WESER-KURIER-Interview mit "Focus"-Chefredakteur Wolfram Weimer "Die virtuelle Revolution braucht Orientierer"

Bremen. "Focus"-Chefredakteur Wolfram Weimer ist einer der spannendsten deutschen Journalisten. Im Gespräch mit dem Bremer WESER-KURIER spricht Weimer über die Zukunft der Printmedien, und wie das Internet den Journalismus verändert.
25.02.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Axel Brüggemann

Bremen. Wolfram Weimer ist einer der spannendsten deutschen Journalisten. Er war Chefredakteur der "Welt" und hat sich den Traum eines eigenen, neuen Politik-Magazins verwirklicht: Der "Cicero" wurde zu einem der erfolgreichsten Meinungsmagazine Deutschlands. Heute ist Weimer Chefredakteur beim angeschlagenen Nachrichtenmagazin "Focus" und versucht, das Heft neu auszurichten. Axel Brüggemann sprach mit Weimer darüber, warum Zeitungen heute noch nötig sind, und wie das Internet den Journalismus verändert.

Herr Weimer, der Buchdruck war eine der größten Revolutionen der Menschheit - das gedruckte Wort hat Revolutionen ausgelöst, von der Reformation bis zu den Aufständen der Moderne. Trotzdem kriseln die Zeitungen. Warum?

Wolfram Weimer: Weil das Internet die Geschäftsgrundlage radikal verändert. Aber Zeitungen, die sich auf ihre Ursprünge besinnen, auf das Geschichtenerzählen, auf Qualität, Recherche und Meinung werden die Krise überstehen. Guter Journalismus hat noch immer eine revolutionäre Kraft.

Aber die Zeitungen verwandeln sich: mehr Service, mehr Rankings, mehr Trash...

Nicht alle. Das wäre eine fatale Entwicklung. Wir bei "Focus" gehen zum Beispiel in eine andere Richtung. Das Magazin wandelt sich vom Nachrichten- zum Orientierungsmagazin, neben dem Nutzwert muss es auch Denkwert geben. Die Auflage beginnt nach schwierigen Jahren endlich wieder zu steigen. Es geht also auch mit Qualitätsjournalismus.

Das Internet ist eine Medien-Revolution. Es ist schneller, aktueller und interaktiver als Zeitungen.

Die Erfindung des Internets ist fast so groß wie die des Buchdruckes. Aber es stellt nicht nur eine Bedrohung dar, sondern auch eine Chance. Die virtuelle Revolution braucht - wie jede Revolution - nicht nur Barrikadenstürmer, sondern auch Orientierer. Vor allem dort, wo das Netz wie ein plärrender Jahrmarkt wirkt, wo überall Lichter und Ausrufezeichen blinken. Es reicht eben nicht, nur Aktienkurse ins Netz zu stellen, Reisen anzubieten oder coole Webdesigns zu entwickeln. Auf den Inhalt kommt es an. Und den kann der Qualitätsjournalismus liefern.

Hört sich gut an, aber die Qualität des Journalismus ist teuer, und das Netz verspricht kostenlose Informationen.

Als das Radio aufkam, wurde die Zeitung totgesagt, als das Fernsehen aufkam, wurde das Radio totgesagt, als das Internet aufkam, wurde das Fernsehen totgesagt. In Wahrheit leben alle Medien ganz gut nebeneinander. Nur die Rollen werden schärfer geprägt. Daher liegt die Chance klassischer Zeitungen im klassischen Journalismus. Wir müssen begreifen, dass wir das Internet in Sachen Schnelligkeit und Interaktivität nicht überholen können, dass unser Handwerk der Erzählung, der Weltdeutung und Orientierung aber immer wichtiger wird.

Das klingt sehr idealistisch.

Warum? Es ist doch zu sehen, dass die Krise an Printmedien vorbeigeht, die konsequent Qualitätsjournalismus betreiben: Vom "Economist" bis zur "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", von der "Zeit" bis zu "Cicero" beweisen sie, jeder auf seine Art, dass sie in Zeiten der Informationsflut als Ordnungsmedien prächtig funktionieren. Schwer haben es dagegen Blätter, die sich immer weiter dem Netzmainstream und seiner Verflachung und Willkür anpassen, die versuchen, so schnell und so interaktiv zu sein wie das Internet. Das ist unmöglich.

Aber können diese Zeitungen auch den Sprung ins Netz schaffen?

Ich denke schon: "focus.de", "bild.de" und "spiegel.de" sind in Deutschland die drei führenden, meinungsbildenden Portale. Und sie arbeiten zusehends profitabel. Zugleich entstehen im Netz völlig neue Angebote für Qualitätsjournalismus. Die Bloggerin Arianna Huffington hat mit ihrer Internet-Zeitung "The Huffington Post" auf Inhalte, Debatten und Recherche gesetzt und ihre Seite gerade für 350 Millionen Dollar an AOL verkauft. Das zeigt, dass Online-Giganten wie AOL am Ende viel Geld für guten Journalismus ausgeben. Sie begreifen, dass das Netz ohne Inhalte belanglos wäre.

Viele glauben, der iPad wäre das endgültige Ende der gedruckten Zeitung.

Ich halte nichts von Endzeitszenarien. Auch der iPad wird die Zeitung noch lange nicht ablösen.

Weil man ihn nicht mit in die Badewanne nehmen kann?

