Das Musiktheaterprojekt „Hoffmann“ am Theater Bremen erzählt von einem Dichter und seinen verpassten Möglichkeiten

Der Mann als einsame Insel

Bremen. Dieser Mann hat kein Glück: Der Dichter Hoffmann versucht sich drei Mal daran, eine Frau zu erobern und erlebt jedes Mal eine Enttäuschung, weil ein findiger Nebenbuhler ihn aussticht. Zum Schluss verschwindet Hoffmann von der Bühne, das Ende findet ohne ihn statt.
11.02.2017, 00:00
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Der Mann als einsame Insel
Von Iris Hetscher
Der Mann als einsame Insel

Der Held ist müde: Iryna Dziashko als Guilietta und Christian-Andreas Engelhardt als Hoffmann am Theater Bremen.

Jörg Landsberg

Bremen. Dieser Mann hat kein Glück: Der Dichter Hoffmann versucht sich drei Mal daran, eine Frau zu erobern und erlebt jedes Mal eine Enttäuschung, weil ein findiger Nebenbuhler ihn aussticht. Zum Schluss verschwindet Hoffmann von der Bühne, das Ende findet ohne ihn statt. Doch vielleicht geht auch nur wieder alles von vorne los? Immerhin beginnt der Premierenabend mit der Einblendung „Ende“, zudem spielt das Ganze an Silvester, dem Übergang von einem Jahr zum nächsten, das Alte wird durch das Neue abgelöst, wenn man Glück hat. Vielleicht geht aber auch alles nur so weiter wie bisher.

„Hoffmann – ein Offenbach-Projekt“ haben Regisseur Levin Handschuh und Musiker Riccardo Castagnola das 70 Minuten dauernde Bühnenwerk genannt, das am Donnerstag Premiere feierte. Der Titel hat es schon in sich: Die beiden haben sich von Jacques Offenbachs Opernfragment „Hoffmanns Erzählungen“ inspirieren lassen und somit zugleich von E.T.A. Hoffmann, diesem düstersten und rätselhaftesten der deutschen romantischen Dichter. Ihr dreigeteiltes Projekt lässt Hoffmann (Christian-Andreas Engelhardt) auf Olympia, Antonia und Giulietta (Iryna Dziashko) treffen – jeweils an Silvester, um 23:43 Uhr (die Quersumme ergibt zwölf und somit die Uhrzeit des mitternächtlichen Jahreswechsels). Begleitet wird er von seiner Freundin Nicklausse (Pauline Jacob), sein Gegenspieler ist Christoph Heinrich, der Coppelius, Mirakel und Dapertutto spielt.

Handschuh und Castagnola haben die heute etwas abgehangen wirkende fantastische Metaphorik um die verschiedenen Variationen ein und derselben Situation, von Realitätsauffassung, Doppelgänger- und Femme-fatale-Motivik mit frischen Ideen ins Jetzt transportiert. Riccardo Castagnola hat die Offenbachsche Musik auseinandergenommen und darauf eine faszinierende elektronisch verfremdete Klangkonstruktion gesetzt. Die ist mal schmerzhafte Geräuschkulisse, dann wieder ertönen sphärische, raumgreifende Cluster, an anderer Stelle zarte Cembalo- und Klaviermelodien, es rauscht, es knackt, es säuselt. Und alles passt ganz wunderbar zu dem stark auf Tiefe setzenden Bühnenbild von Nanako Oizumi – einer langen Tischreihe, die durch eine leicht expressionistisch wirkende Balkenkonstruktion in der Horizontalen gekontert wird. Levin Handschuh beweist erneut, dass er ein bemerkenswertes Stück Musiktheater auf die Bühne bringen kann. Das war bereits bei seiner ersten eigenständigen Arbeit „Quijote“ in der vergangenen Saison gut zu sehen.

Bei „Hoffmann“ kann er sich zudem auf vier spielfreudige Sänger verlassen. Christian-Andreas Engelhardt gibt mit sattem Tenor einen dichtenden Hipster, der sich in drei Frauenbilder vernarrt und deshalb für immer eine einsame Insel bleiben muss. Denn gegen Christoph Heinrich, der mit seinem voll tönenden Bassbariton und sichtlicher Lust am Dämonisch-Skurrilen alle drei Widersacher spielt, hat dieser Hoffmann einfach keine Chance. Er ist Durchschnittsmensch, kein Magier, egal, ob im Traum oder der Wirklichkeit. Für die drei Damen, allesamt sehr wandlungsfähig in Gesang und Spiel von Iryna Dziashko (Sopran) verkörpert, bleibt Hoffmann Spielball. Oder sie für ihn Schemen, je nach Sichtweise. Ein sicherer Hafen wäre für Hoffmann seine Freundin Nicklausse, der die Altistin Pauline Jacob die richtige Portion wachsende Genervtheit angedeihen lässt. Sie schließt sich in der letzten Szene Giulietta und Dapertutto an und lässt es so richtig krachen. Recht hat sie. Aus Liebe weinen sollen doch andere.

„Hoffmann“ ist am Sonnabend, 11. Februar, 20 Uhr, noch einmal im Kleinen Haus des Theaters Bremen zu sehen.
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