Jubiläumsschau in Berlin

Der Siegeszug der Postkarte

Vor 150 Jahren trat die Postkarte ihren Siegeszug an. Anfangs noch schmucklos, erfüllte sie gleich den Wunsch nach schneller und günstiger Kommunikation.
17.08.2019, 21:22
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Der Siegeszug der Postkarte
Von Hendrik Werner
Der Siegeszug der Postkarte

Eine 1898 ­gedruckte Postkarte zeigt die Attraktionen des Bremer ­Freimarkts.

Kellner-Verlag/Archiv

Wenn es stimmt, dass das Denken zur Unterkomplexität tendiert, wenn Menschen im Urlaub weilen, wäre es angezeigt, künftig „Erhohlung“ statt Erholung zu schreiben. Denn drei Wochen süßen Nichtstuns genügen nachweislich, um den Intelligenzquotienten um 20 Punkte sinken zu lassen. Was diese Minderung geistiger Beweglichkeit anrichten kann, mag man an Wortmeldungen ablesen, die von Ferienzielen aus an liebe Daheimgebliebenen gehen. Etwa an dieser: „Diese Karte soll beweisen: Ich befinde mich auf Reisen. Es geht mir gut, ich reise gerne und sende Grüße aus der Ferne.“

Mal abgesehen vom überschaubaren Sinngehalt dieses zusammengereimten Textes spricht der Autor (m, w, div) einen bedeutsamen Punkt an: die Beglaubigung (und Nobilitierung) eines Aufenthaltes an diesem oder jenem Ort durch das Senden eines Kartengrußes. Auch wenn der authentifizierende Gestus der Postkarte längst durch digitale Imitate ersetzt werden kann, besitzt der mit natürlicher Verspätung aus Barcelona, Belgrad oder Boston eingetroffene Urlaubsgruß samt gestempelter Briefmarke und notgedrungen lakonischen handschriftlichen Anmerkungen zu Klima, Essen und Allgemeinbefinden eine einzigartige Aura.

Bündiges Leichtgewicht

Am 1. Oktober jährt sich die Geburt der Postkarte zum 150. Mal. Das Medium, dessen Debüt sich in Österreich zutrug und von dort aus seinen Siegeszug in eine zusehends touristisch vermessene Welt antrat, verdankt sich dem Wunsch nach bündiger und schneller Kommunikation. Strukturell fügt sie sich trefflich sowohl zum Aufschwung der Telegrafie in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts als auch zum steigenden Tempo von Verkehrsmitteln wie Dampfschiff und Eisenbahn. Vorangegangen war der Etablierung der sogenannten Correspondenz-Postkarte durch die österreichisch-ungarische Post ein Zeitungsartikel von Emanuel Hermann, einem Professor für Nationalökonomie und begeistertem Briefkorrespondenten. Seine Argumente für die Einführung eines Brief-Konkurrenten waren durchaus zwingend: weniger Gewicht, weniger förmliches Textformat, geringeres Porto, flinkere Zustellung – wenigstens im Idealfall.

Auch wenn die Schmucklosigkeit der Prototypen wohl niemanden überzeugen wird, der Dekor für wichtiger erachtet als Botschaften, erwiesen sich die, nun ja Pappkameraden, schon bald als Renner. Dass Österreichs größtes Anrainerland erst 1870 nachzog, also ein Jahr später, lag an der in Deutschland vor der Einführung des Kartonage-Produkts verschiedentlich vorgebrachten Sorge, es handle sich um eine „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“, lies: um eine indiskrete, ja indezente Art der Ausstellung von privaten Inhalten. Mithin um vertrauliche Nachrichten, die keinen noch so laxen Datenschutzkriterien genügen würden. Auch der Einwand, die gegenüber dem Briefformat verkürzten Mitteilungen würden eine Verflachung der Sprache zeitigen, wurde verschiedentlich vorgebracht – vor allem aus den Reihen jenes Bildungsbürgertums, das heutzutage aus den nämlichen Gründen digitale Kurzmitteilungen auf Kanälen wie SMS und Whatsapp geringschätzt.

Werbung in eigener Sache: Mithilfe ­dieser kolorierten Postkarte zeigte der Concordia-Gastwirt zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Lokal in den schillerndsten Farben.

Werbung in eigener Sache: Mithilfe ­dieser kolorierten Postkarte zeigte der Concordia-Gastwirt zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Lokal in den schillerndsten
Farben.

Foto: Staatsarchiv Bremen

Dessen ungeachtet geriet die rasche Expansion der Postkarte im europäischen Raum zu einem veritablen Triumphzug. Das lag nicht zuletzt am deutsch-französischen Krieg, der in den Jahren 1870 und 1871 dem ersten massenhaften Einsatz des jungen Mediums zuarbeitete: in Gestalt von Feldpostkarten, die kostenfrei zugestellt wurden. Und auch wenn Nachrichten wie „Ich lebe noch!“ oder „Gruß und Kuss – Dein Julius“ nur bedingt literaturpreisträchtig waren, bewies diese Frühphase, dass Mitteilungen auch ohne schützendes Kuvert durchaus existenziell sein konnten.

