Interview zur Umgestaltung der Bremer Glocke

„Ein Raum, in dem man willkommen ist“

Anne Lüking und Katrin Rabus vom Verein Prophil äußern sich zu ihren Plänen zur Umgestaltung der Glocke. Das Bremer Konzerthaus soll sich besser in die Pläne zur Entwicklung der Innenstadt integrieren.
08.02.2020, 20:35
Lesedauer: 5 Min
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„Ein Raum, in dem man willkommen ist“
Von Iris Hetscher
„Ein Raum, in dem man willkommen ist“

Offener, einladender: So könnte das Konzerthaus Glocke nach den Vorstellungen von prophil aussehen.

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Frau Rabus, Frau Lüking, Sie sind engagiert bei Prophil, dem Freundeskreis der Bremer Philharmoniker, haben sich Gedanken über die Glocke gemacht und diese in einer Broschüre gebündelt. Warum ist das notwendig?

Anne Lueking: Das Potenzial der Glocke wird nicht genutzt. Sie wirkt tagsüber abweisend, leer, verschlossen. Als Kurt Zech und Christian Jacobs kürzlich ihr Konzept für die Innenstadt vorgestellt haben, habe ich mich gefragt: Warum nicht die Glocke einbinden? Dazu kam noch die Diskussion um die Haltestellensituation auf dem Vorplatz. Also ich finde, wenn man die Glocke als Ort weiterentwickeln will, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt.

Die Glocke soll sichtbarer werden und sich besser integrieren in die Pläne zur Entwicklung der Innenstadt?

Katrin Rabus: Unbedingt. Man hat bei der ganzen Diskussion um die Umgestaltung der Domsheide durch die Bremer Straßenbahn AG gemerkt, dass viele Menschen überhaupt nicht wissen, was in der Glocke eigentlich passiert. Das war für uns ein Alarmsignal. Wir möchten das Haus daher auch innen entwickeln, das ist zuletzt 1997 geschehen. Es ist allerdings einiges auch nicht gemacht worden damals, und als 2017 die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnete, war klar: Da müssen wir nachbessern.

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Wie kann das geschehen?

Katrin Rabus: Wir müssen das Haus für ein jüngeres Publikum attraktiver machen, und beispielsweise das Café nach vorne verlegen. So wie das beim Theater am Goetheplatz mit dem „Theatro“ der Fall ist. Das Gebäude muss seine Besucher freundlicher empfangen. Der Pächter des Cafés würde sich übrigens sehr darüber freuen, haben wir in Gesprächen festgestellt.

Wie kann das, abgesehen von einem gastronomischen Angebot an anderer Stelle, noch umgesetzt werden?

Anne Lüking: Die schweren, dunklen Eingangstüren müssen unbedingt ersetzt werden, die müsste man einlagern und Glastüren einbauen. Und dann können wir uns vorstellen, dass der Innenraum den ganzen Tag über bespielt wird, die Glocke wird zum Musikhaus, ähnlich einladend wie die Stadtbibliothek. Es könnte Lunch-Konzerte geben, Proben von diversen Bremer Musikern und Orchestern, Hörstationen oder Orte, an denen kleine Filme geschaut werden. Und natürlich musikpädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche, beispielsweise auch von der Musikwerkstatt der Bremer Philharmoniker. Währenddessen könnten die Eltern sich im Café entspannen und das Treiben auf dem Vorplatz betrachten. Es geht uns auch um Aufenthaltsqualität.

Man müsste einiges umbauen.

Katrin Rabus: Wir haben einen ersten Vorschlag erarbeitet. Man kann natürlich auch groß denken, aber wir wollen pragmatisch bleiben. Auch, damit es nicht sofort heißt, es ist kein Geld da. Grundsätzlich möchten wir die Räume umschichten. Also: Das Café aus der dunklen Ecke ganz nach vorne zur Straßenseite holen und die Fenster vorne bis auf den Fußboden vergrößern, damit es heller wird. Außerdem wäre es gut, die 1995 ins Tiefgeschoss verlegte Garderobe zurück ins Erdgeschoss und vielleicht sogar zusätzlich ins erste und zweite Stockwerk zu verlegen, solche Lösungen sind in anderen Konzerthäusern Standard. Die Schalter für den Ticketverkauf sollten in der Nähe des Cafés sein, von außen gut einsehbar, als offener Desk mit Info- und Werbemöglichkeiten für die Künstler, die abends auftreten.

Anne Lüking: Wir würden uns zudem wünschen, dass mehr Menschen darüber nachdenken, was alles in und mit der Glocke möglich wäre – die Glocke als Teil einer Kulturmeile, die am Rathaus beginnt und dann weiter bis ins Ostertor führt, wie eine Perlenkette. Das könnte zur Belebung der Innenstadt beitragen.

Die Glocke ist ein Gebäude, das Ende der 1920er-Jahre erbaut wurde und seit 1973 unter Denkmalschutz steht. Lassen sich Ihre Umbaupläne einfach so realisieren?

