70 Jahre Kriegsende in Bremen Die Mutter ist tot

Schon beim ersten Abenddämmern verhängten die Eltern alle Fenster mit dunklen Decken. Dass die Tommys in ihren Fliegern uns nicht finden, sagte Vater.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 1 Min
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Von Ria Neumann

Schon beim ersten Abenddämmern verhängten die Eltern alle Fenster mit dunklen Decken. Dass die Tommys in ihren Fliegern uns nicht finden, sagte Vater. Dann wurden wir gleich in die Betten gebracht, damit wir bis zum ersten Alarm ein wenig Schlaf hatten. Aber wir lagen dort nie allein. Da war immer die Angst.

Mutter legte uns mit allen Kleidern hin, denn wenn es anfing, musste alles ganz schnell gehen. Es war jede Nacht gleich. Das Sirenengeheul schreckte alle auf. Mutter sprach nichts. Mit fliegenden Händen stopfte sie unsere Füße in die Schuhe, während wir uns immer wieder fallen ließen um weiterzuschlafen.

Sobald die Eltern das Nötigste zusammengerafft hatten, rannten sie mit uns los. Vater nahm an einer Seite meine große Schwester und an der anderen mich unter den Arm und hastete dem Bunker entgegen. Mutter trug unser Baby, das gab sie niemals ab, und lief immer ein paar Schritte hinter ihm.

Vor dem Eingang gab es jedes Mal großen Tumult. Der Bunkerwart hatte es schwer, die Oberhand zu behalten. Manchmal fiel jemand hin, wurde hochgezerrt und mitgerissen. Die Höllenangst hatte alle gepackt.

Ich blieb stets bei Mutter. Sie hockte ganz vorne, auf der Kante, hielt das Baby auf dem Schoß und war sehr still. Ich steckte meinen Kopf immer in die Lücke, die sich zwischen ihrem Rücken und der rauen Betonwand ergab. Dort sah ich nichts, atmete ihren Geruch.

Und dann kam DIE Nacht. Mutter war nicht da, ich konnte mich nicht hinter ihrem Rücken verstecken. Meine Schwester rief nach ihr. Immerzu. Aber die Bunkertür war geschlossen, und Mutter fehlte. Auch unser Baby. Ich zitterte. Die Angst fraß sich durch meine Knochen.

Meine Schwester schrie nach Mutter. Bis Vater kam. Er weinte. Das Schütteln seines Körpers erschreckte uns. Er nahm meine Schwester auf den Arm. Ruf nicht mehr, Eka. Wir haben nun keine Mutter mehr. Und unser Baby war ganz blutig. Die Mutter, sie ist ausgelöscht.

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