Von diesem Erprobungszeitraum und späteren Entwicklungen erzählt eine Ausstellung, die ab dem 21. August im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen ist. Die am 5. Januar 2020 endende Schau erhellt unter dem Motto „Mehr als Worte – 150 Jahre Postkartengrüße“ Geschichte und Vielfalt eines Mediums, das zumindest in seiner analogen Form schwächelt. Mehr als 500 Exemplare will das Ausstellungshaus zeigen, darunter Propagandakarten, Ansichtskarten, Kunstpostkarten. Dabei profitiert die Schau dem Vernehmen nach vom immensen Fundus der Museumsstiftung Post- und Telekommunikation. Deren Sammlung umfasst mehr als 200.000 Postkarten – eine ausdifferenzierte Dokumentation unterschiedlicher Schreib- und Versandkulturen in beiden deutschen Staaten inbegriffen.

Ein Motiv aus den 1930er-Jahren zeigt die ehemalige Brücke über die Weser.

Ein Motiv aus den 1930er-Jahren zeigt die ehemalige Brücke über die Weser.

Foto: Kellner-Verlag/Archiv

Von der Vorder- auf die Rückseite

Bis die Postkarte zu einer gleichermaßen von Text und Bild dominierten Sendungsart avancierte, also zu einem Lifestyle-Produkt mit Distinktionsfaktor wurde, dauerte es eine Weile. Zwar hatte sich das Medium binnen weniger Jahre innerhalb von Europa rasant verbreitet – einschlägige Quellen bezeugen 20 Länder für das Jahr 1874 –, doch dauerte es fast 20 weitere Jahre, bevor Verlage seriell Zeichnungen, Grafiken und, noch etwas später, Fotografien auf Karten zu drucken begannen. Textmitteilungen mussten die Absender um den Aufdruck herum gruppieren; die andere Seite der Postkarte war zunächst exklusiv für die Adresse vorgesehen.

Erst ab dem Jahr 1904 ähnelte die Erscheinungsform den noch heute üblichen Exemplaren: Die markante Zäsur bestand zum einen darin, dass nicht mehr die Bildseite, sondern nur noch deren Rückseite beschriftet wurde. Darauf – dies zum anderen – trennte ein Strich das Adressfeld (rechts) vom Textfeld (links).

Noch sehr viel länger dauerte es, bis Postkarten auch akademisch umfänglich gewürdigt wurden. In ihrer 2011 im Erich-Schmidt-Verlag veröffentlichten Dissertation „Das Medium Postkarte: eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie“ rekonstruiert Anett Holzheid erstmals überhaupt ausführlich Entstehungs- und Nutzungsgeschichte eines Massenmediums, das sich gegenwärtig ebenso im massiven Strukturwandel behaupten muss wie papierne Tageszeitungen.

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Abgeschrieben werden muss die analoge Karte trotz vielfältiger Konkurrenz längst noch nicht. Zwar wurden 2018 fünf Prozent weniger Postkarten als im Vorjahr nach, aus und innerhalb von Deutschland verschickt.

Doch zum einen waren das immer noch 155 Millionen, zum anderen betont Post-Sprecher Dirk Klasen, es gebe nach wie vor eine getreue Fangemeinde. Im Schnitt hat jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr zwei Postkarten auf den Weg gebracht. Wegen digitaler Ersetzungsmöglichkeiten ist dadurch allerdings längst nicht ausgemacht, dass der schreibende Teil der Menschheit urlaubsgrußfauler geworden ist.

Mäßig gelungene Scherze

Der Klassiker der Postkartenproduktion ist die Ansichtskarte, ein mit Sehenswürdigkeiten, niedlichen Katzenfotos oder mäßig gelungenen Scherzen („Bremen bei Nacht“) ausgestatteter Gruß. Entstehung und Beständigkeit dieser notorischen Spezies verdanken sich Ausweitung und Perfektionierung des Tourismussektors. Das Medium ist dabei sozusagen die Botschaft, nämlich zugleich immer auch Werbung für die Zielregion.

Als Blütezeit der Ansichtskarte gelten die Jahre 1895 bis 1918. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden allein hierzulande jährlich bis zu 1,2 Milliarden Postkarten versendet, die Reisen und schriftliche Zuwendung beweisen sollten.

Wer wissen möchte, welche Leerstellen das vermeintlich ach so offene Medium notgedrungen birgt, greife zu Jacques Derridas Essay „Die Postkarte“. Erschienen ist er im Jahr 1982, als Kartengrüße für Bürger auf Ferienfahrt noch zum guten Ton zählten.

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