung. Gezeigt wird die „verstörende Normalität der Schauplätze von Hass und Gewalt inmitten deutscher Städte“, wie es in der Ankündigung der Schau heißt, deren Titel planvoll die nationalsozialistische Formel „Blut und Boden“ variiert.

Verneigungen vor den Opfern

Die Besonderheit der Exponate verdeutlichen zwei Sätze des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, der einige Begleittexte beigesteuert hat: „Das Beklemmendste an diesen Fotografien ist, dass auf ihnen weder die Mörder noch die Mordopfer zu sehen sind. An Schmekens Aufnahmen wirkt gerade das Unauffällige, Banale und Gewöhnliche unheimlich.“

Kassel zählt seit dem 6. April 2006 zu den NSU-Tatorten. Damals wurde der junge Türke Halit Yozgat in einem von ihm betriebenen Internetcafé erschossen – als neuntes von insgesamt zehn Opfern der Terrorzelle. Besondere Brisanz ist diesem Anschlag zugewachsen, weil zum Zeitpunkt des Mordes auch der Verfassungsschützer Andreas Temme vor Ort war. Gegen dessen hartnäckiges Leugnen, überhaupt etwas von dem Verbrechen mitbekommen zu haben, setzte die kunstsinnige britische Wissenschaftlergruppe „Forensic Architecture“ im Jahr 2017 einen Film namens „77sqm 9:26min“.

Im selben Jahr benannten die Ausstellungsmacher der documenta 14 die Holländische Straße, an der Yogzat ermordet wurde, in den Stadtplänen für Besucher in Halitstraße um. Man ahnt: Gegengeschichtsschreibung tat und tut not eingedenk einer längst noch nicht vollumfänglich aufgeklärten Terrorserie, in der ein ebenso skandalöses wie lehrstückhaftes Staatsversagen zu besichtigen ist. Ein Versagen, das Künstler auf Bühnen, Leinwänden und in Ausstellungshäusern zur nachträglichen Anzeige bringen. Aufklärung im Sinn – und Verneigungen vor den Opfern.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+