Bremer Band "Die Grenzgänger" Die Lieder der Gefangenen

Das neue Album der Bremer Band "Die Grenzgänger" ist für den Deutschen Schallplattenpreis nominiert. Der WDR ist begeistert von den „traumhaften Arrangements“ und hält die CD für musikalisch „allererste Sahne“.
16.07.2015, 00:00
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Die Lieder der Gefangenen
Von Uwe Dammann

„Man möchte tanzen und doch trauen sich die Füße nicht. Die CD ist unglaublich gut“, schreibt eine Hörerin im Internet. Der WDR ist begeistert von den „traumhaften Arrangements“ und hält die CD für musikalisch „allererste Sahne“: Ein wirklich abgerundetes Album“. Diejenigen, die hier so sehr gelobt werden, sind die vier Musiker der Bremer Band „Die Grenzgänger“. Ihr neues Album „Und weil der Mensch ein Mensch ist“, ist gerade für den Deutschen Schallplattenpreis nominiert worden.

Bereits viermal hat die Band diesen bedeutenden Musikpreis gewonnen, immerhin die höchste Auszeichnung der Branche, und auch diesmal stehen die Chancen nicht schlecht für das Bremer Quartett. Denn in der Tat ist das Album mit Liedern aus Konzentrationslager und Liedern des Widerstands in der Nazizeit ein nicht nur textlich bedeutendes Zeitdokument, sondern überzeugt vor allem auch musikalisch. Die oftmals schwer verdaulichen Texte aus den Konzentrationslagern, in denen die Häftlinge ihre ausweglose Situation hinter Stacheldraht beschreiben, werden mit Swing und Gypsy begleitet. Die Musiker, die die Lieder ursprünglich komponierten, mussten für die Nazi-Schergen spielen und singen, während um sie herum gefoltert und gemordet wurde. Die Lieder wurden beim Marschieren gesungen, bei der unmenschlich schweren Arbeit in der Industrie oder im Moor.

Geht das mit Swing zusammen? Es geht zusammen, hervorragend sogar. Findet verständlicherweise auch Michael Zachcial, der die Idee zu diesem neuen Album hatte und das Konzept entwickelte. Der Musiker ist der Sänger und Gitarrist der Band und betont, dass für ihn viele dieser Lieder, die von Häftlingen gesungen wurden, gleichzeitig Mut, Glauben, Kraft und Lebendigkeit verkörpern. Die Lebenskraft wird durch eine beschwingte Musik unterstrichen. „Bei all dem Leid überwiegen Hoffnung und Mut“, betont Zachcial.

Außerdem waren Swing und Gypsy in der Nazizeit verboten, allein schon deshalb sei diese Musikrichtung eine ideale Ergänzung. Auf dem Album sind Klassiker wie „Die Moorsoldaten“ enthalten und „Weil der Mensch ein Mensch ist“, die einst schon Hannes Wader auf seinen „Arbeiterliedern“ vertonte, aber zusätzlich auch viele heute weithin unbekannte Lieder wie „Wir zahlen keine Miete mehr, „Unser täglich Brot“ und „In den Kerkermauern sitzen wir“.

Letzteres hat Kritiker und Fans zu wahren Beifallstürmen hingerissen. Nachdem für den Monat Juni gleich sechs Lieder von „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ für die Liederbestenliste nominiert waren, ist der Titel „In Kerkermauern sitzen wir“ auf Platz acht der aktuellen Liederbestenliste gelandet – vor so bekannten Kollegen wie Hannes Wader, Konstantin Wecker und Achim Reichel.

Ein schöner Erfolg für die Bremer Band, die auch auf diesem Album den Mut und die Zivilcourage der vielen tausend Landsleute, die sich dem NS-Regime in den Weg stellten feiert. Einmal mehr, muss man schon fast sagen. Auch die früheren Alben der ambitionierten Musiker – wie „Maikäfer flieg“ oder „Die Schiffe nach Amerika (Emigrantenlieder)“, waren höchst anerkannt. Ein kleines Kunstwerk ist auch das Bootleg des Albums, das neben historischen Fotos aus den Konzentrationslagern, informative Texte zur Entstehung der Lieder sowie die Texte zum Nachlesen und Mitsingen enthalten.

Im Ausland sind politisch ambitionierte Liedermacher durchaus gang und gäbe. In dieser Tradition sieht sich auch die Bremer Band. Michael Zachcial verweist auf die amerikanischen Liedermacher Woody Guthrie, Pete Seeger oder Jonny Cash, die allesamt im Laufe ihrer Karriere politische Lieder gesungen haben und damit weltweit erfolgreich waren. Erfolgreich, wenn auch auf einer bescheideneren Ebene, sind „Die Grenzgänger“ aus Bremen. Ihr gelungener musikalischer Mix aus Chanson, Volkslied, Jazz, Blues und Musikkabarett kommt an. Die Band ist im ganzen Bundesgebiet und international unterwegs. „Wir haben in der Tschechischen Republik, Irland und Nordirland, Polen, Österreich und Schweden gespielt“, sagt Zachcial. Das ihre Musik auf hohem Niveau liegt, beweist die nunmehr fünfte Nominierung für den deutschen Schallplattenpreis.

Das Deutschlandradio entsandte die Grenzgänger obendrein als deutschen Beitrag zum Festival der Europäischen Rundfunkanstalten in Norwegen. Seit mehr als ein Vierteljahrhundert klingen die Grenzgänger so druckvoll und virtuos wie selten, der Mann an der Gitarre Frederic Drobnjak spielt auf dem Album im Stile eines Django Reinhardt groß auf, Felix Kroll am Akkordeon ersetzt mit seinem Instrument manchmal ein Orchester, Annette Rettich berührt am Cello und verschmilzt mit der Stimme von Michael Zachcial, der auf beeindruckende Art Geschichte und die alten Lieder mit dem Hier und Jetzt verbindet.

Das Album „Und weil der Mensch ein Mensch ist“, von der Bremer Band „Die Grenzgänger“ ist im Label „Feinste Musik-Konserven“ im Müller-Lüdenscheidt-Verlag erschienen.

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