Die Sinologin Eva Lüdi Kong hat 17 Jahre lang an der Übersetzung von „Die Reise in den Westen“ gearbeitet „Die Faszination hat nie nachgelassen“

Frau Lüdi Kong, Sie haben „Die Reise in den Westen“ zum ersten Mal ins Deutsche ­übersetzt, obgleich es sich um einen Klassiker der chinesischen Literatur handelt. Warum?Eva Lüdi Kong: Es gab zwei stark gekürzte deutsche Übersetzungen, eine aus dem Englischen und eine zusammenfassende DDR-Übersetzung. Beide lassen den geistigen Hintergrund des Werks großflächig aus.
07.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Faszination hat nie nachgelassen“
Von Silke Hellwig

Frau Lüdi Kong, Sie haben „Die Reise in den Westen“ zum ersten Mal ins Deutsche ­übersetzt, obgleich es sich um einen Klassiker der chinesischen Literatur handelt. Warum?

Eva Lüdi Kong: Es gab zwei stark gekürzte deutsche Übersetzungen, eine aus dem Englischen und eine zusammenfassende DDR-Übersetzung. Beide lassen den geistigen Hintergrund des Werks großflächig aus. Das Bedauern darüber war auch ein Motiv für mich, diese Arbeit zu machen.

Dass es zuvor noch keine vollständige Übersetzung gab, könnte auch an einem gewissen Abschreckungseffekt liegen: Das Buch ist sehr umfangreich und setzt offenbar einiges voraus.

Ich habe mir anfangs nicht so viele Gedanken darüber gemacht, was für eine Aufgabe ich damit in Angriff nahm. Wenn mich heute jemand fragte, ob ich einen weiteren ähnlichen Roman übersetzen wollte, wüsste ich, was das bedeutet.

Und? Würden Sie zu- oder absagen?

Es käme auf das Werk an. Wenn mich ein Buch wegen seines philosophischen oder geistigen Inhalts anspricht, beginne ich manchmal, mich übersetzend in diese Welt hineinzufühlen. Ich denke nicht vorrangig darüber nach, was daraus werden könnte, sondern darüber, dass ich den Inhalt mitteilen, ihn beispielsweise interessierten Freunden geben will. So begann ich auch mit der Arbeit an „Die Reise in den Westen“.

Also ist nicht etwa der Reclam-Verlag auf Sie zugekommen und hat Sie aufgefordert, das Buch zu übersetzen, sondern Sie haben irgendwann zueinandergefunden?

Ja, so war es. Nachdem ich etwa zehn Jahre an dem Buch gearbeitet hatte, ist es dazu gekommen. Das war sicher ein ungewöhnlicher Weg, auch eine glückliche Fügung. Ich konnte nicht ausschließen, dass ein kleiner, spezialisierter Verlag die Übersetzung herausbringen würde, in einer sehr geringen Auflage. Dass es nun in der dritten Auflage erscheint, ist schon eine Überraschung.

Außerdem sind Sie für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Ja, damit hatte ich nicht gerechnet.

Übersetzer beklagen sich gelegentlich, dass Ihre Arbeit nicht ausreichend gewürdigt wird. Wie sehen Sie das?

Ich kann das kaum beurteilen. Ich mache zwar auch andere Übersetzungen, darunter auch literarische, aber für den Lebensunterhalt übersetzte ich vor allem kürzere Sachtexte, insbesondere im Kunstbereich. Sicher richtig ist, dass es nicht einfach ist, sich von Übersetzungsarbeiten in Deutschland oder in der Schweiz existenziell über Wasser zu halten. Dadurch dass ich in China lebte, ist mir das leichter gefallen.

Wie hat man dort auf Ihre Übersetzung reagiert?

Im Internet hat sich die Information schnell verbreitet. Jemand hat einen Teil vom Deutschen zurückübersetzt und war ganz begeistert. Besonders gefreut hat mich, dass Chinesen sich dadurch angeregt fühlen, von Neuem in dem Original zu lesen.

An der „Reise in den Westen“ haben Sie unfassbare 17 Jahre gearbeitet, wenngleich nicht rund um die Uhr. Welche Phasen haben Sie in dieser Zeit durchlaufen?

