Rap-Pioniere aus Bremen

Die Geburtshelfer des deutschen Hip Hop

Bremen. Hip Hop begann sich in Deutschland in den 90er Jahren zu etablieren. Von Bremen gingen in dieser Phase Impulse aus, die die Szene hierzulande bis heute prägen. Ruhm und Geld heimsten allerdings andere ein.
30.03.2010, 16:43
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Sebastian Manz
Die Geburtshelfer des deutschen Hip Hop

Ferris MC, Flowin Immo und DJ PEE bildeten bis 1997 die Formation F.A.B. (Freaks Association Bremen).

FR

Bremen. Hip-Hop entstand vor etwa drei Jahrzehnten als eine Bewegung junger Afroamerikaner. Heute gilt er als die weltweit einflussreichste Jugendkultur. In Deutschland begann sich Hip-Hop in den 90er Jahren zu etablieren. Von Bremen gingen in dieser Phase Impulse aus, die die Szene hierzulande bis heute prägen. Ruhm und Geld heimsten allerdings andere ein.

Es war eine Fernseh-Dokumentation, die Matthias Zählers Leben verändert hat. An einem Herbsttag im Jahr 1984 saß der damals 14-Jährige im Wohnzimmer seiner Eltern in Horn-Lehe und sah fern. Die ARD strahlte eine Reportage mit dem Titel „U-Bahn-Bilder und verrückte Beine“ aus. Die Sendung handelte von einer neuen Jugendbewegung, die in den Ghettos US-amerikanischer Großstädte entstanden war.

Vier Ausdrucksformen machten den Kern dieser Subkultur aus. Graffiti-Malerei auf U-Bahn-Zügen und Wänden war ein Bestandteil. Die drei weiteren Disziplinen waren musikalischer Natur: Da war zum einen Rap, ein Sprechgesang, mit dem junge, meist afroamerikanische Protagonisten ihre oft widrigen Lebensumstände mit viel Wortwitz in Versform packten. Discjockeys (DJs) begleiteten die Rapper akustisch. DJs erzeugten in bis dahin ungekannter Weise Rhythmen, indem sie etwa einzelne Passagen von Schallplatten immer wieder hintereinander abspielten. Als viertes Element galt der sogenannte Breakdance, bei dem die Tänzer sich mit selbst entwickelten Choreografien maßen. Breakdance war es auch, der dieser neuen Jugendkultur ihren Namen gab: Hip-Hop – angesagter Tanz.

Matthias Zähler war fasziniert von der kreativen Energie und der kämpferischen Coolness, die von der neuen Bewegung ausging. „Mir ging ab diesem Zeitpunkt nur noch durch den Kopf: Wow, das ist es, was ich will“, erinnert er sich. Fortan eiferte der Teenager seinen Idolen aus Übersee nach. Er kaufte jede Hip-Hop-Schallplatte, die er in die Finger bekam, und versuchte, den Kleidungsstil der US-Rapper zu imitieren. Was genau den Hip-Hop-Stil ausmachte, war ihm damals nicht ganz klar. Hauptsache es sah irgendwie amerikanisch und urban aus. Zähler war in diesen Tagen nicht der einzige Bremer, den das Hip-Hop-Phänomen in seinen Bann gezogen hatte. Er stellte fest, dass es in der Nachbarschaft immer mehr Leute gab, die seine Vorliebe für amerikanische Ghetto-Garderobe teilten. „Hip-Hopper haben sich damals auf Hunderte Meter Entfernung erkannt und ausgecheckt“, erzählt er.

Bis die Szene sich ernsthaft vernetzte, dauerte es allerdings noch einige Jahre. Es gab weder Hip-Hop-Medien geschweige denn das Internet, über die Kommunikation möglich gewesen wäre. „Aber man hat gespürt, dass da was im Kommen ist“, sagt Zähler. Ende der 80er Jahre startete er seine ersten eigenen Rap-Versuche. Auf einem Radiorekorder nahm er die ersten Hörproben auf. Kurze Zeit später gründete er mit seinen Kumpels Ralf Pauli und Stefan Heilek die Hip-Hop-Band „Lyrical Poetry“ („Schwärmerische Dichtung“). Die Texte waren damals noch auf Englisch. „Zuerst haben wir inhaltlich eigentlich nur die US-Rapper nachgeahmt“, erzählt Matthias.

