„Liebestrank“-Premiere im Theater Bremen

Ein großer Glücksgriff

Statt der Tango-Oper von Astor Piazzolla gab es am Samstagabend komisches Belcanto von Gaetano Donizetti – der „Liebestrank“, inszeniert von Michael Talke. Das Stück überzeugte.
30.11.2014, 16:00
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Ein großer Glücksgriff
Von Iris Hetscher
Ein großer Glücksgriff

Jetzt regt euch ’mal ab, Jungs: Adina (Marysol Schalit) zwischen dem Liebestrank-gestärkten Nemorino (Luis Olivares Sandoval, rechts) und Belcore (Gustavo Feulien).

Jörg Landsberg

Eigentlich war für den 29. November die Premiere von „Maria de Buenos Aires“ vorgesehen, dann musste das Theater Bremen umdisponieren: Regisseur Andreas Kriegenburg sagte wegen gesundheitlicher Probleme ab. Statt der Tango-Oper von Astor Piazzolla gab es am Samstagabend komisches Belcanto von Gaetano Donizetti – der „Liebestrank“, inszeniert von Michael Talke, erwies sich als großer Glücksgriff.

Niemals war mehr Lametta. Ein leichter Hauch hält die drei komplett mit silbernen Metallfäden behängten Bühnenwände in leichter Bewegung, mal spiegelt sich ein goldener, mal ein pinkfarbener Schein in ihnen. Schein, also Vortäuschung, macht eine Show aus – und genau das ist auch das Motto, das Regisseur Michael Talke seiner Inszenierung von Gaetano Donizettis komischer Belcanto-Oper „Der Liebestrank (L’ Elisir d’amore)“ gegeben hat. Er hat die Geschichte, 1832 uraufgeführt und an sich schon ein sehr munteres Stück Musiktheater, dafür in das professionelle Milieu der Illusion verlegt und zudem kräftig auf die Farbtube gedrückt – alles ist hier maximal theatral.

Detailreiches Zitat-Feuerwerk

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Aus der reichen Pächterin Adina ist ein kapriziöses Showgirl geworden, ihr Verehrer, der arme Bauer Nemorino, steht als ungelenker Stubenhocker mit Fliege und Weste oft außerhalb der Szenerie herum. Sein Nebenbuhler, der Soldat Belcore, springt dagegen in einem schwarz-silbernen Superman-Kostüm mitten auf die Bühne, ein Testosteron-Hanswurst mit Pomade im Haar. Die zweite Buffo-Rolle ist ähnlich extrem angelegt: Der fliegende Händler Dulcamara, der dem leichtgläubigen Nemorino statt des erhofften Liebestranks eine Flasche Bordeaux andreht, könnte glatt einem Fellinifilm entsprungen sein. Talke brennt ein detailreiches Zitat-Feuerwerk der Theater- und Kinogeschichte ab, mischt angeschmuddeltes Varieté mit Kintopp und gibt noch eine Prise Rummelplatz hinzu: Statt Glamour regiert hier Talmi, deshalb sieht der Notar auch aus wie Liberace.

Und die Liebe, nun ja, sie ist hier so überwältigend und echt wie die braunen Papp-Herzen, die in Momenten größter Gefühlsausbrüche über die Bühne getragen werden. Das ist von Beginn an ein großer Spaß, der zudem von tadellosen darstellerischen und musikalischen Leistungen des kompletten Ensembles geadelt wird, das ständig in Bewegung ist, immer von einer großen Geste zu nächsten. Dies ist bei einer Oper, die zum wesentlichen Teil aus melodisch pointierten Duetten, Terzetten und Quartetten besteht, schon mehr als die halbe Miete. Vor allem, wenn man einen derart gut aufgelegten Opernchor als Unterstützung hat (Leitung: Daniel Mayr)

Bremer Philharmoniker überzeugen ebenfalls

Garniert hat Donizetti sein Werk mit einigen großartigen Solo-Arien, die Talke als Pausen inmitten des turbulenten Geschehens inszeniert. Marysol Schalit brilliert als Adina mit ihrem volltönenden, warmen und die diversen Ausschmückungen mühelos meisternden Sopran. Ihr ebenbürtig ist Luis Olivares Sandoval als Nemorino, der das Publikum mit der berühmten, klar akzentuierten Tenorarie „Una furtiva lagrima“ rührt. Patrick Zielke als Dulcamara (Bass), Gustavo Feulien (Bariton) als Belcore und Nerita Pokvytytè als Giannetta (Sopran) ergänzen diesen guten Eindruck. Das gilt auch für die Bremer Philharmoniker, zum ersten Mal von Rolando Garza Rodríguez geleitet. Punktgenau und mit ironischem Unterton wird musiziert, mal geschwelgt, dann wieder mit viel Wumms aufgetrumpft – die Stimmung auf der Bühne jeweils genau illustrierend. Fazit: So geht konische Oper heute. Das fand auch das Publikum, das viel Szenenapplaus spendete und zum Schluss jubelte. Für das Bremer Musiktheater ist „Der Liebestrank“ nach den konzis und atemberaubend inszenierten „Meistersingern“ und der kühnen „Anna Karenina“ zudem bereits die dritte Punktlandung in dieser Spielzeit.

Die nächsten Termine: 1. Dezember und am 11. Dezember, 19.30 Uhr, 14. Dezember, 15.30 Uhr

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