HfK entwickelt besonderes Instrument

Ein Akkordeon für Kinder

An der Hochschule für Künste (HfK) wurde am Donnerstag ein besonderes Projekt vorgestellt: ein kindgerechtes Akkordeon. Das Instrument hatte die Hochschule im Auftrag eines Instrumentenherstellers entwickelt.
07.11.2019, 20:00
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Ein Akkordeon für Kinder
Von Kim Torster
Ein Akkordeon für Kinder

Bei der Vorstellung des Hohner XS an der Hochschule durften Besucher das kleine Akkordeon selbst ausprobieren.

Lukas Klose

Akkordeons, weiß Christian Dehn, sind normalerweise keine Instrumente für Kinder. Viel zu sperrig und zu schwer sind die großen Kästen für zarte Kinderkörper. Dehn ist Marketing-Director des Musikinstrumente-Herstellers Hohner im baden-württembergischen Trossingen, für den die Bremer Hochschule für Künste (HfK) ein ungewöhnliches Akkordeon entwickelt hat: eines für Kinder zwischen vier und sieben Jahren. Am Donnerstag wurde das Instrument an der Hochschule vorgestellt.

Den meisten Kindern, sagt Dehn, sei das Akkordeon unbekannt. Um das zu ändern, sei dem Unternehmen schnell klar geworden, dass es sich in diesem Bereich „grundsätzlich neu aufstellen“ müsse. Die Idee: ein Akkordeon, das auch von Kindern gespielt werden kann. „Eine große Herausforderung“, sagt Knut Hoyer, Leiter der Entwicklungsabteilung bei Hohner. Die Liste der Anforderungen sei lang gewesen. Das Instrument sollte nicht nur kindgerecht werden, sondern auch einen standesgemäßen Sound mitbringen. Gut aussehen sollte es sowieso.

Tests mit dem 3D-Drucker

Die Hochschule für Künste habe man schließlich beauftragt, weil man bei Hohner schnell merkte: Hier braucht es Know-how aus den unterschiedlichsten Bereichen. „Bei einem Akkordeon für Kinder geht es auch um ergonomische und pädagogische Entscheidungen“, sagt Hoyer.

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Zwei Jahre dauerte die Entwicklung des Hohner XS. So wurde das Akkordeon letztendlich getauft. An der HfK beschloss man früh, nicht bloß ein übliches Akkordeon im Miniaturformat zu bauen. Stattdessen wollte man das Instrument ganz neu denken. So habe man anfangs sogar darüber nachgedacht, bunte LED-Lämpchen in das Akkordeon zu integrieren, die passend zu den Tönen leuchten sollten, sagt Peter von Maydell, Professor im Fachbereich Kunst und Design und Mitglied des Entwicklungsteams des Hohner XS.

Zwar wurden diese Ideen wieder verworfen, dennoch ist das Kinder-Akkordeon ganz anders als die Modelle für Erwachsene. Das ist bereits auf den ersten Blick erkennbar: „Wir wollten weg vom großen schwarzen Kasten“, sagt von Maydell – und spielt dabei auf das Design des Kinder-Akkordeons an, das fast komplett aus Kunststoff besteht und das mit seiner matten dunkelblauen Hülle mit leuchtenden orangefarbenen Applikationen schon um einiges kindgerechter wirkt als die Modelle für Erwachsene.

Für Laien weniger leicht zu erkennen

Die echten Besonderheiten sind für Laien schon weniger leicht zu erkennen: Um herauszufinden, wie ein Akkordeon für Kinder unterschiedlicher Altersklassen am besten spielbar wird, hat das HfK-Team sogenannte Ergonomiemodelle von kleinen Akkordeons mit dem 3D-Drucker erstellt. Die wurden dann von Kindern verschiedener Körpergrößen getestet.

Schnell habe man so erkannt, dass die Bass-Knöpfe des Instruments für Kinder schwer zu erreichen sind, sagt von Maydell. Denn die sind üblicherweise an der Vorderseite des Akkordeons angebracht. Beim XS-Modell sind sie nun an die Seite des Instruments gewandert.

Und auch die Tasten haben eine neue Position: Sie stehen nicht wie sonst in einem 90-Grad-Winkel vom Instrument ab, sondern liegen schräg auf dem Instrument auf. Der Winkel wurde vergrößert, um die Handgelenke der Nachwuchsmusiker zu schonen. Erwachsene lösen dieses Problem, indem sie den ganzen Arm vom Körper abwinkeln. Kinder allerdings, das zeigten Versuche, knicken das Handgelenk beim Spielen ein. Nicht so beim XS-Akkordeon: Die neue Tastenposition macht das Einknicken überflüssig.

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Und noch etwas hat sich das HfK-Team einfallen lassen, um das Handgelenk zu entlasten: Die Tests hätten gezeigt, dass es besser sei, wenn das Instrument nicht ganz am Körper anliege, sagt von Maydell. Das Kindermodell habe deshalb einen integrierten gepolsterten Abstandhalter, der zugleich als Einklink-Mechanismus für das spezielle Trägergeschirr dient. Letzteres wiederum soll helfen, das Gewicht des 2,9 Kilogramm schweren Instruments bestmöglich auf den kleinen Kinderkörper zu verteilen. Das Kind kann es dabei einfach wie einen Rucksack anziehen. Etwa auf Bauchhöhe wird dann das Akkordeon dann eingeklinkt.

Mini-Akkordeon als Versuch, dem Akkordeon zu neuer Beliebtheit zu verhelfen

Für den Instrumenten-Hersteller Hohner ist das Mini-Akkordeon der Versuch, dem Akkordeon zu neuer Beliebtheit zu verhelfen. In den vergangenen Jahren habe das Interesse an dem Instrument allgemein nachgelassen, sagt Marketingdirektor Dehn. Die Idee ist, dass das Hohner XS fortan von Musikschulen und Kindergärten zur frühkindlichen Musikerziehung genutzt wird. Dabei gehe es nicht zwangsläufig darum, dass die Kinder tatsächlich lernen, das Akkordeon zu spielen – vielmehr wolle man überhaupt erst einmal die Chance bieten, sich daran auszuprobieren. Im besten Falle entstehe so eine frühe emotionale Bindung zu dem Instrument, sagt Dehn.

Seit September ist das Akkordeon im Handel erhältlich. Seitdem habe es viele positive Rückmeldungen gegeben, sagt Dehn – „vor allem darauf, dass es wirklich kindgerecht ist“. Mit der Zusammenarbeit mit der Bremer Hochschule sei das Unternehmen sehr zufrieden. Und auch die HfK ist glücklich über die Kooperation. Das lange und produktive Arbeiten an einem Projekt sei eine tolle Erfahrung, sagt Rektor Roland Lambrette. „Etwas zum Ernst des Lebens beizutragen, ist für uns eine wertvolle Chance.“

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