Das bürgerliche Horn-Lehe war in Bremen so etwas wie die Keimzelle der Hip-Hop-Bewegung. In Jugendzentren organisierte die Szene ihre ersten Jams. Bei diesen Veranstaltungen demonstrierten sämtliche Aktivisten ihr Können. Tänzer und Musiker, die bisher nur von Schlafzimmerspiegeln Feedback bekommen hatten, fanden hier mit einem Mal ein Publikum. Der soziale Hintergrund der Protagonisten war im Gegensatz zu ihren amerikanischen Vorbildern völlig gemischt. Die Kinder von deutschen Akademikern und Arbeitern fühlten sich der Szene ebenso zugehörig wie jugendliche Migranten.

Jams waren die ersten Foren der Szene

Jams waren die ersten Foren der Hip-Hop-Bewegung in Bremen. Immer mehr Bands gründeten sich, immer öfter gab es selbstorganisierte Konzerte. „Es fühlte sich Anfang der 90er so an, als wäre die Stadt aus einem Dornröschenschlaf erwacht“, erinnert sich Ingo Klein, der damals als DJ der Gruppe Salt Valley Crew aktiv war. Zum ersten Mal lösten sich in dieser Phase einige Rapper vom Diktat des Englischen. Erste Deutschrap-Passagen tauchten in den Texten auf. Kleine Plattenfirmen waren auf die rege Szene in Bremen aufmerksam geworden. „Lyrical Poetry“ galt in der Hansestadt als die Band der Stunde. Die Gruppe war mit einem Lied auf dem ersten deutschen Hip-Hop-Sammelalbum „Krauts with Attitude“ („Deutsche mit Haltung“) vertreten. Die Platte gilt heute als erstes Zeugnis des deutschen Rap. Auf dem Album war auch eine damals unbekannte Band aus Stuttgart vertreten. Ihr Name: Die Fantastischen Vier.

Für „Lyrical Poetry“ entstanden durch die Veröffentlichung binnen weniger Monate Möglichkeiten, mit denen die Bremer niemals gerechnet hätten. Als Vorgruppe ihrer großen US-Idole „Gangstarr“ tourten sie durch Mitteleuropa. Bei ihren Auftritten experimentierten sie immer wieder mit deutschen Texten. „Die Reaktion des Publikums war so eindeutig positiv, dass uns schnell klar war: Wir müssen ausschließlich in unserer eigenen Sprache rappen“, erinnert sich Matthias Zähler. Die Band nahm ihr erstes Album auf. „Die Texte handelten von dem, was uns damals beschäftigte: Science Fiction, Drogen und der Hip-Hop-Szene selbst“, berichtet ihr Frontmann. Die damals noch überschaubare Hip-Hop-Szene der Republik feierte „Lyrical Poetry" als einen der Pioniere des deutschen Rap. Unter anderem spielte der Hamburger Rapper Jan Delay mit seiner Band „Absolute Beginner“ als Vorgruppe der Bremer.

Der große kommerzielle Durchbruch blieb bei „Lyrical Poetry“ aus. Dennoch sind Matthias Zähler und seine Kollegen so etwas wie die Urväter der Bremer Hip-Hop-Szene. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Rap-Potenzial ihrer Heimatstadt zur Entfaltung kam. 1993 überredete Matthias Zähler den Berufsmusiker und Studiobesitzer Vicente Celi, eine Platte mit den vielversprechendsten Hip-Hop-Bands der Hansestadt aufzunehmen. Der Titel des Albums stand schnell fest: „Nordseite“ hieß die auf Vinyl gepresste Leistungsschau der Bremer Aktiven.

"Nur noch Stress und Streit"

Für die heimische Rap-Szene sollte die Platte wie eine Initialzündung wirken. Die landesweite Veröffentlichung machte Akteure von der Weser mit einem Mal in der gesamten Hip-Hop-Republik bekannt. 3000-mal verkaufte sich die „Nordseite“ – das bedeutet, dass beinahe jeder damals existierende deutsche Hip-Hopper ein Exemplar im Schrank hatte. Von der Band F.A.B. (Freaks Association Bremen – Sonderlings Vereinigung Bremen), die auf der „Nordseite“ ihr Debüt gab, schrieb die große deutsche Musikzeitschrift „Intro“ kurz darauf: „Sie legen einen dermaßen variablen und schmutzigen Reimfluß vor, dass einem schon beim ersten Titel der Unterkiefer wegklappt.“ Die Songs der Band seien ein Meilenstein der deutschsprachigen Hip-Hop-Entwicklung. Doch ehe die Karriere des Trios richtig begann, war sie auch schon wieder zu Ende. Die Plattenindustrie begann sich für F.A.B. zu interessieren. Manager von Sony klopften am Studio in der Humboldtstraße an und versprachen das große Geld. Die Band zerbrach schließlich unter dem Druck. Auf der immer noch existierenden Internetseite heißt es dazu: „Nur noch Stress und Streit und das jähe Ende der Ära im Winter 1997.“

