Hakon Kornstad ist im Sendesaal mal Jazz-Saxofonist, mal Opernsänger – und beides brillant

Ein ganz besonderer Perlenfischer

Bremen. Der Sendesaal war nahezu ausverkauft, denn es galt etwas höchst Originelles zu bestaunen: einen arrivierten Jazzmusiker, der sich zum Opernsänger gewandelt hat. Von besonderer Brisanz ist, dass er dazu nicht einmal die Tonlage wechseln musste.
15.11.2016, 00:00
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Von Christian Emigholz
Ein ganz besonderer Perlenfischer

Wenn er das Saxofon weglegt, schweigt Hakon Kornstad deshalb noch lange nicht: Der Norweger singt auch Arien.

Erik Buraas / STUDIO B13 und fr, FR

Bremen. Der Sendesaal war nahezu ausverkauft, denn es galt etwas höchst Originelles zu bestaunen: einen arrivierten Jazzmusiker, der sich zum Opernsänger gewandelt hat. Von besonderer Brisanz ist, dass er dazu nicht einmal die Tonlage wechseln musste. Hakon Kornstad hat am renommierten norwegischen Konservatorium von Trondheim Tenorsaxofon studiert, bevor er sich – schon im reiferen Alter – für ein klassisches Gesangsstudium als Tenor entschied. Wie lassen sich diese beiden unterschiedlichen musikalischen Wege miteinander verbinden?

Im Rahmen der diesjährigen Jazzahead Clubnight hatte Kornstad einen ersten Einblick in die Möglichkeiten gegeben. Jetzt war er erneut mit seinem Ensemble, das den programmatischen Titel „Tenor Battle“ trägt, zu Gast. Der Name ist mit voller Ironie gewählt worden, bezeichnete in den frühen Jahren des Jazz ein „Tenor Battle“ doch den Kampf zweier Saxofonisten um die größere Virtuosität. Hakon Kornstad dagegen „kämpft“ nun gegen sich selbst: Tenorstimme gegen Tenorsaxofon, und, wenn man so will, Klassik gegen Jazz, denn beides findet sich gleichberechtigt im Programm. Entsprechend eigenwillig ist sein Ensemble mit Lars Henrik Johansen (Barock-Cembalo, Celesta, Hackbrett), Frode Haltli (Akkordeon), Per Zanussi (Kontrabass) und Øyvind Skarbø (Schlagzeug) besetzt, das rein akustisch auftrat, was einen höchst sensiblen Umgang mit Lautstärkenabstufungen erforderte.

Im Tutti aller Instrumente hatte vor allen Dingen das Cembalo Mühe sich gegen den satten Klang des Tenorsaxofons durchzusetzen, aber insgesamt agierten alle Musiker über die Maßen feinfühlig. Die Liebe von Jazzmusikern zur Klassik ist nicht ganz neu. Erinnert sei nur an Benny Goodman und seine Einspielung von Mozarts Klarinettenkonzert, und mit der Oper im Jazzgewand hat sich der Brite Mike Westbrook schon vor über fünfundzwanzig Jahren mit seinem „Westbrook-Rossini“-Projekt befasst.

Bei Hakon Kornstad aber bekommt es eine eigene Note, da er im raschen Wechsel mal den Jazzmusiker, mal den Opernsänger in sich verkörpert. Der Abend begann verspielt und fröhlich mit dem neapolitanischen Lied „Marechiare“, das nach einer Einleitung, die mit freien Jazzpassagen gespickt war, in die durchaus ariose Liedform wechselte, bei der die klare Stimme Kornstads, mit der er zu gestalten weiß, bewundert werden konnte. Noch strahlender klang er bei einer Arie aus Leoncavallos Oper „Der Bajazzo“ und der Arie des Nadir aus Bizet „Die Perlenfischer“, bei der die lyrischen Qualitäten in seiner Stimme hörbar wurden. Gewitzt führten der Sänger/Saxofonist und seine Begleiter immer wieder auf falsche Fährten: Eine barock klingende Cembalo-Einleitung wurde allmählich zu Verdis „Ein Maskenball“ und aus Rimsky-Korsakows „Song of India“, bei dem das Akkordeon Indien herbeisehnte und wie eine Shruti-Box klang, schälte sich ganz allmählich eine Arie aus Puccinis „Manon Lescaut“ heraus. Für die Zugaben hatte sich das Quintett eine Kombination des schwedischen Volkslieds „Ak Värmeland du sköna“ mit dem heiteren „Morgen“ (aus 4 Lieder op. 27) von Richard Strauss aufgehoben. Weitere Forderungen besänftigte Kornstad mit einem fulminanten Saxofonsolo. Ein erstaunliches Konzert.

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