Bryan Ferry im Bremer Metropol-Theater

Der letzte Dandy des Pop hält Hof

Schnörkellos lässig: Der englische Sänger Bryan Ferry begeistert das Publikum im Bremer Metropol-Theater mit Klassikern seines Genres.
12.06.2018, 15:38
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Der letzte Dandy des Pop hält Hof
Von Hendrik Werner
Der letzte Dandy des Pop hält Hof

Mit Schmelz und Seitenscheitel: Bryan Ferry beim umjubelten Auftritt an der Seite seiner samtigen Saxofonistin Jorja Chalmers.

Frank Thomas Koch

Der dunkle Anzug sitzt, die ästhetisch avancierte Frisur sowieso. Auch wenn jene Tolle, die unter anderem den deutschen Musiker und Moderator Götz Alsmann zu seinem exzentrischen Look inspiriert hat, naturgemäß nimmer so opulent ausfällt wie einst im Mai: Bryan Ferry, immerhin schon 72 Jahre alt, hält unter beachtlichen Beifallskundgebungen im Bremer Metropol-Theater Hof. Sozusagen standesgemäß, weil der Auftrittsort den Sinn des Sängers für Eleganz und eine gewisse Theatralität mustergültig spiegelt.

Bevor der aus dem Nordosten Englands stammende Artrocker, der auch Schmusebarde kann, unter tosendem Applaus im Schlepptau seiner Musiker die Bühne betritt, gibt die Liedermacherin Charlie Austen einige Kostproben ihrer lyrisch und gesellschaftlich ambitionierten Vokalkunst. Sie stammt aus dem Süden Englands, genauer: aus West Sussex.

Ihre beredte Dankbarkeit gegenüber dem Landsmann und späteren Zeremonienmeister Ferry, der sie und ihren sporadischen Percussion-Begleiter mit auf seine ausgedehnte Europa-Tournee genommen hat, scheint ebenso aus tiefstem Herzen zu kommen wie ihr Songrepertoire. Eine Frau, eine Gitarre und – für eine Vorgruppe – viel Zuspruch seitens des amüsierwilligen und applausfreudigen Publikums. Zum Teil womöglich auch deshalb, weil ihr eingängiges Lied "Slave To Chemistry" das Auditorium im ausverkauften Saal an einen Titel jenes Mannes erinnert, auf den man am Richtweg duldsam bis nach 21 Uhr wartet.

Dorian Gray des Artrock

Dann ist er da, samt Seitenscheitel und beweglichen Hüften, dieser Charakterkopf mit der turbulenten Vita, aus der er als Dandy des Pop und strahlende Stilikone hervorgegangen ist: ein Bergarbeitersohn, der nicht von ungefähr Kunst bei Richard Hamilton, dem Vater der Pop-Art, studierte, Kunstlehrer, Interimskraftfahrer und Gelegenheitsrestaurator war, der anfangs Coversongs mehr schätzte als fantasievolle Originale, der gemeinsam mit seinem kongenialen Kommilitonen Brian Eno der respektvoll erschütterten Welt die eklektisch kunstvolle Band Roxy Music schenkte, berüchtigte Gespielinnen wie Jerry Hall hatte (die ihm Mick Jagger abspenstig machte) – und der im Herbst seines Lebens gleich mehrfach der Schimäre erlag, sich mit deutlich jüngeren Frauen ewige Jugend sichern zu können.

Ein Dorian Gray der Populärmusik (gewesen) zu sein, klingt zwar nur bedingt nach einem Ehrentitel. Aber der talentierte Mr. Ferry kann ihn tragen (obwohl er altersbedingt in Sachen Elastizität nicht mehr in einer Liga mit einem, sagen wir mal, Schmidtchen Schleicher spielen kann). Apropos: Getragen wird der Sänger mit dem einst titanischen Timbre (das sich dem Zuhörer aber immer noch ähnlich gut mitteilt wie des Künstlers Charisma) von Beginn an auf einer Welle der Sympathie.

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Getragen wird er aber auch – und das nicht zu knapp – von einer Begleitband, die sporadische stimmliche Schwächen des Frontmannes dezent auszugleichen vermag, die aber durchaus auch eigene Akzente setzt: zwei rührige Gitarristen, zwei seelenvolle Backgroundsängerinnen, eine virtuose Streicherin, ein kolossaler Keyboarder, ein effektvoller Perkussionist – und eine auf grandiose Sopransaxofon-Exkurse spezialisierte Bläserin, eine aparte Australierin namens Jorja Chalmers, die den Saal schon bald vergessen lässt, dass ihr bevorzugtes Instrument im Popbereich seit den 80er-Jahren als Instrument für sinnfreie Soli zu gelten hat.

Ferry, der seine lässigen Posen erst im Laufe des Konzerts kultiviert, singt geradliniger, arabeskenloser als früher. Dass er überbordende Modulationen meidet (und damit den Vorwurf, sich unzeitgemäß manieriert zu geben), spricht für sein Gegenwartsgespür. Auch sein einstiges Falsett-Faible ist jenseits der Oper weniger gut gelitten als in den 70er-Jahren, als er mit der Glamrock-Truppe Roxy Music die Charts stürmte. Und doch transportieren beibehaltene Techniken wie ein schmachtendes Vibrato und einige Tremolos seinen vokalen Pioniergeist noch hinreichend.

Hits, Hits, Hits

Gut anderthalb kompakte Stunden währt das gelungene Konzert, das viele große Hits versammelt, darunter die Gassenhauer "Slave To Love", "Let's Stick Together" und „Love Is The Drug“. Auch Schmachtfetzen wie "Avalon", "More Than This" und – gegen Ende des umjubelten Auftritts – gibt es auf die Ohren. Extrabeifall gibt es für ein spätes Mundharmonika-Intermezzo. Da tanzen die Menschen im Saal längst vergangenheitsselig. Ein Höhepunkt der aus Spielfreude und Nostalgie gewobenen Show ist neben Ferrys Fröhlichkeit "If There Is Something", ein Roxy-Music-Klassiker aus dem Jahr 1972. Ein Jahr später gastierte die Band im "Musikladen" (1972-1984); Bryan Ferry trug einen weißen Anzug und war so was von cool. Der Rest ist Musikgeschichte.

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