Das auch. Aber besonders, weil der Vorteil einer Zeitung ihre scheinbar so altmodische Eindimensionalität ist. Hier ist nur zu lesen, was gedruckt ist: kein Querverweis, kein Link, keine Öffnung, die den Leser in das Labyrinth der Informationen schickt. Das virtuelle und das gedruckte Wort sind in Wahrheit keine Konkurrenten, weil sie sich auf unterschiedliche Kategorien des Lebens und Lesens beziehen. Das gedruckte Wort wird vom Internet so wenig verdrängt wie der Apfel von der Vitamintablette. Sein Vorteil liegt in seiner definitiven Präsenz. Das Flüchtige wird in den flüchtigen Medien ein Zuhause finden. Das Relevante aber wird immer nach der Gravitation des Gedruckten streben.

Sie verweigern sich also der multimedialen Verlinkung von Informationen, um die Welt übersichtlich zu lassen?

Nein, ich sehe nur die unterschiedlichen Funktionen. Man denke an die Kunst. Wie kann es sein, dass im Online-Zeitalter gemalte Ölbilder auf uralten Leinwänden eine solche Magie auf Menschen haben und Millionen kosten, wo es doch alles gepixelt, virtuell und überall billig gibt? Jedes Medium hat eben eine eigene Grundmechanik. Online-Medien funktionieren nach dem "Pull-Prinzip": Der Leser im Netz holt sich das, was er sucht. Das hat große Vorteile, aber auch einen erheblichen Nachteil: Er wird selten überrascht. Genau das schafft aber die Zeitung. Sie funktioniert nach dem "Push-Prinzip". Eine Redaktion bietet dem Leser Themen an, die er nicht auf dem Plan hatte, die spannend sein könnten, die seinen Horizont erweitern.

Das verwundert mich, denn die meisten Zeitungen sind nicht mehr überraschend. Man sieht überall die gleichen Titel: Familie, Lifestyle und Zeitgeist-Themen...

Da ist etwas dran. Viele Journalisten folgen Trends, starten Umfragen, evaluieren die Interessen ihrer Leser und vergessen, ihren Geschichten zu vertrauen. Aber dieser Trend betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Politiker sind auf Umfragen fixiert, Unternehmen auf die Marktforschung. Alle wollen sich auf einem Quadratzentimeter politisch korrekter Mitte treffen. So schwindet der Mut zu innovativen Gedanken und unbequemen Meinungen.

Ist das denn noch möglich? Kann man in einer Welt, in der alle Informationen zugänglich sind, überhaupt noch Themen setzen?

Aber ja doch. Nehmen Sie den Fall Sarrazin. Da tritt ein hölzerner Sozialdemokrat auf und schreibt ein Buch voll unbequemer Meinungen über Integrationsprobleme in Deutschland. Die politische Klasse versucht, ihn mundtot zu machen. Doch sein Buch, man bedenke, etwas Gedrucktes, wird zum Millionenseller und verändert die Republik.

Für mich ist der letzte Zeitschriften-Titel, der ein Skandal war, der "Stern" mit der Überschrift: "Ich habe abgetrieben" - und das war 1971! Was war ihr letzter, großer Titel?

Als wir den deutschen Präsidenten, Christian Wulff, als Türken abgebildet haben. Das Titelbild funktionierte wie eine Karikatur, die häufig nachgedruckt wurde. Das hat für große Aufregung gesorgt und darüber hinaus eine Debatte ausgelöst. Ganz nebenbei war es auch noch ein gut verkaufter Titel.

Verleger leiten anders als Chefredakteure inzwischen Unternehmen, die immer weniger Geld mit Druckerzeugnissen verdienen, sie expandieren ins Fernsehen oder verkaufen im Netz CDs, Reisen und arbeiten mit Internet-Anbietern zusammen. Viele Verlagshäuser sind längst Sammelsurienläden geworden.

Das ist ja erst einmal nichts Schlimmes. Es ist klug, wenn Verlage neue Geschäftsfelder entdecken. Schlecht würde das erst, wenn ein Verleger vergisst, dass der Journalismus sein Kerngeschäft ist. Sehen Sie sich den englischen "Economist" an, der in den letzten zehn Jahren ständig gewachsen ist. Warum? Weil er auf journalistische Qualität gesetzt hat. Darum habe ich zwischen "Focus" und dem "Economist" eine strategische Allianz begründet, aus der viele Geschäfte erwachsen können.

Wenn die Zeitung zum Weltdeuter wird, ist es dann wichtig, sich politisch zu positionieren? Das tun sie auf jeden Fall im "Focus", der durchaus konservative Positionen vertritt.

Deutschland hat zwei große Nachrichtenmagazine: den "Spiegel" und den "Focus". Der eine ist eher links-liberal, der andere eher bürgerlich. Wenn der "Spiegel" nach links rückt, dann wird für uns der Platz in der Mitte größer. Ich halte es für wichtig, dass Zeitschriften erkennbar positioniert sind. Sie dürfen nicht beliebig werden. Sie müssen eine Haltung entwickeln.

Gleichzeitig werden sie zum Autorenmagazin. Sie laden Politiker zu Essays ein - wo bleibt da die von Ihnen geforderte journalistische Ordnung?

Das ist kein Widerspruch. Wir öffnen "Focus" für neue Stimmen, kluge Denker und Autoren, die etwas zu sagen haben. Sie schreiben auf unseren frisch eingeführten Debattenseiten. In den USA und England ist so ein Autorenjournalismus gang und gäbe, er kommt zusehends auch nach Europa. Unterschiedliche Meinungen und Perspektiven sehe ich als Bereicherung an.

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