Interview zur Jazzahead

„Es kann ein Mehr an Publikum bedeuten“

Vom 29. April bis zum 2. Mai findet in diesem Jahr die Jazzahead statt. Vieles wird digital ablaufen, doch das Organisationsteam um Sybille Kornitschky plant auch Konzerte in der ÖVB-Arena.
03.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Es kann ein Mehr an Publikum bedeuten“
Von Iris Hetscher
„Es kann ein Mehr an Publikum bedeuten“

Sybille Kornitschky will die digitalen Projekte, die das Team der Jazzahead seit dem vergangenen Jahr entwickelt hat, fortführen.

Frank Thomas Koch

Frau Kornitschky, die Jazzahead 2020 mussten Sie absagen. Die Ausgabe 2021 soll stattfinden, und zwar vom 29. April bis zum 2. Mai. Wie wollen Sie das hinbekommen?

Sybille Kornitschky: Die Fachmesse wird über eine digitale Plattform stattfinden, das haben wir bereits im November beschlossen. So wird es uns möglich, eine Jazzahead, wie man sie kennt, komplett ins Netz zu verlegen, mit einzeln gestalteten digitalen Ausstellungsräumen und umfangreichen Teilnehmerprofilen. Sogenannte Hangouts für Teilnehmer wird es geben, das sind virtuelle Räume, in denen man sich einfach mal treiben lassen kann, auch ohne festen Termin. So, als wenn man sich zufällig an der Bar oder im Restaurant begegnen würde. Die Kernaufgabe der Messe, das Netzwerken, wird zudem länger stattfinden können als bisher, weil wir die Plattform bis in den Sommer hinein aktiv geschaltet lassen.

Für die Fachteilnehmer ist das dann ja sogar eine Verbesserung, oder?

So ist es, und das ist tatsächlich die Lehre aus dem, was im vergangenen Jahr passiert ist. Eigentlich arbeiten wir von Jazzahead zu Jazzahead, dazwischen liegt ein Jahr. Als wir die Messe und das Festival 2020 im März abgesagt haben, haben wir entschieden, wir ändern etwas. Seit dem Sommer gibt es ein fortlaufendes Online-Programm, das sich in erster Linie an unsere Fachteilnehmer richtet, aber nicht nur. Es gibt außerdem Formate wie einen Blog und Podcasts mit spannenden Einblicken.

Der berühmte digitale Schub durch die Pandemie hat auch die Jazzahead erreicht?

Natürlich braucht Musik auf einer Bühne ein unmittelbar beteiligtes Publikum vor Ort. Das kann man sicherlich nicht ersetzen, und dahin wollen wir auch auf jeden Fall zurück. Aber die digitalen Formate, die wir, abgesehen vom Streaming, entwickelt haben, wollen wir unbedingt beibehalten. Denn die Zukunft wird sehr viel hybrider sein, als wir das je gedacht hätten.

Könnte die Jazzahead als größte Jazz-Fachmesse der Welt dadurch noch mehr Menschen erreichen als vorher?

Es kann für uns ein Mehr an Publikum bedeuten, wie ja auch Live-Konzerte, die man zusätzlich streamt, ein Mehr an Zuhörern bedeuten. Ich bin überzeugt davon, dass zukünftig durch unser digitales Angebot genauso viele Teilnehmer nach Bremen kommen wie bisher, zusätzlich aber weiteren Interessierten eine Teilhabe ermöglicht wird.

Wenn Sie gleichzeitig darauf setzen, Inhalte und Konzerte lange nach dem eigentlichen Messetermin auf Ihrer digitalen Plattform anzubieten, heißt das, die Jazzahead ist zu einer Ganz-Jahres-Veranstaltung geworden?

Könnte man sagen. Jetzt müssen wir schauen, wie viel Luft wir nach der Veranstaltung Ende April haben, ob uns das auch in der Breite gelingt. Wir sind ja ein kleines Team; und wir haben dieses Mal vieles einfach ein Jahr weiter schieben können, das Showcase-Programm beispielsweise, das nicht durch Jurys ausgewählt werden musste. Das hat Kapazitäten frei gesetzt.

Apropos Showcase-Programm, sprich: Konzerte. Die planen Sie mit Publikum?

Wir sind natürlich von der Entwicklung der Pandemie abhängig. Aber Stand jetzt kann ich sagen: Wir haben die Showcase-Konzerte hybrid geplant. Das heißt: Ein großer Teil der Bands könnte in Bremen auftreten und zwar in der ÖVB-Arena, natürlich mit einer ausgefeilten Test-Strategie und einem Hygienekonzept, beides werden wir je nach Lage der Dinge anpassen.

Die ÖVB-Arena ist keine wirklich klassische Location für Jazz-Konzerte.

Klar, aber unter Pandemie-Bedingungen eignet sie sich hervorragend. Wir sind die Ersten, die in dieses große Streaming-Studio gehen. Trotzdem ändert sich die Anzahl der Bands jeden Tag, natürlich wegen der Lage hier vor Ort, aber es kommt auch darauf an, ob sie aufgrund der Bestimmungen anderer Staaten einreisen dürfen. Und: Ob sie selbst das Risiko eingehen wollen. Von daher werden wir mit den Bands, die nicht anreisen können, auf sie zugeschnittene B-Pläne erarbeiten. Das kann beispielsweise eine Produktion exklusiv für die Jazzahead in den Herkunftsländern der Bands sein. Mit Musikern aus Brasilien oder Argentinien ist uns das schon gelungen.