Es gab keine großen Hochs und Tiefs. Das liegt vielleicht auch daran – und das war wohl das Gute –, dass ich recht blauäugig an die Sache herangegangen bin. Hätte ich mir von Anfang an vorgenommen, das Buch komplett zu übersetzen, hätte ich wie vor einem hohen Berg gestanden. So habe ich mich auf den Weg gemacht, Schritt für Schritt, und war irgendwann auf dem Gipfel angelangt.

Sie haben nicht nur viel Lebenszeit investiert, sondern sich auch eigens weitergebildet.

Ich bin irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem ich gemerkt habe, dass meine Ausbildung für dieses besondere Buch nicht reichte, beispielsweise, was die klassische Schriftsprache betrifft. Mein Mann, der Chinese ist, konnte mir diesbezüglich bei Einigem helfen, vor allem auch, wenn es um buddhistische Inhalte ging. Schwieriger verhielt es sich mit Inhalten aus dem daoistischen Denken. Ich hatte das Glück, daoistische Mönche zu finden, die mir dieses Gedankengut tiefer zugänglich machten. Erst wenn man diese Inhalte wirklich verstanden hat, ist es möglich, Worte für Gedanken zu finden, die nicht in unserer Kultur verwurzelt sind. Ich musste mich aber auch selbst weiterbilden. Ich habe viel Sekundärliteratur gelesen und noch einen Master in klassischer Literatur in China gemacht.

Gab es nie deprimierende Momente?

Es gab freilich Momente, in denen wenig Hoffnung auf Publikation bestand. An einem gewissen Punkt habe ich vier Verlage angeschrieben und gefragt, ob Interesse an meiner Arbeit besteht. Als eine Absage nach der anderen eintraf, habe ich das Projekt vorübergehend zur Seite gelegt. Aber die Faszination für das Buch hat mich dazu gebracht, doch immer wieder weiterzumachen.

Lassen Sie uns auf den Inhalt des Romans zu sprechen kommen. Worum geht es?

„Die Reise in den Westen“ ist in China die Erzählung schlechthin. Jeder Chinese ist in irgendeiner Weise damit groß geworden. Es gibt viele Adaptionen wie Comics und Filme, die sich mit Motiven und Figuren beschäftigen. Das Buch aus dem 16. Jahrhundert erzählt von einer Pilgerreise zu Buddha, wo Heilige Schriften geholt werden sollen. Die Abenteuer spielen in Himmel, Erde und Unterwelt und eröffnen damit einen immensen Makrokosmos voller Götter, Dämonen, Menschen und Tieren. Aber es geht auch um die Reise einer Psyche, um die innere Entwicklung eines Menschen, der sich auf einem Weg der Vervollkommnung befindet. Man kann den Roman daher auch als Lebens- und Orientierungshilfe lesen.

Es ist ein ungeheurer Wälzer von 1320 Seiten aus der Vergangenheit einer fremden Kultur und damit eher nichts, worauf man sich als Durchschnittsleser stürzen würde.

Man muss einen Zugang zu diesem Buch finden. Für eine deutsche Leserschaft ist der Inhalt gewöhnungsbedürftig, denn der Roman besteht fast nur aus Dialogen und Action. Es gibt keine Beschreibungen von Innenleben oder Gefühlswelten. Aber wenn man sich einmal in diese Welt hineinbegeben hat, lässt sie einen so schnell nicht los. Wer sich in die chinesische Kultur und Geisteswelt einfühlen will, dem kann ich diesen Roman nur ans Herz legen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Eva Lüdi Kong präsentiert auf Einladung des Konfuzius-Instituts Bremen das Buch „Die Reise in den Westen“ am Dienstag, 7. März, ab 18 Uhr in der Krimibibliothek der Zentralbibliothek.

Zur Person

Eva Lüdi Kong ist gebürtige Schweizerin. Die Sinologin, Dozentin und Übersetzerin hat in Zürich und an der Zhejiang-Universität in Hangzhou studiert und gehört zum chinesischen Tierkreiszeichen des Affen. Sie ist 48 Jahre alt.
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