Akkela Dienstbier macht aus Natur Kunst Die Ästhetik der Natur

Wenn Akkela Dienstbier arbeitet, wird aus Samen oder Zweigen Kunst. In ihrem Bremer Atelier setzt sich die Künstlerin mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur auseinander.
20.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Ästhetik der Natur
Von Simon Wilke

Bremen. Man sollte meinen, es braucht ein besonders geduldiges Gemüt, um zu tun, was Akkela Dienstbier tut. Ordnung ins Chaos bringen, Raum schaffen für den Blick aufs Detail, Natur wirken lassen – das macht man nicht mal eben, das braucht ein entsprechendes Bewusstsein und natürlich Zeit. Stunden über Stunden in denen Samen von japanischer Anemone, Silberblatt oder Löwenzahn geordnet, geschichtet und zu Neuem verbunden werden. Aber Akkela Dienstbier ist eigentlich nicht geduldig, außer es geht um ihre Kunst.

In ihrer Arbeit kann sie versinken. „Sie hat für mich etwas meditatives“, sagt sie. Ein Attribut, das man ihren Werken durchaus ansehen kann: geometrisch und aufgeräumt, leicht und filigran wirken sie. Durch selten kräftige Farben, stattdessen in gedeckten, erdigen Tönen gehalten, die entweder selbst einen Akzent setzen oder etwas akzentuieren. Und dieses Etwas ist in der Regel ein besonderes Material oder aber eine Stimmung, die aufgegriffen wird.

Akkela Dienstbier macht Natur-Kunst; nicht nur Ordnungen, auch Malereien, Drucke oder Fotoarbeiten. Im Fokus ihres Schaffens steht die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Früher war sie hauptberuflich Kunsttherapeutin, sie mochte den sozialen Aspekt der Arbeit, und dass sie ihre Kreativität dabei nicht hinten anstellen musste. Später reduzierte sie die therapeutische Arbeit und baute ihre künstlerische peu à peu immer weiter aus. Die sozialpädagogischen Lehrbücher, die sie geschrieben hat und von denen mindestens eins inzwischen eine Art Standardwerk geworden ist, hielten ihr dabei finanziell den Rücken frei. Mittlerweile lebt sie von ihrer Kunst, hat sich räumlich gerade erst vergrößert und arbeitet nun in einem Atelier, das ihr auch die Arbeit mit großen Formaten ermöglicht.

Wer dieses Atelier betritt, braucht sich nicht erst lange zu orientieren. Einige aktuelle Werke hängen zur Rechten, geradeaus der Arbeitstisch mit etlichen kleinen Aufbewahrungsboxen - Samen, Blätter oder Zweige, die auf einen Einsatz warten. „Der Mensch wird oft als das Gegenüber zur Natur wahrgenommen“, sagt Dienstbier. Sie sieht das anders, der Mensch selbst ist Natur, mit seiner Funktionsweise und all den Symbiosen, die er eingeht, um überhaupt leben zu können. Deshalb, sagt sie, arbeitet sie gerne mit transparenten Materialien. „Da habe ich das Gefühl, diese Art von Durchdringung besser darstellen zu können.“

Durchdringung ist das eine, die Wertschätzung für die Umwelt und das, was sie hervorbringt, ist das andere zentrale Motiv von Dienstbiers Arbeiten. „Indem ich Naturmaterialien zu Kunstwerken verarbeite, drücke ich diese Wertschätzung aus“, sagt sie. Dazu sammelt sie, was sie auf Spaziergängen oder in ihrem Garten findet, ordnet es, bearbeitet damit Porträt-Fotografien oder verbindet es mit antiken Büchern über Kunst oder Poesie zu ganz neuen Objekten. Die Arbeiten wiederum sollen die Betrachter dazu anregen, die Kraft und die Zerbrechlichkeit des Lebens wahrzunehmen, die Natur mit ihrem Werden und Vergehen schätzen zu lernen.

Es sind keine bestimmten Gegenstände, die Akkela Dienstbier dafür braucht. Sie findet Ästhetik nicht nur in Blüten oder buschigen Samen, sondern auch in Flechten oder - und das klingt bedeutend seltsamer, als es tatsächlich daherkommt - in getrockneten, fast zur Unkenntlichkeit verfaulten Äpfeln, die jetzt in einer kleinen Glasvitrine präsentiert werden. Farben, Struktur und Form müssen besonders sein, und das sind sie in diesem Fall zweifellos, ohne aber dabei Assoziationen zu wecken, die man normalerweise beim Anblick verfaulten Obsts erwarten würde.

Dienstbier hat noch vieles vor, und der Lockdown eröffnet ihr dabei sogar ungeahnte Möglichkeiten. Durch das Bremer Stipendienprogramm für Künstlerinnen und Künstler kann sie nun nicht nur ein neues Projekt starten, sondern auch bereits Begonnenes vorantreiben. „Man kann meckern, wie man will, aber für mich ist das echt ein Segen“, sagt sie. Sie will nun großformatige Arbeiten beginnen, und die sollen dann möglichst bald auch ausgestellt werden.

Info

Zur Sache

Filmprojekt „Zwischen Gestern und Morgen“

„Zwischen Gestern und Morgen“ ist das erste nicht-analoge Kunstprojekt von Akkela Dienstbier. „Ich hatte schon lange die Idee eines Videos und bei diesem Projekt, will ich sie umsetzen“, erklärt die Künstlerin. Ziel des Films sei es, junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren und ihren Umgang mit der Corona-Pandemie sichtbar zu machen. Dazu führt sie derzeit Interviews mit verschiedenen Protagonistinnen.

Gerade für die junge Generation beträfen die Maßnahmen zentrale Fragen der Zukunftsgestaltung, der Wahrnehmung von Gesellschaft, aber auch der Beziehung zur Umwelt und Natur. „Die Frauen haben mir gesagt, dass sie eigentlich raus wollten, sich loslösen von der Familie. Und jetzt hängen sie zu Hause fest“, sagt Dienstbier über die bisherigen Rückmeldungen. Mit der Arbeit möchte sie für die Zusammenhänge von Individuum, Gesellschaft und Umwelt sensibilisieren. Wann und in welcher Form das Projekt präsentiert werden soll, steht noch nicht fest.

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