Neue Ausstellung in Bremer Kunsthalle Ein Blick auf den Weltkrieg

Mit ihrer neuen Ausstellung will die Bremer Kunsthalle "einen überraschenden Blick auf den Ersten Weltkrieg werfen". Und in der Tat ist die erste Einzelausstellung der Amerikanerin Mary Reid Kelley in Europa ungewöhnlich.
10.09.2016, 00:00
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Ein Blick auf den Weltkrieg
Von Uwe Dammann

Mit ihrer neuen Ausstellung will die Bremer Kunsthalle "einen überraschenden Blick auf den Ersten Weltkrieg werfen". Und in der Tat ist die erste Einzelausstellung der Amerikanerin Mary Reid Kelley in Europa ungewöhnlich.

In der einen Ecke stehen nachgemachte Pickelhauben aus Kunststoff, dort hängen die Portraits großer Denker wie Homer, Nietzsche oder Shakespeare. Allesamt sind Requisiten aus den Filmen der Amerikanerin Mary Reid Kelley, die sich in ihren Videos mit Comic-ähnlichen Bildern und verspielten Reimen auf eher tragisch-komische Weise mit dem Grauen des Ersten Weltkriegs befasst. Die Figuren in Kelleys Filmen tragen zwar Soldatenuniformen, einschließlich der markanten Gürtelschnalle und der Aufschrift „Gott mit uns“, ihre Gesichter sind aber, genau wie von den Frauen, mit schablonenhaften Augen und Kopfbedeckungen stark verfremdet.

Dazu deklamieren die Figuren auf Englisch Reime und Wortspiele, die den Ausdruck auf Dinge richten, die hinter dem offen Sichtbaren liegen. „Wir werfen mit dieser Ausstellung einen überraschenden Blick auf den Ersten Weltkrieg“, sagte Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg zur Eröffnung. Und in der Tat ist die erste Einzelausstellung der Amerikanerin in Europa ungewöhnlich.

Filme befassen sich mit politischen Umbrüchen

Mary Reid Kelley schafft gemeinsam mit ihrem Partner Patrick Kelley, der ebenfalls bei der Ausstellungseröffnung zugegen war, Performances, Zeichnungen und Skulpturen, die sie durch die Videos, Zeichnungen, Fotografie zu einer Art Gesamtkunstwerk zusammenfügt. Dabei richtet sie ihren Blick schwerpunktmäßig auf die Lebenswirklichkeit von Frauen in politischen Umbruchsituationen wie beispielsweise der französischen Revolution oder in diesem Fall dem Ersten Weltkrieg. In ihrem Film „The Queen‘s English“ spielt Mary Reid Kelley eine Krankenschwester an der Westfront, die sich um die kranken, amputierten und sterbenden Soldaten kümmert.

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In romantisierter Sprache verbalisiert sie die grausamsten Realitäten des Krieges und verliebt sich in einen sterbenden Soldaten, der in ihrer Obhut ist. Die Krankenschwester steht für den Inbegriff der sich aufopfernden Frau, die heroische Arbeit verrichtet, und trotzdem den Männern und ihrem Land unterwürfig dient.

Deutscher Soldat im Porträt

In dem Film „You make me liad“ portraitiert Kelley einen deutschen Soldaten, der im besetzten Belgien stationiert ist und sich auf das Schreiben zurückgezogen hat. In seiner mit den Bildnissen von Geistesgrößen aller Epochen geschmückten Kammer verfasst er ein episches Meisterwerk, dem nur noch die Stimme einer Frau fehlt. Diese findet er in einer belgischen Prostituierten, die seiner literarischen Euphorie ihre entwürdigte und erniedrigende Existenz entgegenhält.

Gefilmt hat Mary Reid Kelley ihre Videos teilweise in der Stop-motion-Animation, die, gepaart mit den ausgefeilten und anspielungsreichen Gedichten, dem Ganzen eine übersteigerte Künstlichkeit in Sprache und Bild verleiht, die aber wiederum ihre eigene Ästhetik hat. Ergänzt wird die Kelley-Ausstellung, die von Eva Fischer-Hausdorf kuratiert wird, von einer sehenswerten Bilderschau im benachbarten Kupferstichkabinett.

Hier hat die Amerikanerin Kelley selbst aus dem umfangreichen Bestand des Kupferstichkabinetts aus 200 vorgeschlagenen Arbeiten, 60 Zeichnungen, Grafiken und Holzschnitte zum Themenkreis des Ersten Weltkriegs ausgewählt. Diese Auswahl mit Arbeiten von Künstlern wie Max Beckmann, Ernst Barlach, Otto Dix, Adolf Uzarski und Käthe Kollwitz zum Ersten Weltkrieg zeigen zum einem über welche künstlerischen Schätze die Kunsthalle in ihrem Bestand verfügt, und tritt obendrein treffend mit der zeitgenössischen Kunst der Amerikanerin in Dialog.

Am diesem Sonnabend, 17 Uhr, gibt es ein Künstlergespräch mit Mary Reid Kelley in der Kunsthalle. Die Ausstellung ist bis zum 15. Januar 2017 zu sehen.
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