Literatur

Der Spion, der aus dem Ruhestand kam

Für den am Freitag erscheinenden Thriller „Das Vermächtnis der Spione“ reaktiviert John le Carré den legendären Spitzel George Smiley und beklagt den Niedergang ethischer Werte im Agenten-Business.
09.10.2017, 15:08
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Der Spion, der aus dem Ruhestand kam
Von Hendrik Werner
Der Spion, der aus dem Ruhestand kam

Der britische Bestsellerautor John le Carré.

dpa

An diesem Freitag mündet eine literarische Ära in ein Herzschlag-Finale: Nach 27-jähriger Pause erscheint der neunte und unweigerlich letzte George-Smiley-Roman des britischen Schriftstellers und Ex-Agenten John le Carré. „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies) lautet der beredte Titel des Buches, das am 7. September auf Englisch veröffentlicht wurde – und hierzulande sozusagen zur Frankfurter Buchmesse erscheint.

Sechs Tage vor dem 86. Geburtstag des Altmeisters. Allerdings steht Smiley, dieser gedrungene Agent mit einem Faible für deutsche Barockgedichte, weniger als vormals im Fokus des wiederum bei Ullstein (Deutsch von Peter Torberg, 320 Seiten, 24 €) verlegten Falles.

Vielmehr inthronisiert le Carré nunmehr offiziell dessen langjährige rechte Hand, den Agenten Peter Guillam, als legitimen Nachfolger. Smileys früherer Assistent soll im Auftrag des britischen Innenministeriums klären, warum der Top-Spion Alec Leamas und dessen Freundin Liz 1961 an der Berliner Mauer ihr Leben ließen.

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Durch diesen erzählerischen Kunstgriff katapultiert le Carré sein Publikum direkt zum frühen Höhe- und zentralen Referenzpunkt seiner Werkgeschichte. Denn das Schicksal der beiden Maueropfer stand bereits im Mittelpunkt des legendären Thrillers „Der Spion der aus der Kälte kam“, den le Carré 1963 in nur fünf Wochen mehr runtergeschrieben denn komponiert hatte.

Zugleich schließt le Carré in „Das Vermächtnis der Spione“ lückenlos an Fragestellungen an, die ihn seit den frühen 90er-Jahre umtreiben: Was bedeutet das Ende des Kalten Krieges für die Gattung des Spionageromans? Hat seitdem ein neuer Agententyp die Bühne betreten? Und: Inwieweit haben sich Selbstverständnis und Ehrbegriffe des Berufsstandes geändert?

Veröffentlichungen von Spionagethrillern nehmen zu

Tatsächlich mündeten die von Edward Snowden öffentlich gemachten Überwachungsexzesse des US-Geheimdienstes NSA in eine Hoch-Zeit von Agenten-Geschichten in Literatur und Film: Die Enthüllungen des Whistleblowers arbeiteten der Renaissance eines Genres zu, das spätestens mit der deutschen Wiedervereinigung erledigt schien.

Seit dem Jahr 2013 werden so viele Spionagethriller veröffentlicht wie zuletzt vor 1989. Daran haben freilich auch und gerade die Texte des Altmeisters des Agententhrillers einen gewichtigen Anteil, denen Kino-Adaptionen stets sicher sind. Dagegen kam vormals coolen Sprachkriegern wie Tom Clancy und Frederick Forsyth das Thema abhanden, weil bewährte Figuren- und Frontkonstellationen gleichsam über Nacht unzeitgemäß geworden waren.

Prompt monierte auch Ex-Spion David Cornwall, der sich als Autor John le Carré nennt, die neue Unübersichtlichkeit, die mit der veränderten geopolitischen Lage einher ging. Sein Lamento hat er seitdem oft wiederholt: Zu seiner Zeit, sagt der Autor, der als 30-Jähriger mit „Schatten von gestern“ debütierte, sei das Spionage-Geschäft wahrhaftiger gewesen.

Ein brisantes Thema

Damals habe man sich an „gute alte europäische Verhaltensregeln“ gehalten, an Werte. Als entsprechend entregelt und enthemmt, ja degoutant kennzeichnete le Carré das Spy-Business in dem Thriller „Empfindliche Wahrheit“ (2013), der sich wie ein Kommentar zur Causa Snowden liest.

Geht es in diesem Buch doch um einen Whistleblower und die Gefährdung der westlichen Demokratie durch einen „Staat im Staat“, mithin einen großen „Kreis nichtstaatlicher Insider aus dem Bankensektor und der Industrie, die Zugang zu Geheiminformationen hatten, an die der Großteil der Beamten nicht herankam“.

Bereits 2008 hatte le Carré ein brisantes Thema in Agententhriller-Form modelliert: Der Roman „Marionetten“, dessen Verfilmung durch Anton Corbijn am 11. September 2014, dem Jahrestag der Terroranschläge von New York, im Kino anlief, führt ins Furchtzentrum der westlichen Welt: in die Angst vor islamistischem Terror – und in eine an Paranoia grenzende Kultur des Verdachts.

Die Welt ist weniger fassbar geworden

Dabei sind die Kapriolen der Spy-Branche zugleich Garanten für das Spannungspotenzial der Literatur über sie. „Agententätigkeit und Schriftstellerei“, notiert le Carré in dem autobiografischen Text „Der Taubentunnel“ (2016), „sind wie füreinander geschaffen. Beide erfordern ein waches Auge für menschliche Verfehlungen und die vielen Wege hin zum Verrat.“

Die Welt, da lehrt die spannende Lektüre von „Das Vermächtnis der Spione“, ist für le Carré weniger fassbar geworden, ergo: literarisch weniger formbar: Seit der sozialistische Block kollabiert ist, handeln seine Werke von einer unendlich verästelten politischen Wirklichkeit, die nicht mehr in jenen bipolaren Denkfiguren zu fassen ist, die den Spionagethriller vor 1989 auszeichneten. Der Doppelagent, wie er uns noch mustergültig in John le Carrés Smiley-Roman „Dame, König, As, Spion“ (1974) und dessen grandioser Verfilmung durch Thomas Alfredson (2011) begegnet, hat ausgedient.

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