„Jugend ohne Gott“ am Theater Bremen

Die Herrschaft der Lüge

Es geht um Angst, Anpassung, den Verlust der Wahrheit: Im Brauhaus ist „Jugend ohne Gott“ zu sehen. Der Roman Ödön von Horváths ist von Alexander Riemenschneider und Sebastian Rest adaptiert worden.
09.12.2019, 10:57
Lesedauer: 3 Min
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Die Herrschaft der Lüge
Von Iris Hetscher
Die Herrschaft der Lüge

„Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth ist eine sehr dichte und in rasantem Tempo inszenierte Parabel über Angst und Anpassung – und den Wert der Wahrheit. Im Mittelpunkt steht ein namenloser Lehrer, den Alexander Swoboda mit großem Facettenreichtum auf die Bühne bringt.

joerg landsberg

Bremen. Vier schwärmen über die Bühne, vier wie schwarze Raubvögel. Sie ducken sich leicht, sie kreischen, da ist ganz schön Radau, und irgendwie riecht es nach Gefahr. Der Mann in der Mitte erschrickt. So richtig aufrecht sitzt er nicht auf seinem Sofa. Der Mann ist „der Lehrer“, gleich wird er das Möbel in Richtung Publikum drehen und von seinem freudlos begangenen Geburtstag erzählen. Die vier Raubvögel setzen sich ganz dicht zu ihm.

So beginnt die Bühnenadaption von ­„Jugend ohne Gott“, dem Roman von Ödön von ­Horváth (1901-1938) im Brauhaus des Bremer Theaters. Dramaturg Sebastian Rest und ­Regisseur Alexander Riemenschneider haben das schmale Werk des früh gestorbenen ­Autors in einer klugen Strichfassung um­gesetzt, die sich an Menschen ab 15 Jahren richtet.

Im Mittelpunkt steht, wie im Roman, der Lehrer. Alexander Swoboda aus dem Schauspielensemble verkörpert ihn mit diesem großen Facettenreichtum, zu dem er fähig ist, das allein lohnt schon den Besuch der Aufführung. Der Lehrer, dem kein Name vergönnt ist, ist eine sehr ambivalente Figur. Er unterrichtet Geschichte und Geografie an einem Gymnasium, ist irgendwie von den Werten des Humanismus beeinflusst, doch die sind in der neuen Zeit nicht mehr gefragt, und er möchte einfach keinen Ärger. Den bekommt er aber dann doch. Die neue Zeit ist im Hintergrund ab und an zu sehen und zu hören: In Videoeinspielungen sieht man Hitlerjungen und Soldaten marschieren, dazu erklingt Nazi-Gebrabbel aus einem Lautsprecher. Nicht nur die Akustik, vor allem Optik ist verzerrt. Ein Mobilé aus großen optischen Linsen sorgt dafür: Wenn die Akteure sich dahinter aufhalten, werden aus ihnen Spukgestalten mit verformten Gesichtern und Gliedmaßen (Bühne: David Hohmann), Sinnbilder für ihre pervertierten Gedanken.

Riemenschneider dosiert die konkret auf die 1930er-Jahre verweisenden Bilder und Töne sparsam – hier gibt es kein Historienspiel zu sehen, sondern eine sehr dicht und manchmal in geradezu rasantem Tempo ­inszenierte Parabel. Das hohe Tempo fordert das Ensemble, denn das hat trotz der ­Strichfassung einen beeindruckenden Textwust zu bewältigen. Diese Wortlastigkeit ­kontert ­Riemenschneider an entscheidenden Stellen durch körperlich stark betontes Agieren; alles kein Problem für die Akteure in der ein­dreiviertel Stunden dauernden Inszenierung.

Für das Publikum ergibt sich so eine doppelte Intensität, denn jedes Wort und jede Geste sind genau gesetzt. Das wird dem Roman sehr gerecht. Horváths tief schürfender Text lohnt auch heute noch die Lektüre, weil in ihm die Mechanismen von Anpassung, Angst und die Frage nach dem Wert der Wahrheit und ihres Verlusts in einer messerscharfen Sprache verhandelt werden.

Nachplappern von Parolen

Einmal mehr wird deutlich: Fake News und ihre Folgen sind kein neues Problem. Von daher sind die „Kinderchen“, die der Lehrer unterrichtet, so gut wie verloren. Sie plappern Parolen nach, denunzieren, verströmen den Geruch einer stumpfen, unterschwelligen Grausamkeit.

Fabian Eyer, Judith Goldberg, Meret Mundwiler und Philipp Kronenberg agieren gruselig großartig in diesen Rollen. Ganz in schwarzes Leder, schwarze weite Pullis gekleidet und mit schwarz umrandeten Augen sind sie die Raubvögel, die dem Lehrer auf die Pelle rücken (Kostüme: Emir Medic). Und zwar nicht nur als Schüler und in diversen weiteren Rollen, die der Roman zu bieten hat. Sie artikulieren reihum auch einige der Gedanken des Lehrers, seine Zweifel, seine Ängste: Die Raubvögel sind längst in seinem Kopf. Im Roman heißt es dazu: „Wie ein Raubvogel zieht die Schuld ihre Kreise“.

Das ist vor allem der Fall, als einer der ­Schüler ermordet wird. Die Aufklärung des Falls zwingt den Lehrer zu einer klareren Haltung: Er muss endlich einmal die Wahrheit sagen. Zum Helden wird er bei Horváth und auch am Theater Bremen nicht, das wäre eine Lösung, die in ihrer Simplizität wenig realitäts­tauglich wäre. Doch immerhin trotzt der Lehrer einmal der Herrschaft der Lüge, bevor er das Land verlässt. Viel Applaus für das gesamte Team für eine Inszenierung, die in ihrer Intensität Fragen stellt, die noch lange nachwirken. ­

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 11. Dezember, 17. und ­
18. Januar, jeweils 19 Uhr.

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