Bremer Institut erforscht Kinderliteratur

Die Bilderbuchforscher

Wie wird Familie in Bilderbücher dargestellt? Welche Bücher sprechen Jungen mehr an als Mädchen? Das untersucht das Bremer Institut für Bilderbuch- und Erzählforschung.
22.06.2016, 00:00
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Die Bilderbuchforscher
Von Silke Hellwig

Wie wird Familie in Bilderbücher dargestellt? Welche Bücher sprechen Jungen mehr an als Mädchen? Das untersucht das Bremer Institut für Bilderbuch- und Erzählforschung.

Es werden nicht so viele Bilderbücher wie in einer gut sortierten Buchhandlung sein, aber die Uni Bremen verfügt über einige. Versammelt sind sie in einer eigenen Bibliothek, die zum Bremer Institut für Bilderbuch- und Erzählforschung gehört, kurz BIBF, das mit seiner Konzentration auf Bilderbücher im deutschsprachigen Raum als einzigartig gilt.

Die angesammelten ­Bücher voller sprechender Tiere und Fantasiefiguren wandern eher selten durch Kinderhände. Sie sind für Erwachsene gedacht, vor allem für Studierende des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften ­sowie für Erzieher und Lehrer. „Man kann sich hier auch Bilderbücher in ganzen Klassensätzen ausleihen“, sagt Jochen Hering.

Jochen Hering ist eigentlich im Ruhestand. Er war an der Uni Bremen Professor für Literatur- und Mediendidaktik und ist bis heute Sprecher des BIBF. Das Institut ist klein, lebt von ehrenamtlichem Engagement und Fördermitteln wie beispielsweise von der Deutschen Kindergeldstiftung Bremen. Mit einem ehemaligen Kollegen habe er das ­Institut gegründet, erzählt Hering, nachdem er festgestellt habe, wie gut sich Bilderbücher für die Lehrerausbildung eignen und wie schlecht das dokumentiert und erforscht war.

„Das Bilderbuch ist ein Stück Literatur, das ein bisschen durchs Raster fällt.“

Im Laufe der Jahre hat Hering entsprechend zahllose Kinderbücher gelesen und betrachtet, beruflich, auch privat mit seinen Kindern und Enkeln. Er stellt seit 2014 eine Liste mit besonders empfehlenswerten ­Titeln zusammen. Er hat Dutzende von ihnen präsent, von Klassikern bis zu Neuerscheinungen, erzählt von großen und kleinen Helden, von echten und vermeintlichen Monstern, von Fledermäusen und Spinnen, von Torten und Mistkäfern.

„Das Bilderbuch ist ein Stück Literatur, das ein bisschen durchs Raster fällt“, sagt Hering. Für die Bilder sei eigentlich die Kunstwissenschaft zuständig, für den Text die Literaturwissenschaft – das mache die Zuordnung schwierig. Dabei hat das eher stiefkindlich behandelte Genre laut Hering in vielerlei Hinsicht einen genaueren Blick verdient.

Das gelte insbesondere für seine frühpädagogische Wirkung. Das Bilderbuch ebne den Weg zur Sprache in der frühen Kindheit und später auch den Weg zur Literatur. Vor allem für Pädagogen und Eltern seien Bücher für die Kleinsten aber auch darüber hinaus hilfreich: „In vielen Bilderbüchern werden ganz ernsthafte Themen behandelt, man muss es nur sehen“.

Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts liegt auf der Sprachförderung, aber sie dreht sich auch um die literarische Sozialisation und Genderfragen. Wie wird Familie in Bilderbüchern dargestellt? Welche Bücher sprechen Jungen mehr an als Mädchen? Ein aktuelles Projekt dreht sich laut Hering um Mathematik im Bilderbuch.

