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Die Einsamkeit des Langstreckenfliegers

Der mit Robert Pattinson und Juliette Binoche besetzte Science-Fiction-Film „High Life“ spielt gekonnt mit menschlichen Urängsten. Für empfindsame Zeitgenossen eignet er sich deshalb nur bedingt.
28.05.2019, 13:27
Lesedauer: 2 Min
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Die Einsamkeit des Langstreckenfliegers
Von Hendrik Werner
Die Einsamkeit des Langstreckenfliegers

Sträfling im Weltall: Monte (Robert Pattinson) ist an Bord eines Raumschiffs auf einer schier aussichtslosen Mission.

dpa

Bremen. "Dunkel, Genossen“, antwortete der sowjetische Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin (1934-1968) auf die Frage, wie der Himmel im Kosmos aussehe, "sehr dunkel". Wäre der erste Mann im Weltall in den ambivalenten Genuss des finsteren, sehr finsteren Science-Fiction-Films "High Life" gekommen, der womöglich nicht von ungefähr am Himmelfahrtstag in irdischen Lichtspielhäusern hierzulande anläuft, hätte er seine Beobachtung unbedingt bestätigt gesehen: So düster, so dystopisch, so deprimierend ist das knapp zweistündige Werk der französischen Hochschullehrerin und Erfolgsregisseurin Claire Denis ("Chocolat", "Meine schöne innere Sonne"), dass selbst dem Zukunftsgenre zugeneigten Zuschauern alle Weltraum-Romantik vergehen dürfte.

Das spricht freilich nicht gegen diesen aus guten Gründen erst ab 16 Jahren freigegebenen Film, dessen großes Verstörungspotenzial daher rührt, dass er gekonnt mit menschlichen Urängsten spielt: Einsamkeit, Isolation, Gewalt. Die apokalyptisch grundierte Hoffnungslosigkeit, die dieser Film durchgängig ausstrahlt, rührt nicht zuletzt von seiner verschärften personellen Spielanordnung an Bord eines merkwürdig anachronistisch anmutenden Raumschiffes. Denn es sind nicht etwa gut ausgebildete Astronauten, die mit Routine, Siegerlächeln und Alexander-Gerst-Esprit eine zeitlich überschaubare Expedition absolvieren, sondern Bewohner einer extraterrestrischen Strafkolonie, überwiegend Gewalttäter, ja Mörder. Ihre mutmaßlich unmögliche Mission: das Anzapfen der Rotationsenergie des der Erde nächstgelegenen Schwarzen Loches (vgl. die einschlägigen Studien des britischen Physikers Sir Roger Penrose).

So weit, so hanebüchen. Doch lässt man sich versuchsweise auf die Binnenlogik des an technischen Unstimmigkeiten und anderen Merkwürdigkeiten reichen Filmes ein, gibt es jenseits der eigentlichen Science-Fiction-Elemente durchaus eine Betrachtungsebene, die dem existenziellen Anspruch der Filmemacherin Claire Denis nahekommt, die in ihrer bisherigen Werkgeschichte immer gern aufs Ganze gegangen ist.

Immer auch gern mit der formidablen Aktrice Juliette Binoche. Mit ihr in der Hauptrolle hat Denis die beiden oben genannten Werke realisiert. In „High Life“ spielt Binoche zwar nicht die Hauptrolle, dafür aber den imposantesten Part: jenen einer exzentrischen Delinquentin, die ihre Kinder ermordet hat, und jetzt im All mit dem Furor einer irrwitzigen Ärztin freigiebig Tranquilizer unter den spermaspendewilligen Mitreisenden verteilt und das Fachgebiet Reproduktionsmedizin überhaupt sehr unkonventionell betreibt.

Gegen diesen wüsten (und in einigen Passagen ziemlich degoutanten) Rollenzuschnitt – Stichwort: Samenraub – kommen die weiteren Stars, mit denen das Drama aufwartet, naturgemäß nicht an: Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, dessen ohnedies wenig konturierte Figur zu einem frühen Zeitpunkt von einem Schlaganfall niedergestreckt wird, hat wenig Gelegenheit, Weltallqualitäten zu demonstrieren. Auch der Star des Ensembles, Robert Pattinson, der als Erzählerfigur fungiert, agiert – trotz zunehmender Dezimierung der Besatzung – seltsam verhalten. Dynamisch gerät immerhin seine Beziehung zu dem an Bord gezeugten Kind, dessen Schreie noch über den Abspann hinaus beunruhigend in den Ohren des Betrachters gellen.

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