Wie viele Zuschauer könnten in der ÖVB-Arena dabei sein?

Bis zu 1700 Zuhörerinnen und Zuhörer. Das ist eine Größenordnung, die wir ansonsten gar nicht erreichen würden. Das Test-Zentrum ist zudem gleich nebenan, da hätten wir optimale Bedingungen.

Und wenn die Lage sich so entwickelt, dass Sie kein Publikum zulassen dürfen?

Dann werden wir diese Showcase-Konzerte zunächst einmal nur für registriertes Publikum, also Messe-Fachpublikum, zugänglich machen. Das heißt: im Live-Stream der Fachmesse. Der breiten Öffentlichkeit werden wir die Konzerte zeitversetzt zeigen, so ab dem Frühsommer werden sie auf unserer Website abrufbar sein.

Verzichten müssen Sie dieses Jahr trotz aller Digital-Euphorie auf einiges. Auf die Clubnacht beispielsweise und auf das Partnerland, was ja auch Auswirkungen auf das Jazzahead-Festival hat.

Wir haben mit Kanada, das ja schon 2020 Partnerland gewesen wäre, vereinbaren können, dass die enormen Gelder, die dafür ja locker gemacht werden, ins nächste Jahr übertragen werden. Das heißt, Kanada ist dann zunächst Gastland der Frankfurter Buchmesse und dann unser Partnerland, die geplante Reihenfolge kehrt sich dadurch um. Aber wir werden trotzdem nicht darauf verzichten, ein wenig zu feiern, dass es die 15. Jazzahead und das 10. Festival ist.

Was heißt das?

Es gibt ein kleineres, feines Programm, auch aus Kanada, im Rahmen unserer diesjährigen Kooperation mit dem International Jazz Day am 30. April. Im Festivalprogramm vor Ort werden wir dieses Jahr unter anderem eine Kooperation mit dem Filmfest Bremen beginnen; wir sind beim Super-8-Abend, der am 17. April im Theater Bremen stattfinden soll, dabei. Außerdem werden wir schon am 23. April das Festival eröffnen - und zwar im Sendesaal. Gefeiert werden soll der Jazz in Bremen und Bremen als Stadt, die mal Impulsgeberin für so viel Neues in Sachen Musik war.

Sie formulieren das in der Vergangenheitsform - warum?

Es gab hier mal viel Mut, etwas zu bewegen für die Musikszene, und es wäre doch schön, wenn Bremen wieder ein Standort wäre, von dem Aufbruchstimmung ausgeht. Das ist im Moment nicht immer der Fall. Wir möchten mit dem Abend deshalb an bessere Zeiten erinnern und hoffen gleichzeitig auf mehr Engagement der Stadt in der Zukunft.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Sybille Kornitschky

ist Projektleiterin der Jazzahead seit der ersten Messe im Jahr 2006. Sie wurde 1969 in Bremen geboren, hat Französisch und Anglistik/Amerikanistik studiert und in Frankreich, in Großbritannien, in Freiburg und Köln gearbeitet.

Info

Zur Sache

Jazzahead 2021 - das Festival

Das Festival der Jazzahead, die dieses Jahr unter Motto „Close together from afar“ stattfindet, fällt kleiner aus als sonst und wird komplett digital über Streaming stattfinden.

Am 23. April werden 15 Jahre Jazzhead und 10 Jahre Festival im Sendesaal gefeiert. Geplant sind Gespräche, Rückblicke und Anekdoten rund um das Thema Jazz in Bremen. Mit dabei ist zudem das Rebecca Trescher-Tentett, das Auszüge aus dem Album „The Spirit of the Streets“ spielen wird, das im Sendesaal aufgenommen wurde. Der Abend kann kostenlos über die Website der Jazzahead gestreamt werden-

Am 29. April heißt es „Jazzahead goes Club 100“; im Pier 2 spielt der junge deutsche Saxofonist Jabob Manz mit seiner Band.

Am 30. April wird die Band Tin Men and the Telephone ein Konzert aus Amsterdam über Zoom streamen, an dem das Publikum aktiv partizipieren kann. Außerdem kooperiert die Jazzahead mit dem International Jazz Day, der am 30. April stattfindet und auf eine Initiative des Pianisten Herbie Hancock zurückgeht. In mehr als 200 Staaten finden an diesem Tag Konzerte, Tagungen und Aktionen rund um den Jazz statt, die über die Website des Herbie-Hancock-Instituts gestreamt werden können.

Am 1. Mai gibt es im Metropol einen Abend unter dem Motto „Das Wort zum Piano“. Fünf Bremer Autorinnen und Autoren lesen, die Pianistin Johanna Summer ist für den musikalischen Part verantwortlich. Mit dabei: Slam-Poetin Eva Matz, Schriftstellerin Imke Müller-Hermann, Rezitator Rainer Iwersen und die Autoren Michael Augustin und Rolf „Karlchen“ Schmidt.

Zum Abschluss des diesjährigen Festivals spielt am 2. Mai das Jasmin Tabatabai & David Klein-Quartett auf der Bühne im Metropol-Theater.

Detaillierte Programminformationen gibt es auf der Website der Jazzahead ; der Vorverkauf ist gestartet. Tickets für die Veranstaltungen sind bei Nordwest-Ticket erhältlich.

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