Bremer Schallplatten-Label

Ein bisschen Rebellion seit 25 Jahren

1993 hat Matthias Henk das Label Jump-Up-Records in Bremen gegründet. Von Folksongs über Lieder der Arbeiterbewegung bis zu Punk ist ein großes Repertoire zusammengekommen.
13.07.2018, 16:58
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Ein bisschen Rebellion seit 25 Jahren
Von Alexandra Knief
Ein bisschen Rebellion seit 25 Jahren

Musik ist seine Passion: Matthias Henk betreibt seit 25 Jahren das kleine Bremer Label "Jump Up"

Christina Kuhaupt

Wann alles anfing? „1972“, sagt Matthias Henk wie aus der Pistole geschossen. Da sei er bei einem Konzert von Rio Reiser und Ton Steine Scherben bei einer Hausbesetzung auf den Häfen gewesen. Das war der Startschuss für ein paar rebellische Jahre, in denen Henk sich auf Demos und Protestaktionen herumtrieb, vor allem aber eines: mit der linken deutschen Musikszene in Berührung kam. Rund 20 Jahre später machte er es sich selbst zur Aufgabe, diese Art von Musik sowie nach und nach auch viele internationale Titel zu vertreiben, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. „Nach der Wiedervereinigung verschwand die linke Kultur ein wenig in den Hintergrund und damit auch viel Liedgut dieser Strömung“, sagt er.

„Jump Up“ heißt Matthias Henks kleiner Bremer Schallplattenversand. Von Folksongs über Titel, die unter den Begriff Arbeiterlieder fallen, bis hin zu Soul, Rock, Ska und Punk; von alt bis brandneu – mittlerweile ist das Repertoire von Henks Musikangebot groß. Aber es handelt sich eben um Nischenmusik, die man als Liebhaber bei den Großhändlern in der Regel nicht bekommt, die aber gewichtige politische Botschaften vermittelt und hier und da ein wenig aufmüpfig ist. Eines haben sie alle gemeinsam, so heißt es auf der Webseite. Nämlich, dass sie „für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung“ stehen, und diese vielleicht sogar musikalisch ein Stück weit verändern wollen.

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Neben Schallplatten vertreibt der Musikliebhaber unter anderem auch CDs, Bücher, DVDs, T-Shirts und mehr. Etwa 5000 Artikel bietet Henk über seine Internetseite an. Vieles bestellt er auf Anfrage bei den rund 50 nationalen und internationalen Labels, deren Produkte er anbietet, darunter unter anderem „Smithsonian Folkways“ aus den USA, „Mescal“ aus Italien oder „Indigo“ aus Deutschland. Künstler wie Talco, Irie Révoltés oder Strom & Wasser zählen aktuell zu seinen Verkaufsschlagern, genauso wie Titel des New Yorker Labels „Soul Jazz Records“ oder die französische Alternative-CD-Reihe „LeTour“.

Eine kleine Auswahl an Künstlern hat Henk aber auch immer auf Lager, so um die 250, schätzt er. Weil in seiner Wohnung irgendwann kein Platz mehr für sein stetig wachsendes musikalisches Hobby war, hat er sich ein kleines Büro angemietet, in dem er seine Ware lagert und verpackt, Kataloge wälzt und seine Webseite aktuell hält. Etwa 20 bis 40 neue Artikel nimmt er jeden Monat in sein Online-Angebot auf. „Dabei gibt es bei den Labels jeden Monate hunderte von Neuveröffentlichungen, da ist es gar nicht so einfach, sich zu entscheiden“, so Henk. Mehr sei aber nicht drin, da er „Jump Up“ nur mit der Hilfe seines Freundes betreibt und keine weiteren Helfer hat, die ihm unter die Arme greifen.

"Ich biete eine super Beratung"

Bis vergangenes Jahr war er noch viel auf Messen und Festivals unterwegs und verkaufte CDs und Platten an Ständen. Aus gesundheitlichen Gründen sei es ihm aktuell aber leider nicht mehr möglich, lange Festivals und Messen zu besuchen, sagt er. Nur noch hin und wieder habe er einen Stand bei kleineren Tagesevents. Sein besondere Service: „Alles, was ich da verkaufe, habe ich selber und kenne es gut. Ich biete eine super Beratung“, sagt Henk und lacht. Etwa 6000 bis 7000 Schallplatten und diverse CDs hat er in seiner privaten Sammlung. „Ich höre eigentlich alles außer Techno, Free Jazz und Hardcore, da komm ich nicht mit klar“, sagt er. Radio oder Platte – eines von beidem laufe bei ihm eigentlich den ganzen Tag über. Nur ganz selten mal, vor allem früher nach längeren Festivalreisen, habe er von der Musik die Nase voll und brauche ein paar Tage Ruhe.

Seit etwas mehr als 15 Jahren produziert Henk in Kooperation mit Künstlern auch selbst CDs. 39 sind es mittlerweile, und zwei davon wurden sogar mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Sein neuester – und wirklich hörenswerter – Streich, „A Tribute to Punk“ ist zusammen mit dem Musikkollektiv Lucha Amada entstanden und wird am 3. August als Doppel-CD und als Doppel-LP veröffentlicht. 25 internationale Bands aus den Bereichen Ska, Cumbia, Reggae, Dub und Mestizo covern hier ihre eigenen Lieblingssongs aus dem Punkgenre, darunter Titel von The Clash, Dead Kennedys, The Stooges, den Ramones oder Motörhead.

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Leben kann Henk von alledem nicht. Hauptberuflich hat er lange Zeit im Krankenhaus gearbeitet, bis er vor einigen Jahren in Rente gegangen ist. In der Regel deckten die Einnahmen aus dem Verkauf in etwa die Kosten für Miete, Strom und alles, was sonst noch an Kosten für sein kleines Büro anfällt. Manchmal, so Henk, müsse er sogar noch ein bisschen was von seiner Rente in sein Label investieren.

„Dadurch, dass man heute alles im Internet streamen kann, geht die ganze CD- und Plattenkultur mit ihren schön gestalteten Covern und Booklets flöten“, sagt Henk. Darum ist es ihm auch egal, dass er selbst mit seinem Einsatz nicht wirklich viel verdient, seine Arbeit bei „Jump Up“ sei eher Berufung als Beruf. „Wenn es keiner mehr macht, geht die Kultur komplett baden“, sagt er. Und das wäre doch wirklich schade.

Weitere Informationen

A Tribute to Punk. Label: Jump Up Productions. Ab 3. August. Mehr unter www.jumpup.de

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