Urauffühung „All diese Tage“ am Theater Bremen Der Wunsch nach Geborgenheit

Bremen. "Zeitoper" nennt der Komponist Moritz Eggert sein Werk, bei dem es um den Alltag Jugendlicher geht, insbesondere um deren Freizeitgestaltung am Wochenende. Das Ergebnis ist jetzt im Theater am Goetheplatz zu sehen.
30.04.2012, 05:00
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Bremen. "Zeitoper" nennt der Komponist Moritz Eggert sein Werk, bei dem es um den Alltag Jugendlicher geht, insbesondere um deren Freizeitgestaltung am Wochenende. Andrea Heuser hat dazu Jugendliche aus Bremen befragt, ihre Antworten zu einem Libretto verarbeitet und dabei weitgehend den O-Ton der Interviews unverändert gelassen. Das Ergebnis ist nun im Theater am Goetheplatz zu erleben.

14 auf den ersten Blick zusammenhanglose Szenen sind so entstanden. Beleuchtet werden darin nicht die großen sozialen Probleme wie Drogen, Kriminalität oder Armut, sondern die kleinen Sehnsüchte, Träumereien und Enttäuschungen des Alltags: Julian würde gern mit seiner Familie sonntags frühstücken und mit dem Bruder ein Baumhaus bauen, wenn nur endlich jemand Zeit hätte; der "Junge, den es nicht gibt" hat zwar unzählige Freunde bei Facebook, bleibt aber allein; Josefine träumt von einer Reise nach Amerika; drei Mädchen betrachten sich im Spiegel und denken an "Deutschland sucht den Superstar".

Aber all diese unspektakulären Ereignisse haben etwas gemeinsam: Es ist der Wunsch nach Geborgenheit, nach Anerkennung und Harmonie.

Revueartige Szenen

Moritz Eggert hat dazu eine Musik geschrieben, die das Gefühlskaleidoskop der Jugendlichen mit ganz verschiedenen Stilmitteln einfängt. Da gibt es großartige Chorsätze, die oft monumental gesteigert werden, dann wieder Passagen, die auch in einem Musical angebracht wären. Das Orchester darf mitunter wie in einem Hollywood-Film schwelgen, um dann wieder vehement an Carl Orff zu erinnern oder esoterische Entspannung zu suggerieren. Die Klänge einer E-Gitarre und die einer Heimorgel finden ebenso Verwendung wie die Einspielung von Geräuschen.

Auch der Auftritt einer Pop-Band gehört zu den musikalischen Zutaten. Durchgängige Klammer ist dabei ein sehr ausgeprägter Rhythmus, der geklatscht, gestampft und von zusätzlichem, in den Seitenlogen platziertem Schlagwerk erzeugt wird. Eggert schichtet seine Klangebenen zu einem oft überwältigenden Gesamtkonstrukt übereinander. Avantgardistische Töne sind nicht zu hören – Eggert bezeichnet seine Musik als "Postavantgarde". Es ist eine Synthese aus Schönheit und Rhythmus.

Regisseur Michael Talke lässt die 14 Szenen revueartig ineinander übergehen. Die Einheitsbühne von Henrike Engel zeigt Wohnlandschaften und die Ansichten diverser Kinder- und Jugendzimmer. Auf Pappschildern ist "Ruhe" oder "Ich will schlafen" zu lesen. Das Problem, dass Eltern oft keine Zeit oder keine Lust haben, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen, wird sinnfällig verdeutlicht. "Rettet den Sonntag" steht in riesigen Lettern auf einem Zwischenvorhang, quasi als verbindendes Motto. Der Schluss ist optimistisch: Der "Junge, den es nicht gibt" wird endlich beachtet, und seine Eltern finden wieder zueinander.

Talke hat das sehr lebendig in Szene gesetzt, oft mit Humor und ironischen Untertönen. Dass die Jugendlichen einen Mordsspaß bei dieser Produktion hatten, ist stets spürbar. Erstaunlich, mit welcher Disziplin sie sich bewegen und über die Bühne wuseln (Choreographie Jacqueline Davenport). Ihr Gefühl für Rhythmus haben sie geradezu perfektioniert.

Eindrucksvoll waren auch die Leistungen der (teilweise aus dem Opernchor besetzten) Solisten: Alexandra Scherrmann war als "Junge, den es nicht gibt" mit hübschem Sopran allgegenwärtig. Barbara Buffy als Josefine und Sirin Kiliç als Gülistan waren als "Jugendliche" sehr glaubhaft.

Bjørn Waag und Tamara Klivadenko als verhärmte, überforderte Eltern, Kejia Xiong als Julian und Christoph Heinrich als dessen Bruder, Wolfgang von Borries und Daniel Wynarski als alte Männer und viele andere prägten eine stimmige, geschlossene Ensembleleistung. Florian Ziemen am Pult der Bremer Philharmoniker bewältigte die nicht leichte Aufgabe, den riesigen Apparat und die verschieden musikalischen Ebenen zu bündeln, mit Bravour. Herausgekommen ist ein verblüffendes, musikalisch-klangliches Erlebnis besonderer Art.

Nächste Termine: 2. und 18. Mai, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz

 

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