Die Band „Saprize“, die ebenfalls auf der Nordseite debütierte gilt als eine der ersten sogenannten Cross-Over-Bands Deutschlands. Sie verband Hip-Hop-Elemente wie Rap und DJing mit klassischen Rockband-Instrumenten wie E-Gitarren und Schlagzeug. Konzertveranstalter im ganzen Land rissen sich um die Bremer. 300 Auftritte innerhalb von drei Jahren folgten. Doch auch „Saprize“ trennten sich, ehe der ganz große Erfolg einsetzte. Letzte Sängerin vor

dem Auseinanderbrechen war die damals noch weithin unbekannte Göttingerin Sandra Nasic. Sie sollte später als Stimme der Rockband „Guano Apes“ weltberühmt werden.

Den intellektuellen Part der Bremer Hip-Hop-Pioniere bekleidete die Gruppe „Zentrifugal“. Das Duo – ebenfalls auf der „Nordseite“ vertreten – sagte sich los vom amerikanischen Rap-Stil und ersetzte ihn durch eigenständige, experimentelle Musik. Sie enthielt Jazz-Elemente, Raggamuffin und Meditationsklänge, gepaart mit poetisch vorgetragenem Rap. „Zentrifugal“ blieben stets Liebhabermusik – allerdings mit internationaler Anhängerschaft. Bis zu ihrer Trennung im Jahr 2001 tourten sie durch Europa, Lateinamerika, die USA und Kanada.

Keiner der Bremer Hip-Hop-Pioniere war kommerziell erfolgreich. Die meisten Bands zerbrachen, bevor Ende der 90er Jahre der große Hip-Hop-Hype begann und Bands wie „Fettes Brot“ oder die „Absoluten Beginner“ die Charts stürmten. „Vermutlich waren wir alle den Möglichkeiten nicht gewachsen, die sich plötzlich auftaten“, sagt der „Nordseite“-Produzent Vicente Celi.

"Unsere Musik war das, was wir wollten"

Ihr Auskommen haben viele der Protagonisten von damals trotzdem gefunden. Musikalisch haben sich die meisten nicht weit von ihren Hip-Hop-Wurzeln entfernt. Vicente Celi betreibt heute ein gefragtes Studio in Berlin. An seinen Mikrophonen spielt unter anderem die Band „Culcha Candela“ ihre Songs ein. Die Formation gehört zu den derzeit meistverkauften Hip-Hop-Acts der Republik.

Bas Böttcher, Rapper von „Zentrifugal“, gilt als bekanntester deutscher Vertreter der Slam-Poetry-Szene. Mit seinen Lyrik-Performances tourt er im Auftrag des Goethe-Instituts durch die ganze Welt. Selbst in Schulbüchern sind seine Gedichte zu finden.

Die Japaner haben dieser Tage ihre Vorliebe für den unverkennbaren Sound von „Saprize“ entdeckt. Obwohl die Bremer Cross-Over-Band zu ihrer aktiven Zeit niemals in Nippon unterwegs war, verkaufen sich ihre Platten dort heute tausendfach. Mittlerweile sind sämtliche Auflagen vergriffen. Ob es allerdings aufgrund der großen Nachfrage zu einer Wiedervereinigung von „Saprize“ kommt, ist fraglich. Die meisten Bandmitglieder gehen heute ganz bürgerlichen Berufen nach.

Sascha Reimann alias Ferris MC, einst Rapper von F.A.B., ist heute Teil der Hamburger Hip-Hop-Formation „Deichkind“. Die Band ist mit ihrer fulminanten Live-Show seit Jahren Höhepunkt auf den großen Open-Air-Festivals im deutschsprachigen Raum.

Auch Matthias Zähler von „Lyrical Poetry“ rappt heute noch ab und an. Ein berühmter Hip-Hop-Star ist nicht aus ihm geworden. Er ist Musikredakteur bei Radio Bremen. Traurig ist er darüber allerdings nicht. „Unsere Musik war vielleicht nicht marktkompatibel, aber sie war genau das, was wir wollten.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+