Aktuelle Bilderbücher thematisieren Flucht, Anders- und Fremdsein

Aber auch mit der Entwicklung der Bilderbücher in Text, Thema und Illustration setzt sich das Institut auseinander. Ein eindeutiger Trend sei nicht erkennbar, das Bilderbuch unterliege nicht durchgängig bestimmten Moden. Allerdings gebe es Veränderungen in der Erzählform; die Bilderbuchliteratur spiegele gesellschaftliche Entwicklungen.

Hering erinnert sich an ein Buch mit dem Titel „Fünf Finger sind eine Faust“ aus den 1960er-Jahren, das den „Spiegel“ neben ähnlichen Büchern für Nachwuchsrevolutionäre zu der Formulierung brachte: „Die Linke marschiert nicht mehr, sie schreibt.“ Zurzeit griffen Bilderbücher kindgerecht das Thema Flucht, Anders- und Fremdsein auf. In den Jahren zuvor drangen Themen wie Scheidung, Krankheit und Tod in die Bilderbuchwelt ein, die zuvor doch eher zwanghaft heil war.

Die Illustrationen sind ebenfalls Spiegel ihrer Zeit und damit auch kindlicher Sehgewohnheiten. Jochen Hering zieht aus dem Regal ein Buch mit dem Titel „Häschen in der Grube“ von Isabel Kreitz und klappt es auf. Es ist 2014 erschienen und erinnert an eine Graphic Novel, kommt allerdings ­altersgemäß ohne Text aus. „Das geht schon Richtung Film“, sagt Hering, „das sieht fast aus wie ein Storyboard.“ Solche neue Formen des Erzählens für Kinder im Vorschulalter fänden sich inzwischen häufiger, neben traditionell umgesetzten Stoffen. „Es gibt bei Bilderbüchern eine große Vielfalt.“

Wollen Kinder, die mit Tablet-PCs aufwachsen, noch Bilderbücher anschauen?

Das bestätigt auch Judith Kaiser von der Verlagsgruppe Oetinger. Auffällig sei, dass „der Bilderbuchmarkt sehr von Klassikern dominiert ist“. Dazu zählten unter anderen Astrid-Lindgren- oder auch die Pettersson-Bilderbücher von Sven Nordqvist. Ein Grund dafür könne sein, dass Eltern die Bücher kauften, die sie aus ihrer Kindheit in guter Erinnerung haben.

Der Verlag Friedrich ­Oetinger habe rund 200 Bilderbücher im Programm, Pappausgaben nicht mitgezählt. ­Allein von den Pettersson-und-Findus-Büchern seien im deutschsprachigen Raum bislang rund 6,6 Millionen Exemplare verkauft worden. Auf dem Gebiet der Bebilderung, so Judith Kaiser weiter, setze sich ein grafischer Stil mehr und mehr durch. Das hänge mit der Produktionstechnik zusammen, der Illustration am Computer statt auf Papier.

Wollen Kinder im Vorschulalter noch durch Bücher blättern, wenn sie quasi schon den Tablet-PC mit bewegten Bildern in die Wiege gelegt bekommen? Es gebe keine verlässlichen Zahlen über Bilderbuchkonsumenten, sagt Judith Kaiser. „Mit jedem neuen Medium wurde in der Vergangenheit das Ende des Buchs prophezeit. Wir können das nicht feststellen.“ Verschiedene Medien könnten offenbar auch im Kinderzimmer koexistieren oder sich es sogar ergänzen. Das sogenannte Superbuch erweckt Bilderbücher über Augmented Reality und eine entsprechende App zum Leben.

Auch die Bremer Stadtmusikanten haben für Jochen Hering bis heute ihre Berechtigung im Kinderzimmer. Obwohl von manchen Eltern und Pädagogen als zu brutal für zarte Kinderseelen verschrien, lehrten Märchen dem Nachwuchs doch, daran zu glauben, dass am Ende das Gute siegt. Ob Stadtmusikanten oder Prinzessinnen, Mistkäfer oder Raupen – ob mit hohem oder geringem Tempo erzählt, schrill oder konventionell erzählt: Lesen gefährdet die Dummheit. Das gilt laut Hering auch für Bilderbücher.

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