Katrin Rabus: Es gibt in anderen Städten Vorbilder für solche Aktionen; da läuft es sehr harmonisch mit den jeweiligen Denkmalpflegern. Aber es stimmt, es könnte Knackpunkte geben, beispielsweise die dunklen, schweren Eichentüren. So etwas geht heute aber einfach nicht mehr als Eingangssituation. Früher hat sich dadurch das Hohe und Hehre verborgen. Wir wollen aber genau das sichtbar machen und zum Betreten des Gebäudes einladen.

Anne Lüking: Gerade wenn man von Bremen als Musikstadt spricht, muss ein derzeit untergenutztes Juwel wie die Glocke kontinuierlich weiterentwickelt werden. Unsere Vorschläge verstehen wir als Signal für einen derartigen Prozess.

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Wer soll dieses Signal hören?

Katrin Rabus: Die Glocke ist im Besitz der Stadt, aber nicht ein Ressort, sondern gleich zwei sind betroffen. Da gibt es eine starre Trennung: Das Gebäude wird an die Orchester für Proben und Auftritte vermietet – das ist beim Senator für Wirtschaft angesiedelt. Das Vermietgeschäft zielt auf Steigerung der Einnahmen. Auf der anderen Seite werden die Hauptnutzer der Glocke, also die öffentlichen Bremer Orchester, vom Senator für Kultur knapp finanziert, sodass sie notwendige Proben in der Glocke auf ein Minimum reduzieren müssen. Das muss dringend geändert werden. Es ist uns klar, dass das mit zusätzlichen Kosten verbunden ist, aber da geht es ja nicht um große Summen, sondern um eine Verständigung auf politischer Ebene. Unser Anspruch an die Landesregierung ist: Löst dieses Problem!

Haben Sie schon Gespräche geführt?

Anne Lüking: Kultur- und Wirtschaftsbehörde kennen unsere Broschüre, die gerade erschienen ist, da spüren wir durchaus Unterstützung und Wohlwollen. Wir hoffen, dass nun ein Prozess in Gang kommt, vielleicht sogar noch in den aktuellen Haushaltsberatungen.

Wie wollen Sie verhindern, dass Ihre Vorschläge nach einiger Zeit ganz wohlwollend in Schubladen verschwinden?

Anne Lüking: Wir bleiben auf jeden Fall am Ball und führen weiter hartnäckig Gespräche. Und wir hoffen, dass in der Stadt eine Diskussion in Gang kommt über die Glocke als öffentlicher Raum; ein Raum, in dem man willkommen ist.

Es gibt allerdings einen weiteren Knackpunkt, der von der Situation in der Glocke nicht zu trennen ist: die Umsteigesituation an der Domsheide.

Anne Lüking: Klar ist, wenn die Straßenbahnhaltestelle noch enger an die Glocke heranrückt, dann können wir eine wie auch immer geartete Öffnung des Hauses vergessen. Man muss aber auch wissen: Das ist ein historischer Platz, das geht doch nicht, dass der einfach geopfert werden soll.

Katrin Rabus: Die Glocke muss mit Raum drumherum erhalten bleiben, sozusagen mit Luft zum Atmen, sonst ist sie kein attraktives Konzerthaus und Kulturzentrum. Dann ist es so, als würde ich mir über eine Kittelschürze ein Abendkleid ziehen. Das geht auch nicht.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

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Info

Zur Person

Anne Lüking ist Vorsitzende des Vereins Prophil, des Freundeskreises der Bremer Philharmoniker. Die 68-Jährige war Prokuristin bei der Bremischen Gesellschaft und danach beim Bildungssenator beschäftigt.

Katrin Rabus hat Geschichte und Romanistik studiert, als Lehrerin gearbeitet und danach eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Bremen geführt. Die 76-Jährige engagiert sich für zeitgenössische Musik und war erste Vorsitzende von Prophil.

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Zur Sache

Konzerthaus Glocke

Ein Gebäude gibt es an dieser Stelle seit dem 15. Jahrhundert. Es gehörte zum Domstift, wurde für Beratungen des Domkapitels genutzt, nach 1648 auch für Hofgerichtsverhandlungen. Ab 1857 gehörte es dem Bremer Künstlerverein und diente als Vereinslokal. 1915 brannte das ursprünglich achteckige Gebäude ab, zwischen 1926 bis 1928 wurde nach einem Entwurf des Bremer Architekten Walter Görig im Art-Déco-Stil ein Haus mit Konzertsälen und einem Restaurant gebaut: Der Große Saal mit einem Rang hat 1400 Plätze, der Kleine Saal hat 391 Plätze. Seit der Einweihung heißt das Gebäude „Die Glocke“. Der heutige Betreiber, die Glocke Veranstaltungs GmbH, gehört zu 100 Prozent der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. 1995/97 wurde zuletzt umfassend renoviert.

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