NSU-Stück am Theater Bremen

Ein deutsches Requiem

Letzte Schauspielpremiere für diese Spielzeit: Marco Štorman inszeniert am Kleinen Haus Elfriede Jelineks Texttrumm „Das schweigende Mädchen“. Unbequem soll diese Produktion in vielerlei Hinsicht sein.
15.06.2019, 15:49
Lesedauer: 3 Min
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Ein deutsches Requiem
Von Hendrik Werner

Die unbequeme Dramatikerin Elfriede Jelinek hat 2014 ein unbequemes Stück über den NSU-Prozess vorgelegt, der ein Jahr zuvor begonnen hatte – und im Juli 2018 mit der Verurteilung Beate Zschäpes zu lebenslanger Haft endete. Jetzt ist dieser dramatische Schnellschuss, den Johan Simons reduziert, konzertant und bilderfrei in München zur Uraufführung brachte, im Kleinen Haus als letzte Schauspielproduktion dieser Spielzeit zur Premiere gekommen.

Weil Regisseur Marco Štorman das Publikum das Unbequeme der literarischen Vorlage spüren lassen möchte, um das Unsägliche der Ermittlungen zu betonen, tun er und Bühnenbildnerin Jil Bertermann viel dafür, es den Gästen während der gut 100-minütigen Aufführung so ungemütlich wie möglich zu machen, auf dass ihnen unbehaglich zu Mute werde. Harter Stoff, harte Sitze, die die arg enge Spielfläche zu drei Seiten säumen. Schrille Thesen, grelle Scheinwerfer, die den Kameras zuarbeiten, mit denen Lio und Cantufan Klose intensive Interaktionen zwischen Akteuren und Zuschauern stiften.

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Das Kollektiv ist zur nachträglichen Prozessbeobachtung verurteilt, und wer Elfriede Jelineks strapaziöse Textflächenbombardements kennt, ahnt frühzeitig, dass auch das Jüngste Gericht nie weit ist in diesem musikalisch von Thomas Seher an den Tasten und auch stimmlich stimmig unterfütterten Mixtape aus ironisch grundierten Kalauern und suggestiven Assoziationen, Opfer-Hagiografien und Täter-Stilisierungen. Folglich hagelt es in dem manisch modellierten Textturmtrumm religiöse Anspielungen, heimatkundliche Exerzitien, nie genesenes deutsches Wesen – und nationalsozialistische Exorzismen. Bis zur Verphrasung sozusagen.

Knalleffektive Zutaten

Szenisch vervielfacht Štormans Produktion den Überfrachtungsanspruch des Textes durch Theaterdonner, Budenzauber und weitere knalleffektive Zutaten, die bisweilen so wirken wie eine Hommage an das inszenatorische Frühwerk des just gekürten Intendanten der Berliner Volksbühne, René Pollesch. Durchaus geistreich und schlüssig ins Bild gesetzt, aber durch den Dauerbeschuss mit Regie-Einfällen kaum prompt zu verarbeiten.

Unter anderem zetteln Karin Enzler, Stephanie Schadeweg, Irene Kleinschmidt, Nadine Geyersbach und Siegfried W. Maschek – alle agil & animierend aufgelegt – eine böse Märchenstunde an, führen Kasperletheater zwischen Dialekt und Dialektik vor – und dingen das Publikum zu Verdunkelungsspielen mit Masken, deren ausgestanzte Augen an, nun ja, Uwe Mundlos und die beharrlich Auskünfte verweigernde Titelfigur des Stückes denken lassen, ein schweigendes Mädchen namens Beate Zschäpe. Um sie, eine probate Projektionsfigur nicht nur der Medien und der rechten Szene, dreht sich dieser Wort-Gewalt-Zirkus, dessen unheimliche Effizienz darin besteht, dass die vermeintliche Protagonistin die Szene nicht betritt, sondern als beredte Leerstelle für Beklemmung sorgt.

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Was die Proportionalität von Jelineks Sprachkaskaden zu weiteren Formen der Bühnenartikulation betrifft, wäre – Achtung, Allgemeinplatz! – weniger mehr gewesen. Die auf Überladung setzende Inszenierung bringt sich bisweilen um Nachhaltigkeit und Nahbarkeit, indem sie mit Simultanverrichtungen und Überschreibungen arbeitet, die zu Verwischungen führen. So wird eine von Stephanie Schadeweg liegenderweise und virtuos vorgetragene Brandrede durch die gleichzeitige Konstruktion des NSU-Wohnmobils aus verwegen geformten Leuchten, darunter ein Revolver, teils zersiedelt, teils überformt, um nicht zu sagen: gestört.

Gewiss: Derlei ist planvoll arrangiert, um Desinformationsexzesse und sonstige Irreführungen der Behörden zu markieren, die den NSU-Komplex auszeichnen. Und doch: Der Eindruck der Zerfaserung, der sich wegen des Ballungsfurors sporadisch einstellt, ist insofern bedauerlich, als der programmatische Überforderungsanspruch, durch den Štormans Inszenierung die Schikanen von Jelineks Textungetüm potenziert, zulasten der emotionalen Wirkung geht. "Das schweigende Mädchen", diese Dekonstruktionsübung für Fortgeschrittene, berührt weniger als eine weitere Bremer Produktion zum Rechtsterrorismus-Komplex: Nurkan Erpulats schlüssige Inszenierung von Armin Petras' Stückfassung des Fatih-Akin-Films "Aus dem Nichts“.

Vor dem zustimmenden Schlussapplaus gibt es eine wohltuend ruhige Prozession, davor ein sättigendes Solo von Matthieu Svetchine mit Eiern, Gürkchen, Kartoffeln, Mayo, Täter-Apologie. Nach der Vorstellung sollen die als Fächer geeigneten Masken laut Aufdruck zurückgegeben werden. Ordnung muss sein; der Gerichtsstand ist in Deutschland.

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Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

19., 21. und 27. Juni, 20 Uhr; 30. Juni, 18.30 Uhr sowie 3. Juli, 20 Uhr.

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