Künstliche Intelligenz

Die Verwandlung

Face-App, eine weltweit gefragte Smartphone-Spielerei, simuliert Alterungsprozesse und sorgt für Diskussionen.
26.07.2019, 17:09
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Die Verwandlung
Von Hendrik Werner
Die Verwandlung

Runzel-Ich: So simuliert Face-App die Zukunft von Charlotte Roche.

FOTOS: DPA/Instagramm

Witzig oder unheimlich? Harmlos oder riskant? Bloße Spielerei oder womöglich ein potenzielles Objekt organisierter Datenraubzüge? Am Smartphone-Programm Face-App scheiden sich derzeit die Geister wie an jeder neuen Prosaarbeit der zeigefreudigen Autorin Charlotte Roche. Auf den ersten Blick ist die russische Foto-Applikation nur ein drolliger Zeitvertreib, dessen jüngsten Hype auch und gerade prominente Zeitgenossen auf Instagram und anderen plakativen Selbstdarstellungsplattformen befördern.

Nutzer können mithilfe dieser auf Metamorphosen abonnierten Software sozusagen einen Blick in die Zukunft wagen: Durch die vor zwei Jahren entwickelte Anwendung lässt sich in frappierender Manier simulieren, wie sich die eigene Physiognomie innerhalb von 20, 30 oder auch 40 Jahren verändern wird. Freilich ausschließlich im Erlebensfalle des technisch fingierten Alters. Und damit fangen die ästhetischen und weltanschaulichen Probleme erst an.

Bei einem mehrere Dezennien umfassenden Zeithorizont bleiben an barocke Vanitas-Motivik gemahnende Bilder naturgemäß nicht aus. Face-App schärft den Blick für die Vergänglichkeit, ja Hinfälligkeit des Menschen. Das gilt auch und gerade für Exemplare dieser Spezies, denen in gewisser Hinsicht Unsterblichkeit zugestanden wird: den sogenannten Prominenten. In den sozialen Netzwerken häufen sich seit Wochen Impressionen von mehr oder weniger würdevoll gealterten Protagonisten der Popkultur.

Lesen Sie auch

Unter jenen, die sich mit wenigen Handgriffen ins Rentenalter katapultiert haben, sind der britische Schmusebarde Sam Smith, der kanadische Rapper Drake, der französische DJ David Guetta und der deutsche Rockmusiker Gil Ofarim. Hierzulande sorgten verzichtbare Kreativitätsschübe der Regenbogenpresse überdies dafür, dass Casting-Drill-Sergeant Heidi Klum („Germany’s Next Top Model“), der sogenannte Sänger Dieter Bohlen und Ex-Werder-Spieler Torsten Frings in vor der Zeit gealterten Versionen zu sehen sind.

Facebook-Profilneurotiker

Binnen kurzer Zeit ist dieses staunenswerte Spielzeug, das übrigens auch eine virtuelle Verjüngung sowie das Wechseln der Hautfarbe ermöglicht, zu einem viralen Hit avanciert, was Zuspruch und Nachmacheffekt angeht. Auch Politiker wie US-Präsident Donald Trump, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Grüne Cem Özdemir sind im Netz mit signifikant erhöhtem Faltenaufkommen und schütterem Haar zu besichtigen, wahlweise auch mit Tränensäcken oder gar in Gestalt eines anderen Geschlechts.

Karneval digital also – wahlweise mit spektakulären Geronto- oder Jungbrunnen-Effekten. Für die Modifikation, genauer: Manipulation der Gesichtszüge, ist den Entwicklern der Anwendung zufolge Künstliche Intelligenz verantwortlich, die gewisse äußerliche Merkmale erkennt und nachhaltig verfremdet. Die meisten Filter, die den Transformationsprozess befördern, ja in den Exzess treiben, sind für die Nutzer gratis, andere wiederum kostenpflichtig.

Dass es sich dennoch um ein Nullsummenspiel handelt, dürfte mittelfristig die als gering zu veranschlagende Halbwertzeit der bildverliebten Performances weisen. Wie bei fast jeder digitalen Sau, die durch das globale Dorf getrieben wird, in dem es bekanntlich um Sehen und gesehen werden geht, stehen bereits jetzt mannigfache Anwendungen bereit, die narzisstisch (oder auch masochistisch) gestimmten Facebook-Profilneurotikern vermeintlich neue Zerstreuungen unter ähnlichen Vorzeichen bieten.

