Interview mit Julia Engelmann

„Die Musik ist nur sichtbarer geworden“

Die Bremerin Julia Engelmann wurde über Nacht beim Poetry-Slam berühmt. Nun tritt sie auch als Sängerin auf. Im Interview erklärt sie, warum ein Gedicht aus Versehen auch ein Lied werden kann.
06.11.2017, 12:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Zur Slammerin und Autorin kommt nun die Sängerin Julia Engelmann dazu. Warum?

Julia Engelmann: Warum nicht? Ich singe schon immer wahnsinnig gerne. Vor drei Jahren habe ich angefangen, Tourabende zusammenzustellen. Ich bin nicht mehr Poetry-Slammerin, weil ich an den Wettbewerben nicht mehr teilnehme, sondern eher so eine Vollzeit-Poetin. Ich mache also Gedichte und mir geht es dabei so wie bei einer Weinprobe, wo man zwischendurch mal am Kaffee riecht. Alle drei Gedichte mal einen Song zu singen, so zum Runterkommen – das war die Ursprungsidee. Das hat sich dann immer weiter entwickelt, und ich wurde gefragt, ob es das nicht auch mal auf CD geben kann. Jetzt hatte ich das Glück, in diesem Jahr mein Debüt-Album machen zu dürfen, also bringe ich das jetzt auch mit auf die Bühne. Aber Musik ist in meinem Leben jetzt nichts Neues, es ist nur sichtbarer geworden.

Es hat ja eigentlich auch alles mit einer Songzeile angefangen.

Im Grunde genommen ja. Ich höre schon immer viel Musik, auch gerade beim Schreiben. Beim „Reckoning“-Text war das offensichtlich, aber eigentlich hat jedes Gedicht für mich auch einen Beat, den ich mir dazu vorstelle. Es geht immer miteinander einher. Irgendwann habe ich dieses Gedicht „Grapefruit“ geschrieben, dass dann eher aus Versehen ein Lied geworden ist, weil ich das solange vor mir her gesungen habe, dass ich es gar nicht mehr richtig sprechen konnte. Insofern ist es für mich gar nicht so eine große Überraschung, dass jetzt auch Musik Teil meines Programms ist.

Spielen Sie auch Instrumente?

Ich hatte mal als Kind Klavierunterricht, und fünf oder sechs Akkorde beherrsche ich auf der Gitarre. Ich bin sicher kein Virtuose, aber ich denke, ich bin musikalisch. Vor allem spiele ich gerne und lasse mich nicht stoppen!

Ihre Texte sind in der Tat fast immer sehr rhythmisch. Ist es beim Schreiben ein großer Unterschied, ob etwas Lied oder Gedicht wird?

Für mich ist entscheidender, dass am Anfang ein Gefühl oder ein Gedanke steht, den ich interessant finde, etwas, das mich inspiriert, zu schreiben. Worin das am Ende sein Zuhause findet, macht für mich keinen großen Unterschied. Aber alle Lieder basieren auf Gedichten, es kommt immer zuerst der Text und der gibt die Stimmung natürlich vor.

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Wann ist der Punkt, an dem sich die spätere Form entscheidet?

Den gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt eher den Moment, wo sich entscheidet, ob etwas fertig wird, oder ich denke, es lohnt sich nicht mehr. Das ist für mich spannender. Am Ende, wenn etwas fertig ist, kann alles damit werden. Jedes Gedicht kann definitiv Lied werden.

Sind Sie Viel-Schreiberin und gleichzeitig Viel-Verwerferin? Ihre bislang drei Bücher sind in schneller Folge entstanden, ist trotzdem vieles übrig geblieben?

Oh ja! Auf jede veröffentlichte Zeile kommen mindestens zehn unveröffentlichte, vermutlich mehr. Ich schreibe wirklich sehr viel, deswegen kam mir die Folge der Bücher auch gar nicht so schnell vor. Ich hätte zu jeder Jahreszeit eines schreiben können. Und bevor ein Gedicht drei Seiten lang ist, ist es erstmal 30 Seiten lang. Dann kürze ich; zu jeder Zeile habe ich mehrere Optionen, da fällt schon eine Menge raus.

Ist es dann für immer raus, oder taucht so etwas als Material an anderer Stelle wieder auf?

Mal so, mal so. Manchmal speichere ich es auch unsauber ab. Ich habe nicht nur viel ungenutztes Material, ich habe noch mehr, das ich nicht mehr wiederfinden kann. Aber ich habe Vertrauen darin, dass mir die wirklich wichtigen Sachen schon wieder einfallen. Ich habe ein allgemeines Archiv und eins für jedes Gedicht, in das ich Dinge reinschiebe. Ich glaube, das ist mehr für das gute Gefühl: Ich könnte es wiederfinden, wenn ich mir ganz viel Mühe gebe.

Gibt es beim Schreiben Momente, in denen es hakt oder sogar komplett blockiert oder ist das für Sie unvorstellbar?

Für mich setzt sich Schreiben aus zwei Phasen zusammen. Eine ist das Inspirationssammeln, einfach immer, wenn ich dazu Lust habe. Ich denke, „Ich muss heute nichts schreiben“, aber gehe vielleicht aus einem Gespräch raus und notiere mir trotzdem etwas. Die andere Phase hat schon mit Disziplin zu tun. Kein Fünf-Minuten-Gedicht entsteht einfach so. Wenn mir gerade nichts einfällt, dann gibt es immer noch genug zu tun, dann sortiere ich Zeilen. Es gehört auch dazu, in Ecken zu gehen, die mir nicht so gefallen. Nur so entstehen Texte, die mir dann wiederum doch gefallen.

Haben Sie jemals gezögert, ob Sie das Schreiben zum Beruf machen sollten?

Ich habe das ganz lange für eine Phase gehalten – vielleicht ist das ja immer noch? Es sah für mich gar nicht danach aus, dass das eine Option ist. Insofern gab es kein Zögern, aber natürlich habe ich mir das schon gut überlegt. Ich fühle mich sehr wohl damit, und das zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung war.

Haben Sie einen Plan B oder sind Sie so im Hier und Jetzt, dass es gar keinen Gedanken daran gibt, dass es auch wieder vorbei sein könnte?

Doch, den gibt es schon. Alles kann irgendwann wieder vorbei sein, auch wenn ich weiter studieren würde oder fest angestellt wäre. Das kann man alles nicht wissen, also versuche ich zu genießen, was ich jetzt gerade habe. Dafür bin ich sehr dankbar, aber ich kann mir trotzdem auch andere Sachen vorstellen. In der Vergangenheit wollte ich ja auch schon mal etwas anderes werden. Ich habe Urvertrauen, dass ich schon irgendwo unterkomme.

Würden Sie zustimmen, dass das auch das Kernthema des Werks ist: Im Moment sein?

Ich glaube es ist die Suche nach einer Balance zwischen im Moment sein und auch an die Zukunft denken, zwischen eigenständig sein und trotzdem Beziehungen zu anderen Menschen führen und zwischen Melancholie und Lebensfreunde.

ZUR PERSON:

Julia Engelmann wurde am 13. Mai 1992 in Bremen geboren. Anfang 2014 wurde sie durch einen Beitrag bei einem Poetry-Slam über Nacht zum Star der Szene. Sie veröffentlichte im selben Jahr ihr erstes Buch, zwei weitere folgten. Am 3. November erschien ihre erste Musik-CD „Poesiealbum“. Ihr Auftritt am 25. November (20 Uhr) im Musical Theater ist bereits seit Wochen ausverkauft.

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