Wiedereröffnung in Bremen Die Kunsthalle lockt viele Neugierige

Bremen. Nach langer Umbauzeit haben sich am Sonnabend viele Kunstfreunde auf den Weg gemacht, um einen Blick in das neue alte Gebäude zu werfen. Der Tenor: Die Verbindung von alter und neuer Architektur ist gelungen. Dass keine Bilder hängen, scheint niemanden zu stören.
20.08.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Peter Groth

Bremen. Nach langer Umbauzeit haben sich am Sonnabend viele Kunstfreunde auf den Weg gemacht, um einen Blick in das neue alte Gebäude zu werfen. Der Tenor: Die Verbindung von alter und neuer Architektur ist gelungen. Dass keine Bilder hängen, scheint niemanden zu stören.

Die großen, hellen Räume machen Eindruck. Viele der Besucher, die sich gleich am ersten Tag die umgebaute Kunsthalle ansehen wollten, äußern sich in der Video-Umfragebegeistert über das Gebäude. Noch sind die Wände leer, doch auch das lässt sich gut verschmerzen. Viele scheinen es gerade zu genießen, die Architektur ohne "störende" Bilder auf sich wirken lassen zu können.

Ein bisschen doppeldeutig klang diese Wortschöpfung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU): Kunstwunder von der Weser. Natürlich meinte er die neue Kunsthalle, die am Freitag für mehr als 3000 Mitglieder des Kunstvereins wiedereröffnet worden ist. Mit "Wunder" könnte der Politiker aber auch die Tatsache gemeint haben, dass es den am Donnerstag noch überaus emsigen Handwerkern gelungen ist, Gebäude und Außenanlagen rechtzeitig für den an diesem Wochenende erwarteten Besucheransturm piekfein zu übergeben.

Simsalabim - da schien am Freitag den geladenen Gästen aus dem In- und Ausland nach mehreren Regen- und Gewittertagen die Sonne ins Gesicht. Auch so ein Wunder. Da waren die sich türmenden Schuttberge und die vielen Baufahrzeuge verschwunden, da waren auch in der neuen Kunsthalle kaum mehr Spuren der vergangenen hektischen Tage zu sehen. Das Kunstwunder von der Weser - fürwahr, da hatte der Kulturstaatsminister wahre Worte gesprochen - ist eingetreten.

Die Neugierde der Kunstvereins-Mitglieder - gut die Hälfte der mehr als 7000 hatte sich zu dem Festakt auf der Wiese hinter der Kunsthalle angemeldet - schien grenzenlos. Schon weit vor dem Ende der auf anderthalb Stunden angelegten Zeremonie bildeten sich vor den Eingängen lange Schlangen. Und ein weiteres Wunder geschah: Sie lösten sich blitzschnell auf. Drinnen allerdings ballten sich die Besucher vor den schon installierten Kunstwerken und an den vielbewunderten Übergängen vom Alt- zum Neubau, obwohl doch alle Gäste bis 22 Uhr die Chance zur Besichtigung hatten.

In den durch hohe, lichte Zeltdächer zur Festwiese umfunktionierten Wallanlagen hatten zuvor Vertreter des Kunstvereins, von Land und Bund sowie Kunsthallen-Direktor Wulf Herzogenrath und Architekt Peter Pütz das runderneuerte Aushängeschild der bremischen Kultur über alle Maßen gelobt und dessen gediegene Anmutung wiederholt als "typisch bremisch" charakterisiert. Moderiert wurde die Feier von dem Radio-Bremen-Mann Dirk Böhling, und den mal scheppernd-fröhlichen, mal frechen, aber immer frisch klingenden musikalischen Unterton lieferten die neun Mitglieder der Gruppe "Lauter Blech".

In so einer Eröffnungsfeier wird natürlich viel gedankt - zuallererst den privaten Mäzenen Karin und Uwe Hollweg mit ihrer privaten Stiftung sowie den Familien Peter und Friedrich Lürßen, die gemeinsam den Zehn-Millionen-Anteil des Kunstvereins übernommen und damit den Neubau überhaupt erst ermöglicht haben. Ihr Engagement wurde mit sehr viel Beifall bedacht - und wird künftig dadurch dauerhaft gewürdigt, dass die beiden neuen Flügel der Kunsthalle ihre Namen tragen.

