Premiere im Theater Bremen

Die Grenzgängerin

Im August wurde Madonna 61. Für das Theater Bremen Anlass genug, der Künstlerin eine musikalische Reise quer durch drei Jahrzehnte Discografie zu widmen. Am Freitag feierte „In Bed with Madonna“ Premiere.
08.12.2019, 09:48
Lesedauer: 3 Min
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Die Grenzgängerin
Von Katharina Frohne
Die Grenzgängerin

Madonna (Annemaaike Bakker, r.) performt "Holiday" – jenen Hit, mit dem sie es 1983 erstmals in die Charts schaffte. Die musikalische Leitung des Stücks übernimmt Multiinstrumentalistin Maartje Teussink (l.), hier selbst am Schlagzeug.

Joerg Landsberg

Popmusik ist wie Fastfood. Sagt Lady Gaga. Und irgendwie hat sie ja recht: Was im Radio dudelt, dudelt meist so nebenbei. Snacks zum Hören, immer verfügbar, schnell wieder vergessen. Wer bleibt schon stehen und hört genau hin, was da über die Liebe und das Leben und das Dasein im Allgemeinen gesungen wird?

Kaum jemand. Und das wohl in aller Regel auch zurecht. Songs werden heute oft für die Charts komponiert; eingängig sollen sie sein, schnell von null auf hundert drehen, damit auch Spotify-Hörer hängenbleiben. Wirtschaftlich ist das durchaus nachvollziehbar, für die Musik ist es tödlich. Weil es die Kunst kaputt macht. Auch das sagt Lady Gaga.

Liederabend zu Ehren von Madonna Louise Veronica Ciccone

Wer sich des Potenzials des Pop mal wieder ein wenig bewusster werden will, sollte in den kommenden Wochen dem Theater Bremen einen Besuch abstatten. Da nämlich läuft seit Freitag das Stück „In Bed with Madonna“, ein Liederabend zu Ehren von Madonna Louise Veronica Ciccone, die im August ihren 61. Geburtstag feierte. Vieles wurde der 1958 in Bay City, Michigan, geborenen Sängerin im Laufe ihrer mehr als drei Jahrzehnte währenden Karriere vorgeworfen; nur eines, so scheint es, fand immer Anerkennung: ihr Mut, sie selbst zu sein.

Man kann von Madonna halten, was man will; berechenbar war sie nie. Berechnend auch nicht. Immer wieder wechselte sie radikal den Stil, menschlich, modisch und musikalisch, gab sich als Heilige, als Hure, als Mädchen, als Frau. Dass sie dadurch viele verprellte – Fans, Kritiker, am häufigsten die katholische Kirche –, war ihr egal. Dass sie beschimpft, bedroht, geächtet wurde, auch.

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Oft wird über Madonna geschrieben, ihr ­Leben sei ein Exzess, eine einzige große Provo­kation. Vielleicht aber stimmt das gar nicht. Vielleicht hat sie einfach nur nicht die Notwendigkeit gesehen, sich auf eine Rolle festzulegen, innere Widersprüche möglichst gut zu kaschieren. Vielleicht war sie einfach nur ehrlich.

Musikgewordene Reflexion

„In Bed with Madonna“ ist vor dem Hintergrund solcher Überlegungen nicht nur eine Hommage an eine große Künstlerin. Das Stück ist musikgewordene Reflexion. Ganz in Schwarz steht Schauspielerin Annemaaike Bakker auf der leeren Bühne, über ihr baumelt eine gigantische Discokugel. Die (im Übrigen großartige) Band, die zu großen Teilen allein aus Multiinstrumentalistin Maartje Teussink besteht, spielt „Like a Prayer“. Bakken breitet die Arme aus und singt: „Everyone must stand alone“ – jeder ist allein.

Eine Zeile, die jeder kennt, tausendmal gehört, nie richtig verstanden. Das zumindest denkt man, wenn Bakkers klare Stimme den bekannten Worten ungeahnte Wucht verleiht. Mit seinen Gefühlen, seinen Problemen muss letztlich jeder allein fertig werden – das gilt für jeden Menschen, in besonderem Maße aber für eine Frau, die sich jahrzehntelang in einem Business behaupten musste, das ­Rebellion und Radikalität nur Männern zu­gestand.

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Regisseurin Anne Sophie Domenz erzählt ihr Stück entlang dieser Widerstände. Zu Beginn kniet Madonna (auch hier verkörpert von Annemaaike Bakker) in einem Krankenhausbett, feiert zu dem Song, mit dem sie es 1983 erstmals in die Charts schaffte: der Sommerhymne „Holiday“. Dann rücken Pfleger an, schnallen die Sängerin mit roten Gurten ans Bett, drücken ihr eine Tablette in den Mund. Stellen sie ruhig, wortwörtlich.

Subtile Problematisierung

Über der schlafenden Madonna wacht derweil eine echte: eine Madonnenfigur, verkörpert von Alexander Angeletta, die leise, fast mahnend „Like a Virgin“ zu singen beginnt. Weiter geht es kurz darauf mit „Material Girl“ (auch Angeletta) und jenem berühmten goldenen Gaultier-Bustier (Ausstattung: Anne Sophie Domenz), das die italienische Bischofskonferenz derart erzürnte, das sie 1990 zum Konzert-Boykott aufrief.

Madonna wird dabei von verschiedenen Darstellern verkörpert, in den meisten Szenen von Annemaaike Bakker, in anderen von ­Angeletta, Ferdinand Lehmann, Deniz Orta, Justus Ritter und Maartje Teussink (zugleich musikalische Leiterin) selbst. Das unterstreicht nicht nur ihre Vielfalt als Performerin, es beleuchtet auch verschiedene Facetten des Menschen dahinter. Mal ist diese Madonna stark und wild, mal wirkt sie fast verletzlich; mal rekelt sie sich lasziv auf dem ­Boden („Erotica“), mal singt sie eine beinahe melancholische Version von Miley Cyrus’ „Wrecking Ball“.

Denn: Das Stück verweist immer wieder auch auf andere Künstlerinnen, die polari­sieren. Neben Cyrus’ Song, in dessen Musikvideo diese nackt auf einer Abrissbirne reitet, hat auch Beyoncé Knowles’ „Halo“ ins Stück gefunden.

Um Belehrung geht es dabei nie. Kritik daran, dass in der Öffentlichkeit stehende Frauen bis heute Anfeindungen ausgesetzt sind, wenn sie mit stereotypen Frauenbildern brechen, bleibt Subtext. In erster Linie ist „In Bed with Madonna“ eine humorvolle, gesanglich wie musikalisch durchweg überzeugende Reise durch Madonnas abwechslungsreiche Discografie. Ohrwürmer garantiert.

Weitere Informationen

Nächste Vorstellungen: 13., 15., 31. Dezember, 12. und 22. Januar. Infos und Tickets unter
www.theaterbremen.de.

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