Als ach so aufregende Innovation wird im Unterhaltungsbetrieb beispielsweise eine Form der „Age Challenge“ ausgeflaggt, die sich zur Bearbeitung von Kunstwerken nutzen lässt. Gerade so, als hätten Popkulturgrößen wie Walt Disney und Otto Waalkes diese Form der Klassiker-Persiflage nicht schon vor Jahrzehnten etabliert. So präsentierte der Online-Auftritt des Branchenmagazins „Monopol“ unlängst eine Mona Lisa (Leonardo da Vincis „La Gioconda“) mit nur bedingt schmeichelhafter Sehhilfe, ein radikal runzliges Mädchen mit Perlenohrgehänge (Jan Vermeer) und eine nach ihrer Geburt plötzlich und unerwartet gereifte Venus (Sandro Botticelli).

Vor allem an solchen vorgeblich kunstsinnigen Travestien ist ablesbar, was für ein erniedrigender Mumpitz der Zoom in die vermeintliche Zukunft ist. Denn den mit Sehprothesen und anderen Hinfälligkeitsinsignien modifizierten Artefakten fehlt notgedrungen jene Aura, deren irreversiblen Verlust der Kulturhistoriker Walter Benjamin in dem wirkungsmächtigen Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1935) beredt betrauerte.

Der nämliche betrübliche Befund gilt freilich auch für Konterfeis von Erika und Max Mustermann. Durchschnittsdeutsche – auch und gerade solche mit Anti-Kunst-Ressentiments – haben mithilfe eines Tools namens aiportraits.com angeblich erstmals die Möglichkeit, Selfies und Porträtaufnahmen in Artefakte mit klassischer Anmutung zu verwandeln. Zu diesem hehren Zweck müssen die Nutzer lediglich ein Foto auf der Website hochladen, das sich wie von Geisterhand in ein gemaltes Porträt verwandelt.

Um diesen Kunstgriff realisieren zu können, mussten Forscher einer Artificial-Intelligence-Schmiede mit dem weitschweifigen Namen MIT-IBM Watson AI Lab einen Algorithmus mit 45.000 Gemälden füttern. Diese decken diverse Stilrichtungen ab – von Rembrandt über Tizian bis zu van Gogh. Was die konkrete Ausgestaltung anbelangt, sind Öl- und Wasserfarben ebenso im Angebot wie Tinte. Neu ist freilich auch das nicht: Bereits vor drei Jahren kursierte in Russland eine App namens Prisma, mit deren Unterstützung Fotografien in Gemälde verwandelt werden konnten.

Menschliche Hybris

Menschliche Hybris strafen die Götter prompt, heißt es. Doch außer Sicherheitsbedenken, die zuallererst den Datenschutz betreffen, liegt gegen die Schöpfer von Face-App, die in Sankt Petersburg ansässige Firma Wireless Lab, (noch) nichts Justitiables vor. Damit das auch so bleibt, betont Face-App-Gründer Jaroslaw Gontscharow seit Wochen gebetsmühlenartig, dass ausschließlich die von Nutzern ausgewählten Fotografien hochgeladen würden – und dass der Großteil der zur Verfügung gestellten Bilder binnen 48 Stunden nach dem Herunterladen wieder von den Servern gelöscht werde. Kritikern, darunter der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber, genügt diese Aussage nicht. Sie argwöhnen, das Unternehmen könne weitere Daten abgreifen.

Vielleicht ist dieser Sicherheitsaspekt in einer Welt, in der digitaler Exhibitionismus – wohlgemerkt auf freiwilliger Basis – kaum noch Grenzen kennt, gar nicht der zentrale Einwand gegen das vorgebliche Spielzeug. Vielmehr scheint es geboten, den Bildbegriff und das damit zusammenhängende Menschenbild zu hinterfragen. Der – unheimliche – Vorzug des Produkts Face-App ist eine realitätsnahe, ästhetisch frappierende Simulation des Alterungsprozesses, wie sie vormals keine Fotomanipulationssoftware hat leisten können. Einerseits. Andererseits kann die technische Prozedur naturgemäß nur so etwas wie eine idealtypische Entwicklung vorgaukeln, in der weder Siechtum noch frühzeitiges Ableben vorgesehen ist. Der durch Face-App gestiftete Verfallsprozess bleibt notgedrungen an der schieren Oberfläche; er verdrängt ein Skandalon namens Tod, er betrifft bloß Äußerlichkeiten, Hüllen, Fassaden. Deshalb passt das Spiel so ausnehmend gut zur schönen neuen Netzwelt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+