Bundesweit einzigartig

Ihr Einsatz, gepaart mit der Unterstützung der Kunstvereins-Mitglieder, ist nach Aussage von Kulturstaatsminister Bernd Neumann bundesweit einzigartig. Und nur weil hier kontinuierlich 60 Prozent oder fünf Millionen Euro des Jahresetats der Kunsthalle aus privater Hand finanziert werden, hat sich der Bund überhaupt dazu bereit erklärt, ein Drittel der Baukosten zu übernehmen. Bernd Neumann: "Das ist die absolute Ausnahme, wir unterstützen ansonsten nur Einrichtungen des Bundes." Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) dankte in diesem Zusammenhang ausdrücklich dem seit langer Zeit in Berlin tätigen CDU-Politiker, der dort die Besonderheit des hiesigen bürgerschaftlichen Engagements nachdrücklich und mit überaus positiven Folgen vertreten hat.

Beide, Neumann und Böhrnsen, widmeten große Teile ihrer Reden dem bald scheidenden Direktor Wulf Herzogenrath, der der Kunsthalle in seiner langen Amtszeit entscheidend zu ihrem heutigen international hohen Ansehen verholfen habe. Seine Aktion der "Noblen Gäste", also der Ausleihe von bremischen Spitzenwerken an 22 deutsche Museen, sei ein Glücksfall für Bremen gewesen, sagte der Bürgermeister, der Herzogenrath am 23. September die Senatsmedaille für Kunst und Wissenschaft überreichen wird. Jens Böhrnsens an den Direktor gerichteter Satz "Bleiben Sie uns auch nach ihrer Pensionierung noch lange, lange erhalten", erhielt folgerichtig den stärksten Beifall an diesem in jeder Hinsicht heiteren Nachmittag.

Der so umjubelte Direktor gab diese ihm zugedachten Dankesworte umgehend weiter. "Die Senatsmedaille ehrt eigentlich das ganze Team der Kunsthalle. Ohne dieses Team wäre auch der Direktor sehr allein." Wulf Herzogenrath nutzte die Gelegenheit, nicht nur die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Museumsdirektoren und als Ehrengast Julia Baldin aus Moskau zu begrüßen. Er machte auch einmal mehr deutlich, dass es ihm vor allem darum geht, Menschen neugierig auf Kunst zu machen. Die von ihm gestern ausführlich beschriebenen, schon in der neuen Kunsthalle angekommenen Installationen sind nach seinen Worten wunderbare Vorboten für die nun in den nächsten vier Wochen Tag für Tag zurückkehrenden Kunstwerke der eigenen Sammlung.

Für den eigentlichen Bauherrn, den Kunstverein, hatten Vorsitzer Georg Abegg und sein seit dreieinhalb Jahren als Baubeauftragter fungierender Stellvertreter Gerhard Harder das erste und das letzte Wort der Eröffnungsfeier. Abegg rief den anwesenden Mitgliedern in Erinnerung, dass sie alle Miteigentümer der neuen Kunsthalle und ihrer Sammlung seien - nur verkaufen dürften sie diesen Besitz nicht. Sein Dank galt neben den Finanziers vor allem den Architekten Hufnagel, Pütz und Rafaelian, deren nun realisierter Plan rundum auf Begeisterung stoße. Sie hätten ein im Innern edles und vornehmes "kammermusikalisches Kleinod" und eben kein "Bilbao-Spektakel" geschaffen - also kein Museum, das vor allem mit Äußerlichkeiten protzen will.

Gerhard Harder war es schließlich gemeinsam mit dem Architekten Peter Pütz vergönnt, aus der Hand einer wie Monets Camille gekleideten jungen Frau den überdimensionalen Schlüssel zur neuen Kunsthalle entgegenzunehmen. Der sichtlich glückliche Harder dankte seinerseits den Architekten und den 70 am Bau beteiligten Firmen und ihren unzähligen Subunternehmen.

Nun ist also "aufgeschlossen", wie es seit Wochen Plakate, Prospekte und Fernsehspots verkünden. Heute und morgen von 10 bis 20 Uhr steht die neue Kunsthalle bei den Tagen der offenen Tür allen Interessierten offen. Und der kostenlose Zutritt ist dann ab Dienstag ohne das umfangreiche Rahmenprogramm dieses Wochenendes weiter möglich. Erst wenn die Sammlung ins Haus zurückgekehrt ist, wird wieder Eintritt für das Kunstwunder von der Weser erhoben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+