Theater am Goetheplatz

Der Mann hinter der Maske

Seit fast 35 Jahren macht Rabi Akil Theaterschauspieler für die Bühne zurecht, knüpft Perücken und Bärte, modelliert Masken. Jetzt geht er in Rente. Zu Besuch bei einem, der es liebt, Menschen zu verwandeln.
19.06.2019, 23:42
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Der Mann hinter der Maske
Von Katharina Frohne

Fragt man Rabi Akil, warum er seine Arbeit mag, reist er weit zurück. Ein Tag im September 1994, das Ensemble des Theaters am Goetheplatz probt für das Stück „Herr Paul“. Zehn Tage bis zur Premiere, Endspurt. Akil, Maskenbildner, 44 Jahre alt, betreut die Produktion. Dann die Hiobsbotschaft: Der Hauptdarsteller ist krank, muss ersetzt werden. Einspringen soll Ursula Karusseit, Schauspielerin und DDR-Theaterikone. Karusseit war die perfekte Besetzung, erinnert sich Akil.

„Sie kannte das Stück, sie kannte den Text.“ Einziges Problem: Die Figur des Herrn Paul ist, klar, ein Mann, noch dazu alt und schwer übergewichtig, Karusseit ist Mitte 50 und zierlich. Und, klar, eine Frau. Eigentlich, sagt Akil heute, hätte er damals in Panik ausbrechen müssen.

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Und vielleicht tat er das auch, zumindest für ein paar Sekunden. Dann aber legte er los. „Geht nicht, gibt’s nicht“, diesen Satz sagt Akil bis heute oft, und damals, im Herbst ’94, wurde er zu seinem Credo. „Ich war immer so selbstsicher, dass ich wusste: Ich kriege das hin“, sagt Akil. „Auch wenn ich zuerst nicht weiß, wie.“

In seiner Werkstatt modellierte Akil eine Glatze, versah sie mit feinen weißen Haarflusen. Er formte eine breitere Nase und eine Zahnprothese, er entwarf einen Bodysuit, der Karusseit in Sekunden eine ordentliche Plauze verpasste. Eine, die nicht aussieht wie ein Kissen unter dem Pullover, sondern die sich ganz natürlich bewegte. Wie echtes Fett.

Möglich machen, was unmöglich scheint

25 Jahre später sitzt Akil in seinem Büro, kramt in Schubladen. Der 69-Jährige hat viele Fotos von damals, von Karusseit in der Maske. Auf einem lacht sie ins Bild, die Haarflusenglatze schon auf dem Kopf, die Zähne kariesbraun. Nicht wiederzuerkennen. Akil mag diese Geschichte. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, dann immer auch davon, wie Ursula zu Paul wurde, die elegante Starschauspielerin zum ungepflegten Fettsack. Er mag sie, weil sie so viel über das verrät, was er liebt: einen Menschen in einen anderen zu verwandeln. Möglich machen, was unmöglich scheint.

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Akils Büro ist das Zimmer eines Mannes, dessen Arbeitsplatz mit der Zeit zu einem zweiten Zuhause geworden ist: über die Jahre gewachsene Bücherstapel, handbeschriftete Schubladen, verblichene Fotos. Ein paar Dinge, sagt er, habe er schon mit nach Hause genommen; Briefe, in denen Regisseure ihm für seine Arbeit dankten zum Beispiel – „das, von dem ich mich nicht trennen kann.“ Denn Akil hört auf, er geht in Ruhestand. In der kommenden Spielzeit übernimmt sein Nachfolger den Posten des Chefmaskenbildners.

Akil ist Friseur, Bildhauer, Visagist

Es gibt Menschen, die fiebern ihrer Rente entgegen. Akil gehört nicht dazu. Ob es ihm schwerfalle zu gehen? „Ja“, sagt er, dann wechselt er schnell das Thema. Schiebt nur nach: „Daran denke ich noch nicht gern.“

Fast 35 Jahre arbeitete Akil am Theater Bremen. Geboren wurde er im Libanon, in Beirut führte er einen Damenfriseursalon. Auch sein Bruder war Friseur, nebenbei Schauspieler. Regelmäßig half Akil am Set aus, frisierte die Darsteller.

„Da habe ich gemerkt, dass ich alles können will: die Haare, aber auch das Make-up und die Masken.“ Im amerikanischen Detroit ließ er sich zum Visagisten, Special-Effects- und Make-up-Artist ausbilden, am Schauspiel Hannover zum Bildhauer und Maskenbildner. Dann, 1985, fing er in Bremen an.

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Akil rauscht durch das Labyrinth hinter den Kulissen des Theaters, steigt mit federnden Schritten Treppen rauf und runter, drückt einen schwere Stahltür auf. „Maske“ steht darauf. Die Werkstatt ist Akils Lieblingsort, und wer ihn dort besucht, versteht sofort, warum. Die hellen Räume sind Atelier, Museum und Zauberkugel zugleich, überall hängen, stehen, liegen Masken, Prothesen, Perücken, Relikte vergangener Aufführungen. Akil geht voran, zeigt nach links, rechts, oben, unten. Zu jedem Teil hat er eine Geschichte zu erzählen, jedes einzelne, das hört man, ist ihm so wichtig wie damals die Flusenglatze.

Adler, Nashorn und Donald Trump

Auf einem Regal sitzen riesige Köpfe aus Latex, die Darsteller über ihren eigenen getragen haben: Pferd, Adler, Nashorn, Schaf. Daneben, ebenso körperlos, der pinke Riesenschädel von Donald Trump, blasiert gen Decke starrend. Unverkennbar. Akil ist Perfektionist. Das sagt er selbst und das sieht man. Jedes seiner Stücke ist handwerkliche Feinarbeit, ein kleines Kunstwerk, Akil stolzer Künstler. Verwandlungskünstler.

Seine neueste Kreation entsteht nebenan: ein Zeigefinger, groß wie ein Mensch, ein Kostüm für die im September anlaufende Oper „Der Rosenkavalier“. Gerade arbeitet Akil an der Kuppe, aus Ton formt er das Negativ, dann nimmt er einen Abdruck aus einem formbaren Gitter. Schließlich muss der Träger etwas sehen können. Was hat ein Riesenfinger im „Rosenkavalier“ verloren? Akil grinst.

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Das sei ja das Schöne, sagt er; auch, wenn Stücke wiederkehrten, bringe jeder Regisseur den Stoff anders auf die Bühne. Seine Ideen bespricht er mit Akil – und der guckt, was sich machen lässt, was sich gut macht auf der Bühne. Und: Was das Budget hergibt. Für Akil hieß das: immer neue Herausforderungen. Neue „Geht-nicht-gibt‘s-nicht“-Momente.

Langweilig, das ist offensichtlich, wäre ihm auch nach 34 weiteren Jahren nicht geworden. Wohin also ab sofort mit all der Kreativität? Akil lacht. Er habe eine Parzelle am Werdersee, die wolle er schön machen, für den Sommer. „Alles ordentlich umgraben“, sagt er. „Ich weiß ja sonst gar nicht, was ich anfangen soll mit meiner Energie.“

Info

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Wer einen Blick in die Maskenwerkstatt werfen will, hat dazu am Sonnabend, 7. September, Gelegenheit. Dann lädt das Theater Bremen zum Tag der offenen Tür.

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