Bremer Netzresidenz 2012

Echtzeit-Roman auf Facebook

Bremen. Ein Roman auf Facebook, eine Geschichte, die nach und nach per Statuseinträgen ein Ganzes ergibt. Das verbirgt sich hinter dem Projekt „Das Gegenteil von Henry Sy“, das über die Bremer Netzresidenz 2012 vom Literaturhaus gefördert wird.
23.09.2012, 18:38
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Yvonne Nadler
Echtzeit-Roman auf Facebook

Das Gegenteil von "Henry Sy" ist ein Facebook-Roman.

fr

Bremen. Ein Roman auf Facebook, eine Geschichte, die nach und nach per Statuseinträgen ein Ganzes ergibt. Das verbirgt sich hinter dem Projekt „Das Gegenteil von Henry Sy“, das über die Bremer Netzresidenz 2012 vom Literaturhaus gefördert wird.

„Ihr Gesicht, dachte ich, ihr Gesicht würde ich unter den Gesichtern aller Menschen wiedererkennen…“, so beginnt der Roman von Stefan Petermann. Oder besser gesagt die Geschichte um die Figur Henry Sy. Petermann erzählt sie auf Facebook. Die Worte sind Teil des ersten Eintrags in der Chronik. Die Statusmeldung ist datiert auf den 25. Juni 1995.

Petermann hat 2012 für sein Projekt das dreimonatige virtuelle Stipendium der Bremer Netzresidenz bekommen. Nun erzählt er die Biographie einer erfundenen Figur anhand von Einträgen in der Zeitleiste von Facebook.

In „Das Gegenteil von Henry Sy“ geht es um den gleichnamigen Protagonisten. Nach und nach können Facebook-User, nachdem sie die Seite als „Gefällt mir“ markiert haben, in die Sinneswelt dieses Mannes eintauchen. „Die Form ist von von Anfang an klar gewesen“ sagt der 33-jährige Autor.

„Ein Eintrag funktioniert dabei wie das Kapitel eines Romans.“ Das können kleine Beobachtungen sein, wichtige biographische Einschnitte, Tragödien, Komödien, Anekdoten. Aus den Einzelstücken fügt sich so ein komplexes, literarisches Bild von Henry Sy zusammen.

Petermann, der in Weimar lebt, hat bereits viele Preise gewonnen, darunter mit dem Publikumspreis und 3. Platz beim 14. MDR Literaturwettbewerb. Seine Erzählungen “nebenan” und “Der Zitronenfalter soll sein Maul halten” wurden verfilmt und auf internationalen Festivals aufgeführt. Das Facebook-Projekt ist eine völlig neue Schreiberfahrung für ihn. Kein Lektor, kein Korrektor, der noch einmal über die Zeilen liest. „Sobald die Kapitel auf Facebook veröffentlicht sind, kann ich sie nicht mehr ändern“, sagte der Autor. „Für jemanden wie mich, der normalerwiese über seine Texten brütet, daran feilt, Teile verwirft und ständig Abstand zum Geschriebenen gewinnen will, um sich dann wieder heranzusetzen, ist das fast ein Abenteuer.“

Vom Inhalt der Geschichte hat Petermann eine grobe Vorstellung. „Henry Sy ist ein Mann, der oft das Gegenteil von dem tut, was man erwartet“, sagt er. Genaue Details stehen jedoch noch nicht fest. Auf jeden Fall aber wird nicht chronologisch erzählt, sondern rückwärts, seitwärts, manchmal auch vorwärts, durcheinander, übereinander. "Deswegen sollte man möglichst früh in die Geschichte einsteigen", sagt Petermann. User können den Roman verfolgen, indem sie auf „Gefällt mir“ klicken.

„Ich habe mir das Ziel gesetzt, fünf Einträge pro Woche zu posten“, sagt Petermann. Verschiedene Ebenen sollen sich bilden und ineinander verschränken und so jeden Leser Henry Sys Leben anders wahrnehmen lassen. Und diese Wahrnehmungen können die User gern kundtun in Form von Kommentaren. Petermann freut sich schon auf Anregungen und Mutmaßungen der Leser wie es weitergehen könnte.

Projekte wie „Das Gegenteil von Henry Sy“ sind noch selten, dennoch gibt es schon weitere Beispiele. So hat die Autorin Silvia Hartmann am 12. September angefangen, einen Fantasyroman auf Google Docs zu schreiben. Leser können dort den Prozess des Schreibens live verfolgen und bekommen mit, wenn Passagen entstehen und gelöscht werden. Das Projekt trägt den Titel „The Naked Author“.

Das österreichische Projekt „Zwirbler" hat sich selbst zum ersten Facebook-Roman der Welt ernannt. Wie bei dem Stipendiaten der Bremer Netzresdenz ergibt sich auch hier aus Statusmeldungen eine Geschichte auf Facebook. Der Autor hat die User zudem aufgefordert, aktiv in die Geschichte einzugreifen.

Auch für „Das Gegenteil von Henry Sy“ können Facebook- Nutzer Tipps und Anregungen geben. Petermann möchte jedoch übergeordneter Autor bleiben. Das Projekt ist zunächst auf drei Monate angelegt. Was mit dem fertigen Projekt passiert, ob es gar irgendwann abgeschlossen wird, all das ist noch nicht wirklich festgelegt.

In der ersten Statusmeldung von „Das Gegenteil von Hery Sy“ geht es um Magda, den Verlust und die Suche nach ihr. Mehr erfährt der Leser vorerst nicht. Der nächste Eintrag ist ein „Meilenstein“, wie es ei Facebook heißt. Henry Sy ist am 9. Juni 1946 geboren, erfährt der Facebook-Nutzer. Mehr Informationen gibt es am ersten Tag nicht. Vielleicht geht die Geschichte am nächsten Tag weiter, vielleicht noch am selben Tag. Das ist bei einem Roman dieser Art nunmal völlig offen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+