Bremer Kunsthalle

Die im Dunkeln sieht man doch

Auch Smartphones sind dabei; sie markieren das Ende der Ausstellung „Regisseure des Lichts. Von Rembrandt bis Turrell“, die ab sofort im Kupferstichkabinett der Bremer Kunsthalle zu sehen ist.
28.10.2015, 00:00
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Die im Dunkeln sieht man doch
Von Iris Hetscher

Auch Smartphones sind dabei; sie markieren das Ende der Ausstellung „Regisseure des Lichts. Von Rembrandt bis Turrell“, die ab sofort im Kupferstichkabinett der Bremer Kunsthalle zu sehen ist. „Lights 2“ hat Norman Sandler sein Foto genannt, auf dem das leuchtende Display eines Telefons als beinahe mystisch wirkende Lichtquelle das Zentrum des Bildes bildet, seine Betrachterin anstrahlt und die Dunkelheit durchbricht.

Kuratorin Anne Buschhoff und ihr Team haben für die Schau vierhundert Jahre Kunstgeschichte durchforstet und aus dem Bestand der Kunsthalle 60 Arbeiten auf Papier ausgewählt, an denen sich die unterschiedliche Inszenierung des Themas Licht in einzelnen Epochen ablesen lässt. Selbstredend geht es dabei immer auch um den Kontrast zwischen hell und dunkel, mal rein technisch, mal auch philosophisch gemeint. Sogenannte Nachtstücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert bilden den Auftakt der Schau.

Dokumentiert ist dabei auch die Arbeit der Maler und ihre Vorliebe für nächtliche Arbeitszeiten: Im Schein der Kerzen wirkten Figuren plastischer als bei Tageslicht. Aber auch die Nacht als Allegorie, als Sinnbild für verbotene Ausschweifungen ist zu sehen – wie bei der „Nox“ von Jan Sadeler (1550–1600). Biblische Szenen wurden ebenfalls gerne in die Dunkelheit verlegt, damit heroische Momente umso stärker betont werden konnten. Judith schlägt Holofernes in einer auf 1610 datierten Darstellung von Cornelis Galle den Kopf mitten in der Nacht ab. Die Lichtführung ist dabei nicht naturalistisch, sondern „rhetorisch“, wie Buschhoff erläutert – die rächende Frau strahlt am hellsten von allen, sie scheint von den über ihr schwebenden Engeln göttlich erleuchtet.

Als weiteres Kleinod ist eine „Flucht nach Äypten“ von Hendrick Goudt zu sehen, der à la Caravaggio mit Seitenlicht experimentiert, in seinem kunstvoll mit verschiedenen Schattierungen von Schwarz experimentierenden Bild als Lichtquellen aber auch einen hell strahlenden Mond sowie Kerzen, die für eher funzeliges Licht sorgen, einsetzt. Der Übervater dieser Epoche ist aber Rembrandt mit seinem Konzept der Lichtregie, die verschiedene Momente und Situationen innerhalb der Gemälde gezielt betont. Beispielhaft dafür ist das „Hundertguldenblatt“, um 1648 entstanden, das mehrere Episoden beim Auszug von Jesus aus Galiläa bündelt. Christus als Erlöser ist das unbestrittene helle Zentrum, das auf die ihn Umgebenden abstrahlt.

Die Kunst der Aufklärung übersetzte den die Epoche prägenden Vernunft-Begriff gerne in Lichtquellen – und zeichnete sie wie Daniel Chodowiecki 1791 als „Sonnenaufgang“ und „Toleranz“, die nachfolgenden Romantiker dagegen waren eher von der Magie des Mondes fasziniert. Als Kerzen und Gaslicht von der Elektrizität abgelöst wurden, ist in der Grafik der Trend zu beobachten, die Beleuchtungsquellen an sich zum Gegenstand zu machen. Éugene Delâtre zeigt ein Theaterpublikum, das aus dem abgedunkelten Zuschauerraum gebannt auf die helle Bühne blickt, Mary Cassatt, Paul Renouard und Pierre Bonnard beschäftigten sich ebenfalls damit, diese besondere Atmosphäre einzufangen, zu deren Symbol die ätherisch verklärte Tänzerin wurde. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts spielten dann Künstler wie Pablo Picasso und später James Turrell, Otto Piene oder Olafur Eliasson mit den Lichtquellen, die bei ihnen den Zeichenstift ersetzten. Neun der 16 Blätter von Eliassons „Pedestrian Vibes Study“ von 2004 kann man sehen – eins dient zudem als Titelbild der Ausstellung, die einen tiefschürfenden Einblick in die Thematik bietet.

„Regisseure des Lichts. Von Rembrandt bis Turrrell“. Kunsthalle Bremen, Kupferstichkabinett. Bis 14. Februar. Begleitend ist ein Katalog erschienen.

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